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Respekt statt erhobener Zeigefinger

erschienen in Querblick, Ausgabe 11,

Frau Korn, als Autorin und Dolmetscherin engagieren Sie sich seit vielen Jahren gegen weibliche Genitalverstümmelung in Deutschland und in Afrika. Worin liegt dabei Ihr Schwerpunkt?
Als Ehrenamtliche gebe ich unzählige Beratungsstunden. Ich versuche, Migrantenfamilien davon zu über-zeugen, die schrecklichen Folgen der weiblichen Beschneidung klar und unmissverständlich zu erkennen. Mein Ziel ist also, alle Migrantenfamilien in ganz Deutschland über weibliche Beschneidung aufzuklären. Viele wissen noch nicht, was Beschneidung bedeutet, welche Folgen sie hat, welche Gründe usw.

In welchen Situationen bietet sich Ihnen die Möglichkeit für solche Gespräche?
Beispielsweise wenn eine Familie durch die Töchter eine asylrechtliche Anerkennung in Deutschland bekommen kann. Ein Mädchen, das aus einem Land kommt, in dem weibliche Genitalbeschneidung praktiziert wird, kann bei uns Asyl bekommen. Das ist für viele Familien ganz neu. Mädchen werden auf einmal also durch ihr Geschlecht aufgewertet. Sie sind nicht mehr von einer Heirat abhängig, sondern haben ein eigenes Asylrecht.

Seit vier Jahren sind Sie 2. Vorstandsvorsitzende von Forward Germany. Der Verein ist in seiner Arbeit gegen weibliche Genitalverstümmelung einer antirassistischen Grundhaltung verpflichtet. Wie beeinflusst das die alltägliche Arbeit des Vereins?
Das Problem vieler Migranten ist wie folgt: Es gibt immer mehr Menschen in Deutschland, die sich für das Thema interessieren. Gleichzeitig bekommen sie aber ein komplett falsches Bild von der Tradition der Beschneidung. Sie wollen sich für eine gute Sache einsetzen, verlieren aber den Überblick. Ich versuche ihnen daher wichtige Information weiterzugeben: Wie sieht richtige Hilfe aus? Woher bekomme ich Informationen? Und wie verhalte ich mich, wenn ich den Verdacht habe, dass ein Mädchen von Genitalbeschneidung bedroht ist?

Was ist in einem solchen Fall besonders wichtig?
Es ist sehr wichtig, den Menschen, die es zu beraten gilt, mit Respekt zu begegnen und nicht mit dem erhobenen Zeigefinger zu kommen. Das heißt ausdrücklich nicht nach dem Motto zu handeln »Afrikaner machen alles falsch, daher müssen wir Europäer eingreifen, um den Kindern zu ihren Rechten zu verhelfen.«

Ich bin als ehrenamtliche Beraterin immer mittendrin im Geschehen. Für mich zählen keine Theorien, sondern die Praxis. Mein Wissen stammt nicht aus der Literatur, sondern aus eigener Erfahrung. Mir ist dabei die Arbeit mit anderen Organisationen sehr, sehr wichtig. Wir können das Thema weibliche Beschneidung nur beenden, wenn wir als Menschen aller Hautfarben, Religionen und politischen Einstellungen zusammenarbeiten. Kollektiv handeln ist die Devise und nicht einzelner Aktionismus.
Welche Erwartungen haben Sie an die Politik? Was könnte die Situation von Frauen und Mädchen verbessern, die von weib-licher Genitalverstümmelung betroffen bzw. bedroht sind?
Ich erwarte mir von Politik, dass das Problem endlich nicht mehr nur auf Afrika geschoben wird. Migranten müssen in Deutschland ihre Rechte bekommen, so wie sie auch Pflichten erfüllen müssen, wenn sie nach Deutschland kommen. Solange keine Finanzmittel  für Beratungsstellen zur Verfügung gestellt werden, sondern das ehrenamtliche Arbeiten für selbstverständlich gehalten wird, ändert sich auch nichts an der Situation der Migranten.
Das Interview führte Jutta Kühl

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