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Studieren heute

erschienen in Clara, Ausgabe 11,

Bewerbungschaos, miese Studienbedingungen, Studiengebühren und Bürokratiedschungel - an den Universitäten ist der Ausnahmezustand Alltag geworden.

»Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert, es kommt darauf an, sie zu verändern.« Dieser Satz schmückt in großen Lettern die Eingangshalle der Berliner Humboldt-Universität unter den Linden. Jakob Graf mag die Worte, die Karl Marx in seinen »Thesen über Feuerbach« vor mehr als hundert Jahren niederschrieb. Der 22-Jährige studiert Volkswirtschaftslehre an der Humboldt-Uni. Und er will die Welt verändern. Nach dem Abitur lebte Jakob ein Jahr lang in Südamerika und arbeitete in verschiedenen Entwicklungshilfeprojekten mit. »Da habe ich gemerkt, ich muss mich mit ökonomischen Fragen beschäftigen, um mitreden zu können«, erzählt der junge Mann und streicht sich die langen Haare aus dem Gesicht. »Mir geht es um die Frage nach dem Großen und Ganzen«, sagt Jakob und meint das sehr ernst. »Mir geht es um die Sinnhaftigkeit ökonomischer Systeme.«

Jakob ist inzwischen im dritten Semester. Das große Ganze hat er im Studium nicht gefunden. Der Bachelor-Studiengang VWL ist verschult. Es gibt keine Seminare. Die Professoren halten Vorlesungen, die Studierenden dürfen zuhören. »Es kommt darauf an, auswendig zu lernen«, sagt Jakob. »Wir lesen kein einziges Buch. Diskussionen gibt es nicht.« Jakob ist enttäuscht von seinem Studium. Nach dem zweiten Semester wollte er es abbrechen und stattdessen Politik studieren. Doch er bekam keinen Studienplatz.

Kreatives Denken
wird abtrainiert

Um Anregungen zu erhalten und zu diskutieren, besucht Jakob seither Seminare anderer Fachrichtungen, manchmal auch an der Technischen Universität. Das findet er spannend. Und er liest Theoretiker der Ökonomie - in seiner Freizeit. Im Lesekreis des SDS, des Sozialistisch-demokratischen Studierendenverbands, hat er »Das Kapital, Teil I« von Marx durchgearbeitet. Inzwischen leitet Jakob einen eigenen Lesekreis.

Jakob bekommt BAföG. Sein Bruder studiert in Baden-Württemberg, seine Mutter in Bayern. Beide zahlen Studiengebühren. Jakob kam nach Berlin, weil es hier solche Gebühren nicht gibt. Er machte, was viele tun: Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes meiden junge Studierende inzwischen Länder wie Baden-Württemberg Bayern, Nordrhein-Westfalen oder das Saarland, weil sie dort Studiengebühren zahlen müssen. In diesen Ländern sinken die Erstsemesterzahlen, in den anderen Bundesländern steigen sie. Andere Jugendliche mit Hochschulreife lassen sich ganz vom Studium abschrecken. Nach einer Studie des Hochschul- Informations-Systems (HIS) aus dem Jahr 2008 gaben 25 Prozent aller Abiturienten an, sie verzichten aufgrund von Studiengebühren darauf, sich an einer Universität einzuschreiben - bei den Frauen waren es sogar 31 Prozent.

Pro Semester soll sich Jakob 30 Studienpunkte erarbeiten. Dafür muss er pro Semester sieben bis zehn Prüfungen ablegen. BAföG erhält er nach dem vierten Semester nur, wenn er in der Regelstudienzeit geblieben ist und 120 Studienpunkte ergattert hat. Doch »wer sich neben dem Studium noch engagiert, kann das gar nicht schaffen«, meint Jakob. »Die meisten meiner Freunde im SDS werden die Regelstudienzeit nicht einhalten.« Für Jakob heißt das, ab dem fünften Semester wird er jobben, um sein Studium zu finanzieren.

Anna Gomer hat immer wieder arbeiten müssen, um ihr Studium zu finanzieren. Die 30-Jährige studiert im 13. Semester Germanistik und Kunstgeschichte. Anfangs bekam die junge Frau BAföG. Als das auslief, war sie gerade schwanger. Anna hat eine fast dreijährige Tochter. »Direkt nach der Geburt habe ich im Callcenter angefangen zu jobben«, erzählt sie. Der Freund kümmerte sich derweil um die Tochter. Doch das ging nicht gut. Zum Studieren kam sie irgendwann gar nicht mehr.

Jobben statt Studium

Deshalb hat Annas Freund seit gut einem Jahr sein Studium unterbrochen und jobbt, um ihr das Studium zu finanzieren. Anna hat in einem Jahr alle Scheine gemacht, die sie noch brauchte und schreibt jetzt an ihrer Magisterarbeit. Das Geld langt für den täglichen Bedarf. Doch sobald es zu Sonderausgaben kommt, wird es knapp. Im Augenblick steht eine Heizkostennachzahlung an. »Wir haben das Saxophon schon zum sechsten Mal ins Pfandhaus gebracht«, erzählt Anna. Um das Finanzloch zu stopfen, jobbt Anna zurzeit nachts in einer Tankstelle. Von 22 Uhr bis 6 Uhr morgens. »Danach bist du tagsüber wie betäubt«, meint Anna. Wenn sie die Magisterarbeit abschließen will, muss sie bald wieder aufhören, nebenbei zu arbeiten.

Anders als die meisten Studierenden bekommen Anna und ihr Freund kein Geld von ihren Eltern für den Lebensunterhalt. 90 Prozent aller Studierenden werden mit unterschiedlich hohen Beträgen von ihren Eltern unterstützt. Das fand die letzte Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks heraus. 60 Prozent aller Studierenden jobben noch neben dem Studium. Und knapp 29 Prozent der Studentinnen und Studenten bekommen BAföG. Die Finanzsituation steht in direktem Zusammenhang mit dem Familienhintergrund: Mehr als die Hälfte aller Studierenden kommt aus einem Elternhaus, in dem wenigstens ein Elternteil einen Studienabschluss hat. Nur 14 Prozent aller Studentinnen und Studenten haben Eltern, die lediglich den Hauptschulabschluss erreicht haben.

Wenn Anna ihr Studium beendet hat, wird sie mit einem Berg von Schulden dastehen. Wer BAföG empfängt, muss heute mit Schulden in Höhe von rund 10000 Euro rechnen. Wie sie die wieder loswird, weiß Anna noch nicht. Erst mal geht es eh darum, als Kunsthistorikerin einen Arbeitsplatz zu finden. Immerhin will Anna das Geld verdienen, damit ihr Freund sein Studium beenden kann. »Da werde ich zunächst mal Praktika machen müssen.« Zur Not nimmt sie erst mal irgendeinen Job an, nur um das Geld zum Leben zu verdienen. Dabei wünscht sich Anna mehr. »Mein Traum wäre es zu promovieren«, sagt sie. Die Verbindung von Kunst und Politik will sie durchdringen. Beim SDS verwirklicht sie ihr Thema schon. Dort hat sie im letzten Herbst ein entsprechendes Seminar organisiert. Sie hält Vorträge, veröffentlicht ab und zu einen Artikel.

Als Jakob sein VWL-Studium begann, begrüßte ein Professor die Studenten gleich am ersten Tag mit den Worten: »Seid stolz, ihr habt es geschafft! Ihr habt einen Studienplatz bei uns bekommen! Und schaut euch um! Jeder zweite von euch wird in einem Jahr nicht mehr hier sein!« Er hatte Recht, meint Jakob. Von den 600 Studienanfängern sind im dritten Semester noch höchstens die Hälfte übrig. Die Studien-abbrecherquote bei den Wirtschaftswissenschaften ist hoch, ebenso wie bei den Maschinenbauern und den Ingenieuren. Die Umstellung zu Bachelor-Studiengängen dürfte ein Grund dafür sein, dass die Abbrecherquoten in die Höhe geschnellt sind. Nach einer HIS-Studie scheiterte an den Universitäten in den Jahren 2000 bis 2004 jeder vierte Bachelor-Student. An den Fachhochschulen waren es sogar 39 Prozent.

Studenten sind oft
gezwungen aufzugeben

Jakob will erst einmal weiterstudieren. Parallel dazu liest er gerade »Das Kapital, Teil II« von Marx. Er belegt zurzeit ein Seminar bei der Rosa-Luxemburg-Stiftung. Hier wird wenigstens diskutiert, hier kommt er dem großen Ganzen auf die Spur. Einmal, in einem Seminar zur Wirtschaftsgeschichte hat Jakob den Professor gefragt, warum Karl Marx eigentlich im VWL-Studium an der Humboldt-Universität gar nicht vorkommt. Der Professor entgegnete: »Marx? Der ist veraltet. Und außerdem ist er seit 1990 empirisch widerlegt.«

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