Skip to main content

Schufterei im hohen Alter

erschienen in Clara, Ausgabe 38,

Immer mehr Seniorinnen und Senioren gehen im Rentenalter schuften – viele wegen Altersarmut.

 

 

Zu seiner Altersarmut bekennt sich Ulrich F. (69) aus Hessen in seinem Umfeld. Der gelernte Gärtner zeigt vielen freimütig den amtlichen Bescheid, der ihm eine karge Altersrente von etwa 650 Euro zuspricht. In Wahlkämpfen sucht er Infostände von Parteien auf und konfrontiert sie damit, dass sie in früheren Bundesregierungen mit Rentenkürzungen auch ihn „um die Lebensleistung betrogen“ haben. Er ist auf Wohngeld und Nebenjobs angewiesen und kommt „mehr schlecht als recht über die Runden“.   Ulrich F. arbeitete jahrzehntelang als angelernter Laborant in einer Klinik. Später absolvierte er eine Umschulung zum Bürokaufmann. Doch mit 50 Jahren galt er für den Arbeitsmarkt schon als „zu alt“. Gut 150 Absagen machten ihn krank. Einen Herzinfarkt konnte er auskurieren. „Aber dann war der Ofen ganz aus“, erinnert er sich. Jetzt reicht das Geld nur „mit Ach und Krach“. So wird schon das Ticket zum Verwandtenbesuch im 200 Kilometer entfernten Heimatdorf zum Luxus. Er hat in Minijobs Supermarktregale aufgefüllt, hat Häuser gehütet und Pflanzen gegossen. „Aber ich werde nicht jünger, und mit zunehmendem Alter wird es immer schwerer, solche Jobs zu finden“, sagt Ulrich F.   Sein Altersgenosse Michael Fey wohnt in Nordbayern. Er beherrscht viele Sprachen und war viele Jahrzehnte lang bei Migrantinnen und Migranten ein gefragter freiberuflicher Übersetzer und Dolmetscher, zeitweilig auch Dozent auf Honorarbasis. Sein Schicksal steht für das, was in den kommenden Jahren immer mehr Menschen droht, die sich heute freiwillig oder unfreiwillig als Soloselbstständige durchschlagen müssen. Zwar reichte Michael Feys Einkommen für ein Leben mit bescheidenen Ansprüchen, der Zugang in die gesetzliche Renten- und Krankenversicherung blieb ihm jedoch versperrt, insbesondere für eine private Altersvorsorge fehlte das Geld.    Im Rentenalter als Dolmetscher weiterarbeiten, das war Michael Feys Plan, als er vor vielen Jahren an die Konsequenz seiner Selbstständigkeit ohne Rentenvorsorge dachte. Doch es kam anders: Irgendwann ließ die Nachfrage nach seinen Diensten als Dolmetscher nach, auch weil viele seiner Kunden mittlerweile selbst Deutsch konnten. Gleichzeitig wurde Michael Feys private Krankenversicherung immer teurer. Die Rechnung ging nicht auf. Michael Fey ist auf Grundsicherung im Alter, die Sozialhilfe für Ältere, und auf Lebensmittel aus einer von bundesweit über 900 Tafeln angewiesen.   Als Zeitungsausträger verdient sich Michael Fey ein kleines Zubrot. Wenn er bei Wind und Wetter seinen schweren Wagen kilometerweit durch die Gegend zieht und die Zeitungen gewissenhaft in die Briefkästen steckt, kommt ihm immer wieder in den Sinn, dass ihm als Sozialhilfeempfänger 70 Cent von jedem erarbeiteten Euro wieder abgenommen werden. Phrasen wie „Leistung muss sich lohnen“ klingen da wie Hohn in seinen Ohren. „Ich muss so sehr sparen, dass ich mir kaum noch Bücher leisten kann, geschweige denn neue Kleidung oder eine angenehm geheizte Wohnung“, sagt er.   Nicht alle Betroffenen „outen“ sich mit Namen und Gesicht wie Michael Fey. Viele scheuen aus Scham den Weg zum Sozialamt und verzichten auf Sozialleistungen, die ihnen zustehen. Anonym bleiben will auch Lieselotte W. (73). Sie wohnt im „Wohlstandsgürtel“ um Stuttgart. Die gelernte Frisörin und zweifache Mutter arbeitete bis zur Rente. Harte Arbeit und Dienst am Kunden verrichtete sie gerne. Heute bezieht sie eine ähnlich mickrige Altersrente wie Ulrich F. Weil sie hin und wieder die Enkelkinder besuchen und beschenken will, geht sie regelmäßig putzen.   Fast vier Jahrzehnte lang hat auch Kerstin C. (67) aus Südniedersachsen in die Rentenkasse einbezahlt. Da sie ihre drei Kinder allein erzog, konnte sie lange nur in Teilzeit arbeiten. Mit 630 Euro Rente ist sie auf Grundsicherung, einen kleinen Nebenverdienst und die Tafel angewiesen. Dort trifft sie regelmäßig Menschen, die trotz renommierter Berufe und guter Ausbildung allein von der Rente nicht leben können.   Immer mehr Menschen, die ein Leben lang redlich gearbeitet haben, landen im Alter unter der Armutsgrenze. Viele arbeiteten im Niedriglohnsektor oder waren zeitweilig arbeitslos, haben sich aufopferungsvoll um Kinder und Angehörige gekümmert oder konnten als Soloselbstständige keine Rücklagen bilden. Sie konnten sich die fragwürdige private Riester-Rente nicht leisten, die ohnehin voll auf die Sozialhilfe angerechnet wird. Für sie gibt es auch keine Betriebsrente. Anders als gut situierte Senioren können sie von Urlaub und Überwintern im warmen Süden nur träumen. Anstatt den Lebensabend zu genießen, tragen sie Zeitungen aus, füllen Regale, fahren Bus und Taxi oder putzen Betriebe und Wohnungen. Wer keinen Job findet, wühlt in Abfallkörben nach Pfandflaschen.   Bundesweit gingen im März 2015 knapp 914.000 Menschen im Rentenalter einem Minijob nach, im Jahr 2003 waren es erst knapp 533.000. Nummer eins unter den Branchen ist mit fast 154.000 Minijobberinnen und -jobbern im Rentenalter der Handel. Dies teilte die Bundesagentur für Arbeit der Bundestagsabgeordneten Sabine Zimmermann (DIE LINKE) mit. Zwar gebe es auch viele rüstige ältere Minijobber ohne Existenzsorgen, die gerne aktiv bleiben wollten, erklärt Zimmermann. „Aber immer mehr Ruheständler treibt nicht Spaß und Zeitvertreib, sondern Not zur Jobsuche.“   All dies ist nicht gottgewollt, sondern von Menschenhand gemacht. Seit der von SPD und Grünen durchgesetzten Rentenreform aus dem Jahr 2001 sinkt das Rentenniveau fast stetig. Die von CDU/CSU und SPD eingebrachte Anhebung der Regelaltersrente auf 67 Jahre bringt schmerzhafte Kürzungen für alle, die es nicht bis 67 schaffen – Niedriglöhne und Lücken in der Erwerbsbiografie tun das Übrige. So droht auch etlichen Durchschnittsverdienern die Altersarmut.    Dies bestätigt auch der Sozialverband VdK. „Durch das Absenken des Rentenniveaus befinden sich die Neurenten seit Jahren im Sinkflug, sodass immer mehr Rentner unter die Armutsschwelle rutschen“, warnt VdK-Präsidentin Ulrike Mascher.  

Auch interessant