Skip to main content

RotZSchwul. Der Beginn einer Bewegung. 1971 – 1975.

erschienen in Lotta, Ausgabe 11,

Eine Lesempfehlung.

Vor 40 Jahren endete das Treiben einer kleinen Schwulengruppe, die in und um Frankfurt am Main für viel Wirbel gesorgt hatte. Jannis Plastargias geht den Spuren von RotZSchwul nach, einer kleinen avantgardistischen Organisation, die zwischen den Jahren 1971 bis 1975 im Windschatten der Frankfurter Spontis (zu denen auch Joschka Fischer gehörte) agierte.

RotZSchwul war eng mit dem universitären Leben in Frankfurt verbunden. Der Philosoph Theodor W. Adorno hatte hier gelehrt und das intellektuelle Klima übertrug sich auf die dortige Bewegung. Bei RotZSchwul wurden Freud, Marcuse und Marx gelesen. Sie veröffentlichten Flugblätter, zogen sich Frauenkleider an, organisierten selbst Demonstrationen oder beteiligten sich an anderen. Auf dem Buchcover ist Martin Dannecker, der theoretische Kopf der Gruppe, abgebildet. Eine Aufnahme von inzwischen historischem Wert, denn es war die erste Schwulendemonstration der Bundesrepublik überhaupt. Stattgefunden hat sie 1972 in Münster. Dannecker wurde später Professor und Vizedirektor des Instituts für Sexualwissenschaft in Frankfurt am Main. RotZSchwul gelang es im Jahr 1974, der Stadt ein Kommunikationszentrum abzuringen. Doch der frühere Elan versiegte, die Gruppe löste sich in den Folgemonaten auf. Plastargias beschreibt spannend und stellt aktuelle Bezüge her, auch wenn manchmal etwas unvermittelt und bemüht. Denn vieles hat sich seither grundlegend verändert. Eine tiefere Beleuchtung von RotZSchwul wäre an einigen Punkten interessant gewesen. Beispielsweise, wie wirkten sich die Spätwehen der strafrechtlichen Verfolgung Homosexueller auf die Gründungsphase aus?

Warum organisierte sich RotZSchwul in Frankfurt am Main als reine Schwulengruppe, anders als in Westberlin, wo es in der Anfangsphase zumindest einen Versuch der gemeinsamen Organisierung von Lesben und Schwulen gab? Das rotzfreche Auftreten von RotZSchwul ist ja gerade deshalb so interessant, weil bis 1969 männliche Homosexualität per Gesetz in der Bundesrepublik verboten war. Verfolgt nach dem von den Nazis 1935 verschärften Paragrafen175 Strafgesetzbuch. Mehr als 50.000 Männer wurden noch im Nachkriegsdeutschland verurteilt, etliche zu vielen Jahren Zuchthaus. Weibliche Sexualität galt als unbedeutend, sie fiel in der Öffentlichkeit weniger auf, wurde auch juristisch nicht verfolgt. Das hätte der Autor stärker würdigen können, gerade für heutige, jüngere Leserinnen und Leser. Plastargias zitiert Dannecker mit denWorten: „Da, wo die Frauen am meisten entwertet werden, ist die Schwulenfeindlichkeit am größten.“ Hätte das nicht den Schulterschluss mit den Frauen nahegelegt? Doch der Autor geht dieser Frage nicht nach. Trotz der offenen Fragen ist sein Buch kurzweilig, informativ und eine spannende Lektüre über eine bislang wenig beleuchtete Aufbruchsära.

 

Bodo Niendel