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Schöne neue Geschlechtergerechtigkeit?

erschienen in Lotta, Ausgabe 11,

Chancen und Risiken für Frauen in der digitalen Arbeitswelt 

Die Industrialisierung des 18. und 19. Jahrhunderts wird wegen ihrer radikalen Gesellschaftsumwälzung zu Recht als Revolution bezeichnet. Zwei Jahrhunderte später stehen wir wieder mitten in der nächsten Revolution, diesmal ist es eine digitale. Der prognostizierte „Tsunami auf dem Arbeitsmarkt“ wird dabei mitnichten nur Jobs in der Produktion vernichten, in der schon bisher viele Menschen durch Automatisierung und Roboter ersetzt wurden. Gerade auch in Berufen, die analytisches Denken voraussetzen, hat der Computer den Menschen inzwischen überholt. Etwa bei Sachbearbeitern oder zum Teil sogar bei der Rechtsanwältin. Nach derzeitigen Spekulationen sind in Deutschland zwei von drei Arbeitsplätzen bedroht.

Die wirklich radikalen Veränderungen basieren diesmal jedoch nicht allein auf einem technischen Fortschritt, der die Produktivität steigert, sondern auf der neuen Qualität von Kommunikation und Vernetzung von Menschen. In einem globalen „Informationsraum“ agieren sie miteinander über kulturelle Grenzen wie Sprachen hinweg. Durch Cloudworking werden Arbeitsprozesse aus Betrieben und Standorten an Freiberufler auf der ganzen Welt ausgelagert. Die Verdopplung der weltweiten Datenmenge alle zwei Jahre macht sich Big Data zunutze, indem es durch die statistische Auswertung von Massendaten neue Erkenntnisse generiert. Im Internet der Dinge versorgen sich die Drucker mit neuem Toner und die Wohnungen heizen sich effektiv nach Bedarf selbstständig auf, die Gegenstände bedürfen keiner menschlichen Steuerung mehr.

Nicht zuletzt dürften auch die Geschlechterverhältnisse durch die Digitalisierung der Arbeitswelt in Bewegung geraten. So bringen die digitalisierten Arbeitsformen mehr Flexibilität, was Ort und Zeit der Arbeit angeht. Dank mobiler Endgeräte kann nicht nur im Büro oder im Homeoffice, sondern überall gearbeitet werden. Wer Kinder in die Kita oder pflegebedürftige Eltern zur Ärztin begleiten muss, ist dadurch nicht mehr per se von der Übernahme beruflicher Verantwortung ausgeschlossen. Davon könnten besonders Frauen profitieren, die immer noch die Hauptlast unbezahlter Sorgearbeit zu Hause tragen. Hier gilt unbedingt, die Möglichkeiten der Digitalisierung tatsächlich für eine bessere Arbeitszeitautonomie der Beschäftigten zu nutzen, gleichzeitig aber eine totale Entgrenzung und ständige Verfügbarkeit zu verhindern. Eine große Herausforderung ist der Erhalt und die Stabilisierung der sozialen Sicherungssysteme. Werden Menschen massenweise durch Maschinen ersetzt, zahlen die Unternehmen für diese keine Sozialabgaben mehr. Gleichzeitig müssen auch die – oft prekär – selbstständigen „Clickworker“ sozial abgesichert werden. Menschen also, die für Honorare weit unter Mindestlohn über Internetplattformen Aufgaben wie Datenrecherche oder Informationsverifizierung übernehmen. Die Reduzierung sowie die globale Umverteilung von Arbeitsvolumina bieten aber auch die einzigartige Gelegenheit zu einer gesellschaftlichen Neuaushandlung von Arbeit. Dabei können die Zeiten für Erwerbsarbeit und für unbezahlte Arbeit neu verteilt und somit kann auch mehr Geschlechtergerechtigkeit erreicht werden. Dies geht natürlich mit der Frage nach einer Umverteilung von oben nach unten einher, die sich angesichts der Erosion von Arbeitsplätzen in einer bisher auf Erwerbsarbeit fußenden Marktwirtschaft ohnehin stellt.

Neben einer besseren Vereinbarkeit von Beruf und Familie könnten Frauen auch davon profitieren, dass in der künftigen Arbeitswelt vernetztes Arbeiten und Kommunikation an Bedeutung gewinnen. Technologiesoziologinnen und -soziologen erwarten, dass die immer mehr von ihrer Software bestimmte Hardware die Arbeitskultur und Berufsbilder verändern und für Frauen attraktiver machen wird. Außerdem würden Berufsfelder mit einem höheren Frauenanteil – beispielsweise Wirtschaftsinformatik, Betriebswirtschaft oder das Wirtschaftsingenieurswesen – immer wichtiger. Eine große Hürde für die geschlechtergerechte Gestaltung der „Arbeit der Zukunft“ besteht jedoch darin, dass die Digitalisierung selbst ein männlich dominiertes Feld ist. Die Entwicklung der neuen Arbeits- und Führungskonzepte geht ja gerade von solchen Branchen aus, in denen Frauen nicht nur stark unterrepräsentiert sind, sondern zum Teil auch aktiv ausgegrenzt werden. Die von Sexismus geprägte ITBranche ist ein Beispiel dafür. Gerade hier sind Erniedrigung und sexuelle Belästigung von Frauen weit verbreitet, und deshalb verlassen mehr als die Hälfte der weiblichen Beschäftigten diesen Sektor bereits auf der Mitte der Karriereleiter. Ähnlich erleben es Netzfeministinnen. Die gegen sie erhobenen Mord- und Vergewaltigungsdrohungen sind mehr als nur Machogehabe innerhalb der Homogenität von Boy's Clubs, hier geht es auch um gesellschaftliche Macht.

Die Verwirklichung von Digitalisierungschancen ist kein Selbstläufer. Sie erfordert die aktive Gestaltung – vor allem und besonders durch Frauen – und sie erfordert eine politische Auseinandersetzung darüber, wie wir in und mit dieser digitalisierten Welt leben wollen.

Geraldine Carrara ist Referentin für Gleichstellungspolitik der Fraktion DIE LINKE

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