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Schlecker ist überall

erschienen in Klar, Ausgabe 16,

Drogerie-Boss Anton Schlecker ersetzte Verkäuferinnen durch billige Leiharbeitskräfte. Doch Schlecker ist kein Einzelfall.

Anfang 2009 beginnt Anton Schlecker seinen Drogerie-Konzern zu trimmen. Der Multi-Milliardär schließt viele hundert Schlecker-Filialen und eröffnet größere XL-Märkte. Er entlässt mehrere tausend Beschäftigte und bietet ihnen an, als Leiharbeitskräfte für die Leiharbeitsfirma Meniar in den XL-Märkten anzuheuern.
Meniar, für die der bisherige Schlecker-Manager Alois Over als Geschäftsführer fungiert, zahlt Dumping-Löhne: Die Verkäuferinnen erhalten nur 6,78 Euro pro Stunde statt bisher 12,70 Euro. Sie bekommen weniger Urlaub und weder Urlaubs- noch Weihnachtsgeld. Viele Verkäuferinnen werden so zu Hartz-IV-Aufstockerinnen.
Ver.di-Mann Achim Neumann: „Schlecker saniert sich auf dem Rücken der Verkäuferinnen und zulasten der Gesellschaft.“ Die Schlecker-Verkäuferinnen und ihre Betriebsräte wehren sich gegen die Kündigungen. Ab Anfang 2009 gehen sie in vielen Orten auf die Straße und zeigen dem Drogeriemarkt die rote Karte. „Die Leute im Ort kennen unsere Verkäuferinnen und waren entsetzt, als diese im neuen XL-Markt nicht übernommen werden sollten“, erinnert sich Betriebsrätin Katja Deusser an Aktionen in Groß-Bieberau.
Schlecker ist kein Einzelfall. Seit SPD und Grüne im Jahr 2004 das Arbeitnehmerüberlassungsgesetz liberalisiert haben, boomt die Zeitarbeit.
Unternehmen wie Meniar, gegründet für die „konzernabhängige Arbeitnehmerüberlassung“, sind seitdem völlig legal. Immer mehr Unternehmen verlagern Beschäftigte in eigene Verleihfirmen und vermieten diese Beschäftigten dann an sich selbst zurück. Allein von 2004 bis 2008 hat sich die Zahl der Leiharbeiterinnen und -arbeiter auf rund 800000 verdoppelt.
Ende vergangenen Jahres erreicht der „Fall Schlecker“ den Bundestag. Sabine Zimmermann (DIE LINKE) fragt die Bundesregierung, welche Haltung sie zu den Praktiken bei Schlecker beziehe. „Die Bundesregierung ist kein Forschungsinstitut, dessen Aufgabe es wäre, solchen Einzelfällen nachzugehen“, lautet die Antwort.
Nach heftigen Protesten rudert die Regierung Anfang 2010 plötzlich zurück: „Bei Schlecker gucken wir sehr genau hin, ob da Missbrauch betrieben wird oder ob Gesetze umgangen werden.“ Und auch Anton Schlecker zieht die Notbremse. Er werde keine weiteren Leiharbeitskräfte über seine Zeitarbeitsfirma Meniar anstellen, ließ der Milliardär verkünden.
Da sich die Regierung aber weigert, Gesetze zu ändern, plagen die Schlecker-Verkäuferinnen weiterhin Existenzängste. Niemand weiß, was mit den mehr als 4300 Leiharbeiterinnen von Meniar passiert und ob sich Schlecker nicht einfach eine andere Leiharbeitsfirma sucht. „Wir wissen nicht, ob wir nächstes Jahr noch da sind“, fasst die Rüsselsheimer Betriebsrätin Ursula Regenfuß die Stimmung zusammen. Von der Politik fordert sie Taten: „Dass Schlecker oder wer auch immer Scheinfirmen wie Meniar gründen kann, muss endlich aufhören.“

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