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Stress im Job macht krank

Von Jutta Krellmann, erschienen in Clara, Ausgabe 25,

Woche für Woche fühlt die Fraktion DIE LINKE der Bundesregierung mit
parlamentarischen Anfragen auf den Zahn. Was die Regierung gern verheimlicht, kommt so ans Licht. Das ist wichtig für
die Betroffenen und für die Öffentlichkeit. Nicht selten sind diese Anfragen für Journalistinnen und Journalisten der
Stoff, aus dem sie ihre Geschichten machen. So auch beim Thema »Burnout
als neue Volkskrankheit«.

 

Es war eine kleine Anfrage, die am Ende für großen Wirbel sorgte. Gestellt hatte sie Jutta Krellmann, in der Fraktion DIE LINKE Sprecherin für Arbeits- und Mitbestimmungspolitik. Das Thema ist zwar kein Tabu mehr, aber doch eins, über das ungern laut gesprochen wird: psychische Belastungen in der Arbeitswelt.

Die Zahlen, Fakten und Studien dazu sind bestürzend. Der häufigste Grund für krankheitsbedingte Fehltage waren im Jahr 2010 erstmals Depressionen. Immer öfter werden Menschen wegen psychischer Störungen im Krankenhaus behandelt. Ihre Zahl nahm in den vergangenen 20 Jahren um 129 Prozent zu. Auf dem Krankenschein steht immer öfter die Diagnose Burnout und mit rund 40 Prozent sind psychische Störungen auch die häufigste Ursache für eine Erwerbsminderung.

Diese alarmierenden Tatsachen sind belegt durch den Gesundheitsreport 2011 der Techniker Krankenkasse, durch das Wissenschaftliche Institut der AOK und viele weitere Studien. DIE LINKE hat sie nur gebündelt und anschließend detaillierte Fragen an die Bundesregierung gerichtet.

Ausgebrannt
und erschöpft

Die Antworten ließen zunächst auf sich warten, machten dann aber von der Frankfurter Rundschau über Saarbrücker Zeitung, Deutschlandradio Kultur und Bayrischen Rundfunk bis hin zu den Online-Seiten von Spiegel, Stern, Focus und Zeit so gut wie alle Medien hellhörig. In fetten Headlines stand: »Ausgebrannt durch Stress«, »Burnout verursacht immer mehr Arbeitsausfälle« oder »Arbeitsdruck macht krank«.

Die schwarz-gelbe Bundesregierung musste in ihrer Antwort einräumen, dass die Arbeitsunfähigkeitstage für psychische Erkrankungen und Verhaltensstörungen in Millionen gerechnet von 33,6 im Jahr 2001 auf 53,5 im Jahr 2010 angestiegen sind. Das ist eine rasante Steigerung, aber nur die sichtbare Seite des Problems. Denn – so heißt es im Antwortschreiben – »wirtschaftlich angespannte Lagen sorgen dafür, dass Erwerbstätige tendenziell eher geneigt sind, aus Angst vor einer Kündigung krank zur Arbeit zu gehen.« Im Klartext: Die Dunkelziffer für Depressionen oder andere seelische Leiden scheint noch höher zu sein.

Studien belegen außerdem, dass Frauen besonders häufig berufsbedingt krank werden. Sie arbeiten vorrangig im Gesundheitswesen und in Sozial- und Erziehungsberufen — Jobs, in denen Depressionen vermehrt auftreten.

Immer mobil, immer flexibel, immer erreichbar, immer mehr in kürzerer Zeit schaffen — das ist schon lange nicht mehr die Ausnahme, sondern die Regel in der Arbeitswelt. Pendeln und lange Arbeitswege machen ebenso krank wie ständige Erreichbarkeit, jede Menge Überstunden oder wechselnde Arbeitsorte und befristete Beschäftigungsverhältnisse. Das belegt erneut der im August veröffentlichte »Fehlzeiten-Report 2012« des Wissenschaftlichen Instituts der AOK.

Trotzdem will die Bundesregierung vorerst kein Gesetz. Sie will abwarten und den Wissens- und Kenntnisstand verbreitern. Erst dann soll entschieden werden, ob sie Arbeitgebern »konkrete Schutzmaßnahmen« vorschreiben muss.

Jutta Krellmann weiß, dass das Prinzip der Freiwilligkeit hier überhaupt nicht greift. Sie fordert eine Anti-Stress-Verordnung, genauso wie die Gewerkschaft IG Metall.
 

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