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Reich wird, wer andere ausbeutet

erschienen in Clara, Ausgabe 28,

Der Großteil des privaten Vermögens konzentriert sich in den Händen weniger Menschen, während viele andere von ihrer Hände Arbeit kaum leben können

Manchmal genügt ein Spaziergang durch eine einzige Straße, um auf den Gegensatz von bitterer Armut und schier unermesslichem Reichtum zu stoßen. In der Friedrichstraße in Berlin ist das der Fall. Im Stadtteil Kreuzberg, wo die Straße beginnt, ist die Arbeitslosigkeit hoch. Etwa 70 Prozent der Kinder leben in Hartz-IV-Familien. Hier prägen Bekleidungsdiscounter und Supermarktketten das Bild. Am anderen Ende der Straße, nur wenige Kilometer entfernt in Berlin-Mitte, logieren Edeldesigner wie Hugo Boss und Gucci, bieten exklusive Boutiquen Juwelen, Uhren und Porzellan an, präsentieren Bugatti und Bentley die neuesten Modelle ihrer Nobelkarossen.

Um zu erfahren, weshalb sich die Schere zwischen Reich und Arm immer weiter öffnet, bietet sich zunächst ein Blick auf die unterschiedliche Entwicklung der Einkommen an. So sind auf der einen Seite die Gehälter, Vergütungen und Boni von Managern großer Unternehmen deutlich stärker gestiegen als die durchschnittlichen Löhne. Im Jahr 1997 verdienten die Vorstände der DAX-Konzerne im Durchschnitt das 19fache ihrer Beschäftigten. Im Jahr 2011 war es bereits das 54fache.

Noch extremer fällt der Vergleich aus, betrachtet man die Gehälter der Vorstandsvorsitzenden. Der Chef der Deutschen Bahn, Rüdiger Grube, bekam im Jahr 2011 rund 2,5 Millionen Euro – 86-mal mehr als ein Zugbegleiter im Nachtverkehr. Das Gehalt von Josef Ackermann, dem ehemaligen Vorstandsvorsitzenden der Deutschen Bank, betrug im selben Jahr sogar das 447fache des Jahreseinkommens einer Reinigungskraft in einer Bankfiliale im Osten.
Auf der anderen Seite ist für die Mehrzahl der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer in Deutschland die Entwicklung der Löhne weitaus weniger erfreulich. Die Reallöhne, also die Löhne abzüglich der Preissteigerung, sind laut Hans-Böckler-Stiftung heute um 1,8 Prozent niedriger als im Jahr 2000. Fast acht Millionen Beschäftigte erhalten für geleistete Arbeit nur Niedriglöhne von weniger als 10,36 Euro pro Stunde. Rund 1,4 Millionen Menschen müssen zusätzlich zu ihrem Lohn Sozialleistungen beantragen. Auch der rasante Anstieg von Mini- und Midijobs wirkt sich negativ auf die Reallohn-entwicklung aus.

Befeuert wurde diese Entwicklung von politischen Entscheidungen, die SPD und Grüne getroffen haben, als sie in den Jahren 1998 bis 2005 die Regierung stellten. Während sie den Gehaltsexzessen der Manager tatenlos zuschauten, bereiteten sie mit der Agenda 2010 dem größten Niedriglohnsektor in Europa den Boden. Sie senkten den Spitzensteuersatz und erhöhten gleichzeitig mit der Einführung von Hartz IV den Druck auf die Löhne der Beschäftigten. Ihre Weigerung, einen gesetzlichen Mindestlohn einzuführen, ließ die Löhne vielerorts ins Bodenlose fallen.

Zehn Prozent besitzen zwei Drittel des Vermögens

Die unterschiedliche Lohnentwicklung trägt dazu bei, dass sich der vorhandene Reichtum in Deutschland sehr ungleich verteilt. Für einen ersten Eindruck der gegenwärtigen Verteilung der Vermögen in Deutschland stelle man sich einen Esstisch vor, an dem eine zehnköpfige Gesellschaft sitzt und in dessen Mitte eine Torte steht, geschnitten in zehn gleichmäßige Teile. Nun verspeist eine der Personen am Tisch mehr als sechs Tortenstücke, dann einverleiben sich vier weitere Personen den Rest des Kuchens. Die übrigen fünf Gäste müssen sich schließlich mit den verbliebenen Krümeln begnügen.

Hierzulande besitzen laut Deutschem Institut für Wirtschafts-forschung die reichsten 10 Prozent gemeinsam mehr als zwei Drittel des Nettovermögens, 40 Prozent teilen sich den Rest. Die anderen 50 Prozent – die ärmere Hälfte der Bevölkerung – haben nahezu nichts oder Schulden: Ihnen gehören zusammen gerade einmal 1,4 Prozent des gesamten Vermögens.

Angesichts dieser Vermögenskonzentration wundert es nicht, dass das Wirtschaftsmagazin Forbes, das jährlich die Liste der reichsten Menschen weltweit aufstellt, unter den Top 100 auch sieben Deutsche aufführt. Es sind die Besitzer der Supermarktketten Aldi und Lidl, des Versandhauses Otto und des Autokonzerns BMW. Gemeinsam besitzen diese sieben Personen ein geschätztes Vermögen in Höhe von rund 90 Milliarden Euro. Damit übersteigt es deutlich die gesamten Schulden der Bundesländer Bayern und Hessen.

Reichtum entsteht offenbar nicht mehr durch Arbeit. Reich und reicher wird heutzutage, wer andere Menschen in großem Stil für sich arbeiten lässt, wie das Beispiel des Automobilherstellers BMW belegt. Im vergangenen Jahr haben die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer Absatz, Umsatz und Gewinn gesteigert und so für ein Rekordergebnis gesorgt. Besonders profitieren davon aller Voraussicht nach die BMW-Erben Susanne Klatten und Johanna und Stefan Quandt, denen gemeinsam fast die Hälfte des Unternehmens gehört: Die Milliardärsfamilie kassiert für das vergangene Jahr Dividenden in Höhe von mutmaßlich 700 Millionen Euro.

Privater Reichtum, öffentliche Armut

Einige der Ursachen für die Konzentration von immer größeren Vermögen in den Händen weniger Menschen reichen ebenfalls zurück in die Regierungszeit von SPD und Grünen. Sie senkten damals die Steuer auf Einkommen aus Kapitalvermögen und entschieden, dass Gewinne, die durch den An- und Verkauf von Unternehmen erzielt werden, nicht mehr versteuert werden müssen. Die im europäischen Vergleich extrem niedrige Erbschaftssteuer ließen sie unverändert. Auch an die Wiedereinführung einer Vermögenssteuer, wie sie in Frankreich oder Großbritannien existiert, wagten sie sich nicht heran. Und so hat sich in Deutschland einerseits in den vergangenen zwei Jahrzehnten das Privatvermögen nahezu verdoppelt und beträgt mittlerweile rund zehn Billionen Euro. Beinahe verdoppelt hat sich andererseits seit dem Jahr 2001 auch der Schuldenstand der Bundesrepublik Deutschland. Er beläuft sich aktuell auf rund 2,1 Billionen Euro, wovon 1,3 Billionen auf den Bund, 650 Milliarden auf die Länder und 133 Milliarden auf die Kommunen entfallen. Somit sind die privaten Vermögen mittlerweile fünfmal so groß wie die gesamten öffentlichen Schulden: Der kolossale private Reichtum spiegelt sich in gigantischer öffentlicher Armut wider.

Doch immer weniger Menschen wollen sich mit diesem Gegensatz abfinden und engagieren sich für mehr soziale Gerechtigkeit. Sie beteiligen sich deutschlandweit an den Aktionen des Bündnisses "umFAIRteilen" und wissen dabei eine Mehrheit der Bevölkerung an ihrer Seite. Im April des vergangenen Jahres sprachen sich in einer repräsentativen Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Forsa im Auftrag von Campact 77 Prozent der befragten Menschen für die Besteuerung von Vermögen aus, die eine Million Euro pro Haushalt übersteigen.

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