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Stimmen für den Frieden

erschienen in Clara, Ausgabe 29,

Seit Kriegsbeginn hat DIE LINKE stets gegen den Einsatz der Bundeswehr in Afghanistan gestimmt – in Übereinstimmung mit der Mehrheit der deutschen Bevölkerung. Sie hat zudem die Debatte in Deutschland beeinflusst, indem sie Afghaninnen und Afghanen vielfach Gelegenheit gab, ihre Sicht auf diesen Krieg zu schildern.

Bulbul hat beim Massaker von Kundus drei Enkelkinder verloren. Ihr Schicksal war die Titelgeschichte einer Ausgabe der Fraktionszeitung Klar und Teil einer Ausstellung über den Afghanistankrieg.

Das Massaker von Kundus war der folgenreichste Militärangriff, an dem Deutschland seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs beteiligt war. In der Nacht des 4. September 2009 bombardieren auf deutschen Befehl hin Kampfflugzeuge zwei Tanklastzüge. Bis zu 142 Menschen sterben in dem Flammeninferno, darunter viele Jugendliche und Kinder.

Wenige Monate später reisen zwei Bundestagsabgeordnete der Fraktion DIE LINKE nach Afghanistan, um vor Ort mit Hinterbliebenen und Verletzten zu sprechen. In einem Dorf treffen sie Bulbul, die bei dem Bombenanschlag drei Enkelkinder verloren hat. Sie erzählt, dass die Kinder zu den Tanklastern rannten, um Benzin zu zapfen. „Wäre ich nicht arm, hätten wir kein Benzin gebraucht“, sagt sie damals unter Tränen.

DIE LINKE dokumentiert die Augenzeugenberichte der überlebenden Dorfbewohnerinnen und -bewohner und veröffentlicht sie. In Klar, der Zeitung der Fraktion DIE LINKE, berichtete Bulbul erstmals von ihren Erinnerungen an die Horrornacht. Und aus den Fotos, die bei der Reise nach Afghanistan gemacht wurden, entstand eine Ausstellung, die bundesweit an mehr als 300 Orten gezeigt wurde.

Dr. Habibe Erfan ist die einzige Afghanin, die im Untersuchungsausschuss des Bundestags zum Massaker von Kundus ausgesagt hat. Wegen dieser Aussage musste sie später aus ihrer Heimat fliehen.

Monatelang hat Habibe Erfan über das Massaker von Kundus recherchiert, mit den Familien der Opfer gesprochen. Schließlich konnte sie die hohe Zahl an zivilen Opfern des Bombardements belegen. Mittels Wahlausweisen der getöteten Erwachsenen und Schulzeugnissen der ermordeten Kinder wies sie nach, dass es sich nicht um Taliban gehandelt hat.

Die Fraktion DIE LINKE hat sie nach Deutschland eingeladen. Auf einer Vortragsreise berichtet sie unter anderem in Berlin, Bonn, Stuttgart, Frankfurt/Main und Hamburg von der Trauer der Hinterbliebenen. Sie erzählt, wie enttäuscht die Menschen in Kundus von der Bundesregierung sind, die nicht bereit ist, angemessene Entschädigung zu zahlen. Und sie kritisiert den Krieg: „Menschen- und Frauenrechte werden in Afghanistan mit Füßen getreten. Ziviler Aufbau findet nicht statt.“

Auf Initiative der Fraktion DIE LINKE sagt Habibe Erfan vor dem Untersuchungsausschuss des Deutschen Bundestags aus. Neben einem Afghanen, der für die Bundeswehr gearbeitet hat, ist sie die einzige afghanische Zeugin, die dort gehört wird. Wegen ihrer Aussagen muss sie aus ihrer Heimat fliehen. Heute lebt sie in Hessen.

Malalai Joya (35) war die erste Abgeordnete im afghanischen Parlament und kämpfte gegen die korrupte Regierung und die Besetzung ihres Landes. Sie überlebte sechs Mordanschläge und lebt heute teilweise im Untergrund.

Im Jahr 2003 prangerte Malalai Joya in der Großen Ratsversammlung an, dass dort Kriegsverbrecher und Drogenbarone säßen, die für ihre Verbrechen nicht belangt würden. Zwei Jahre später wurde sie als erste Frau ins Parlament gewählt.

Malalai Joya überlebte sechs Mordanschläge, muss regelmäßig ihren Aufenthaltsort wechseln, wird ständig von Personenschützern bewacht. Im Jahr 2007 wurde sie per Mehrheitsbeschluss aus dem afghanischen Parlament ausgeschlossen. Sie hörte trotzdem nicht auf, die Besetzung ihres Landes durch die Nato zu kritisieren und einen sofortigen Abzug der Streitkräfte aus Afghanistan zu fordern.

Auf Einladung der Fraktion DIE LINKE reiste Malalai Joya Anfang 2010 und im Januar 2011 nach Deutschland und sprach auf mehreren Veranstaltungen. Damals sagte sie: „USA und Nato fielen in Afghanistan angeblich für die Rechte der Frauen ein, aber heute ist die Situation der Frauen genauso katastrophal wie unter der Herrschaft der Taliban. Die ausländischen Truppen müssen sich zurückziehen, denn ihre Anwesenheit erschwert den Kampf um Gerechtigkeit.“

Said Mahmoud (28) gehört der Afghanischen Solidaritätspartei an. Vor zwei Jahren besuchte er die Afghanistankonferenz der Fraktion DIE LINKE und forderte in einem Interview Unterstützung für die Demokratiebewegung.

Hat der Bundeswehreinsatz in Afghanistan Ihnen mehr Freiheit gebracht?

Said Mahmoud: Der Krieg hat vor allem den Warlords Freiheit gebracht, aber nicht den einfachen Menschen. Täglich werden mehr als 40 Menschen von den Taliban und den Nato-Truppen ermordet.

Wie sieht der Alltag der Menschen aus?

95 Prozent der afghanischen Frauen haben keine Schulbildung, sind Analphabeten. Mehr als 70 Prozent meiner Landsleute müssen mit weniger als 30 Cent am Tag zum Leben auskommen.

Was werfen Sie den Nato-Truppen vor?

Die westlichen Truppen haben täglich die Rechte der Menschen missachtet, ihre Häuser ohne Erlaubnis betreten, Dörfer bombardiert und Kinder, Frauen und alte Männer umgebracht. So haben sie immer nur die Warlords und Taliban gestärkt.

Was könnte den Afghanen und Afghaninnen wirklich helfen?

Wir brauchen Fortschritte bei der Bildung. So könnten sich die Menschen in Afghanistan irgendwann selbst helfen. Zudem muss die junge demokratische Bewegung in Afghanistan gestärkt werden. Sie braucht finanzielle und personelle Hilfe.

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