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Reden über Gott und die Welt

erschienen in Clara, Ausgabe 7,

Lasst uns reden über Gott - lasst uns »Kultur neu denken - Religion, Macht, Freiheit und die Schwierigkeiten, Identität zu bestimmen«. Dieses Thema der zweiten Kulturkonferenz der Fraktion DIE LINKE zog viele Politiker, Künstler und Bürger an zu einem spannenden Dialog über die »Gretchenfrage«.

Wenn Anfang Februar in Erfurts Straßen rote Plakate der LINKEN den Weg zu einer Konferenz über Gott und Glauben weisen, dann ist das für Anhänger der eigenen wie der »anderen« Reihen schon an sich ein Widerspruch in sich. Es löckt - egal wo man zu Hause und wie man aufgewachsen ist, den Stachel der Provokation, Neugier und auch Ablehnung. Es ist sicher die Mischung aus allem, die hochrangige Vertreter der christlichen, muslimischen und jüdischen Kirche mit gläubigen und nichtgläubigen Künstlern und Politikern der LINKEN, der Grünen und der CDU über das Thema debattieren ließ.

Reden Gläubige und Nichtgläubige über Gott heißt immer, Sinnfragen zu stellen, Grenzen auszuloten und sie zu überschreiten - ein gewagtes Unterfangen, das nach eineinhalb Tagen Diskurs - einen Konsens fand: »Kultur neu denken«, heißt, so formulierte es Luc Jochimsen, kulturpolitische Sprecherin der LINKEN, sich auf den Weg zueinander zu begeben.

Im Verlauf der Veranstaltungen, die im protestantischen Augustinerkloster, der Neuen Synagoge und der katholischen Brunnenkirche in Erfurt Gastrecht erhielten, wurde eines deutlich: An den Kern dieses Themas kommt jeder nur heran, wenn er sich selbst auf den Grund geht. Objektivierend kann man zwar Hinweise in die eine oder andere Richtung sammeln: die Schöpfung preisen - oder im Gegenteil angesichts von Kriegen im Namen der Religion und Naturkatastrophen metaphysisch verzweifeln. Man kann das karitative Engagement der Kirche loben und über bigotte Priester wettern - ob jemand glaubt oder nicht, ist eine ganz andere Frage. Ohne individuelles Bekenntnis kommt keiner dabei aus. Die Konferenz der LINKEN war ein lebendiger Beweis dafür.

In bemerkenswerten Vorträgen bemühten sich Fraktionsvize Bodo Ramelow und der aus der evangelischen Kirche verbannte Pastor Paul Schulz die Frage zu beantworten: Brauchen wir Religion? Die Antworten darauf fielen extrem unterschiedlich aus. Der bekennende Christ Ramelow bejaht die Gretchenfrage, wenngleich Gott ihm nicht helfe, eine Arbeit zu verrichten. Paul Schulz stritt in seinem Grundsatzreferat, gerade auch wegen seiner eigenen religiösen Erfahrungen, vehement für den Atheismus. Nur ein nichtgläubiger sei ein autonomer Mensch. Nach diesen diametralen Thesen verbreitete sich eine knisternde Stimmung im Konferenzsaal. Jedem Teilnehmer im Saal war klar, dass sich beide Pole nicht durch eine einfache Gerade miteinander verbinden ließen. Neu war allerdings ein verantwortungsvolles Wir-Gefühl, ein Bestreben, aufeinander zu zugehen, trotz aller Differenzen.

Religion: Heil oder Unheil?

Das war während der Konferenz sogar wörtlich zu nehmen. Symbolträchtig debattierten in der Neuen Synagoge in Erfurt führende Vertreter der großen Kirchen mit den LINKEN. Es waren Streitgespräche mit prächtigen, philosophisch weisen wie witzigen Zitaten, die gern als Autoritätsbeweise eigener Vernunft oder eigener Behauptungen dienten. In der bis auf den letzten Platz gefüllte Synagoge spürten die Teilnehmer - trotz aller Unterschiede - deutlich Impulse neuer Denkansätze. Momentaufnahmen der Diskussion:

Elfriede Begrich, evangelische Pröpstin des Sprengels Erfurt-Nordhausen hatte die Lacher auf ihrer Seite, als sie mit Hinweis auf die Konferenz-Plakate meinte, ihre Befürchtungen, dass Gott für die Linksfraktion rot sei, wären umsonst gewesen. Gott sei auch bei der LINKEN weiß. Es sei an der Zeit, den Sozialismusgedanken als etwas Gewachsenes wiederzuentdecken. »Christentum und Sozialismus sind durch ein ergänzendes, korrigierendes und ein zukunftsweisendes UND verbunden.«

Eberhard Tiefensee, Professor für Philosophie an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Uni Erfurt warnte davor, dass DIE LINKE die Aufarbeitung von Schuld gegenüber der Christenverfolgung in der DDR zu leicht nähme. Buße könne nur mit Aner-kennung von eigener Schuld einhergehen.
Mit seiner Rede provozierte er - deutlich hörbar auch bis in die Galerie der Syna-goge - das Bedürfnis nach sachlicher Auseinandersetzung der meisten Anwesenden. Erst als Bodo Ramelow glaubhaft versicherte, dass DIE LINKE mit dieser Konferenz das Thema Schuld nicht ausklammere, beruhigten sich die Gemüter.

Rabbi Prof. Walter Homolka, Rektor des Abraham Geiger Kollegs in Potsdam brillierte mit Charme und Witz. Er plädierte für Treue in der Tradition und Öffnung für den anderen: »Zu konstruktiver Toleranz ist aber nur der fähig, der durch die Lebenskunst des Dialogs seine Identität schärft.« Deshalb sei es vor allem anderen wichtig, die Identität der anderen Religionen zu ehren und anzuerkennen.

»Der Islam diskutiere mit allen Menschen, auch mit Linken.« Dieser einleitende Satz von Mehdi Razvi - bis zu seiner Pensionierung 1995 Imam an der Ali Moschee des Islamischen Kulturvereins Hamburg -
verfehlte seine Wirkung nicht. Sein fröhlicher Gesichtsausdruck verriet: Er genoss sichtlich, dass er das abendländische Auditorium mit dieser Einleitung ebenso verblüffte, wie mit der abschließenden Conclusio: Atheismus sei für Moslems auch eine Art Religion, insofern dürften sie keine Berührungsängste mit den Linken haben.

Die LINKEN unter dem Kreuz

Fragen nach Glaube und Religion sind untrennbar mit Machtfragen verbunden. Diesem Themenkomplex der Konferenz stellten sich auch Künstler, Autoren, Juristen und Politiker.
Wenn Religion in Verbindung mit Macht einzige Definitionshoheit bekommt, wird sie gefährlich, darin waren sich nach heftigen Auseinandersetzungen alle einig. Der katholische Arzt und Buchautor Manfred Lütz war nicht der Einzige, der eine Lanze für Verständigung brach. »Wir üben Toleranz auf den Gräbern unserer Vorfahren. Wenn alle Menschen von einem Menschen abstammen, haben alle die gleiche Würde.«

Michel Friedman, Rechtsanwalt und TV-Moderator, warnte davor, Glauben zu instrumentalisieren. Die Fähigkeit, Fragen zu stellen, sei eine große Errungenschaft. Die Fähigkeit, Fragen zu stellen an die, die die Macht haben, sei eine große und schwer erkämpfte Errungenschaft der Aufklärung.

Serap Cileli, türkische Buchautorin, bekannte, ihren Glauben abgelegt zu haben, weil sie im Namen ihrer Religion wegen ihres Geschlechts verstoßen und benachteiligt wurde.
In Erfurt diskutierte DIE LINKE zwei Tage lang über Gott und die Welt. Die Konferenz vermittelte den Teilnehmern einen Eindruck, der auf Fortsetzungen solcher Diskussionen hoffen ließ. Unterschiedliche Standpunkte sind kein Hindernis, sich auf die Suche nach Gleichem und Gemeinsamem zu begeben, jedem Menschen ein Leben in einer sozial gerechtern Welt zu ermöglichen. Die Konferenz »Kultur - neu denken« setzte Akzente in Toleranz und Umgang mit den Kirchen. Sie war ein Beleg für lebendigen, spannenden und kulturvollen Streit um Glaube, Macht und Freiheit. Sie war auch ein weiteres Zeichen dafür, dass die Mauer zu den LINKEN Risse bekommt. Ob mit oder ohne Gottes Segen, es ist eine Frage der Zeit, wann diese Mauer fällt.

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