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Republik der Minijobber

erschienen in Klar, Ausgabe 23,

Mehr als 7 Millionen Menschen arbeiten als Minijobber in Deutschland: Sie werden oft schlecht bezahlt, ausgenutzt und kommen kaum über die Runden. Klar hat mit einem gesprochen, der sich gegen die Ausbeutung wehrte.

Berlin, im April. Andreas Döhnert sitzt seinen Vorgesetzten bei der Firma Berliner Jacobsen GbR gegenüber. Einen Monat lang hat der 54-Jährige für das Unternehmen Ferienwohnungen in der Hauptstadt gereinigt. Doch obwohl er laut Gesetz 8,55 Euro pro Stunde verdienen sollte, will ihm sein Arbeitgeber nur sieben Euro bezahlen. Von den vorgeschriebenen 28 Urlaubstagen im Jahr soll er nur 24 bekommen. Damit ist Andreas Döhnert nicht einverstanden. Warum soll er nicht bekommen, was ihm gesetzlich zusteht?

Seine Arbeitsbedingungen sind ohnehin hart genug. Sein Job bei Jacobsen bringt ihm monatlich maximal 400 Euro ein. Deshalb ist er noch auf zwei weitere Jobs angewiesen. Für Andreas Döhnerts Arbeitsalltag bedeuten die drei Jobs: Täglich steht er um vier Uhr morgens auf, reinigt Schulen, Büros und Ferienwohnungen. Nach Hause kommt er an manchen Tagen erst um 23 Uhr. Frei hat er nur am Wochenende.

Andreas Döhnert ist einer von 7,3 Millionen Minijobbern in Deutschland. Für Minijobber zahlen die Unternehmen weniger Sozialabgaben. Das macht sie besonders profitabel. Mit den Hartz-Gesetzen wurden 2003 jegliche Beschränkungen für Minijobs aufgehoben. Reguläre Arbeitsplätze wurden so zerstört. Mittlerweile ist jeder vierte Arbeitsplatz ein 400-Euro-Job. Minijobber sind oft in einer so prekären Situation, dass sie auch unrechtmäßige Arbeitsverträge unterschreiben. Die Arbeitgeber gehen davon aus, dass die Beschäftigten ihre Rechte nicht kennen oder sich aus Angst vor einer Kündigung nicht trauen, diese bei Vorgesetzten oder vor Gericht einzufordern. Genau darauf scheinen auch Andreas Döhnerts Vorgesetzte zu setzen, sie bleiben hart, man könne ja in drei Monaten über eine Lohnerhöhung diskutieren. Für Andreas Döhnert ist in diesem Moment das Maß voll. Er kündigt an, vor Gericht seinen Mindestlohn einzuklagen. Er weiß, worauf das hinauslaufen wird: Kündigung. Ein paar Tage später liegt sie in seinem Briefkasten.

»Wenn man auf seinen Arbeitsrechten besteht, wird man nach Gutdünken gekündigt«, sagt Andreas Döhnert. Fast immer, wenn er auf Tarif- und Mindestlohn bestand, flog er raus. Schon zehn Minijobs hat er hinter sich.

Berlin, im Herbst. Andreas Döhnert hat gegen seine Firma gewonnen. Das Berliner Arbeitsgericht entscheidet: Lohnnachzahlung fällig. Trotz der Einschüchterung durch die Arbeitgeber weiß er, dass sich jede Klage lohnt.

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