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Rebellisch aus Erfahrung

erschienen in Querblick, Ausgabe 14,

Katharina Klose ist keine, die sich in den Vordergrund drängt. Auf den ersten Blick traut ihr wahrscheinlich auch niemand zu, dass sie »Biss« hat. Den Aha-Effekt kennt Katharina. Ganz lässig holt sie eine Plastikkarte aus ihrer Winterjacke, die belegt, dass Katharina was zu sagen hat. »Gegen Schlecker zu kämpfen lohnt sich, ob in Dresden, Berlin, Groß-Bieberau, Saarbrücken oder anderswo. Dort sind wir schon auf die Straße gegangen, damit bei uns endlich alle nach Tarif bezahlt werden.« Ein kleiner Triumph blitzt in ihren Augen. Mit 28 Jahren ist die Dresdnerin jüngstes Mitglied im Gesamtbetriebsrat von Schlecker. Seit vier Jahren mischt die Verkäuferin mit. Sie erzählt von ihren Ängsten an der Kasse, von Warenannahmen, Testkunden und vor allem vom Druck bei Schlecker. »Mir hat nicht gefallen, wie man bei Schlecker mit uns umgegangen ist, deshalb haben wir einen Betriebsrat gegründet.« Es wurde immer schlimmer, die Arbeit immer mehr. Der Druck, die Konkurrenz – auch unter Mitarbeiterinnen – immer unerträglicher. Katharina hat begriffen, nur wenn man sich gemeinsam wehrt, kann man etwas bewegen.

Einschüchtern, drohen, versetzen ist das System von Schlecker. Es funktioniert bei Leiharbeit inzwischen branchenübergreifend überall. Vor einiger Zeit veröffentlichte eine Zeitung einen Artikel zu diesem Thema. Katharina war darin auf einem Foto zu sehen. Grund genug für die Bereichsleitung, sie in eine andere Filiale nach Coswig versetzen zu wollen. Nur für drei Monate, hieß es. Katharina wollte die Befristung schriftlich. Die wurde ihr verwehrt.

Die junge Frau hielt stand, unterschrieb die Versetzung nicht. Sie wusste, dass der Laden in Coswig vor der Schließung steht. Rund 250 kleine AS-Filialen wurden 2009 pro Quartal dicht gemacht. Schlecker modernisiert nach Gutsherrenart. Radikal. Viele kleine Märkte wurden geschlossen, stattdessen größere XL-Märkte eröffnet. Die Beschäftigten bekamen die Kündigungen und zugleich ein billiges Schlecker-Angebot. Sie sollten fortan in den XL-Läden als Angestellte bei der konzerneigenen Leiharbeitsfirma »Meniar« – heißt: »Menschen in Arbeit« – anfangen. Allerdings für die Hälfte ihres bisherigen Lohnes, für nur 6,50 Euro pro Stunde, ohne Weihnachts- und Urlaubsgeld und bei sechs Tagen weniger Urlaub.

Schlecker-Frauen lassen sich nicht einschüchtern

Auch für den XL-Markt am Dresdner Hubertusplatz drängte man Verkäuferinnen, sich auf die deutlich schlechteren Arbeitsverträge einzulassen. Einige unterschrieben aus Angst. Nun sind sie Hartz-IV-Aufstocker, das heißt, zusätzlich auf Sozialleistungen angewiesen. So subventionieren die Steuerzahler auch noch Schlecker-Methoden.

Viele Kolleginnen durchschauen nun das Prinzip, wehren sich gemeinsam. Allein 2009 sind über 1 000 Schlecker-Beschäftigte in die Gewerkschaft ver.di eingetreten – Tendenz steigend. Das brutale Vorgehen Schleckers mit Kündigungsbriefen und dem Erpressen mittels Meniar-Arbeitsverträgen habe den Zulauf beschleunigt, erzählt Katharina. In einigen Regionen sind mittlerweile fast alle Beschäftigten in ver.di organisiert. »Ich bin rebellisch aus Erfahrung geworden. Man muss etwas tun.« Am 11. Januar dieses Jahres erlebten Katharina und ihre Kolleginnen einen ersten Erfolg, der ihnen Mut machte. Ein breiter Zusammenschluss von Gewerkschaften und lokalen Initiativen, an denen auch DIE LINKE beteiligt ist, hatte etwas »Ungeheuerliches« geschafft. An diesem Tag erklärte Anton Schlecker, keine Verträge mehr mit der Leiharbeitsfirma Meniar abzuschließen. Doch Vorsicht ist geboten, denn ungeklärt ist immer noch, was mit den Meniar-Beschäftigten passiert und ob Schlecker weiterhin Leiharbeit bevorzugt nutzen wird.

Schlecker ist überall

Angriffslustig erzählt Katharina, jetzt müssten sich auch in bisher »betriebsratsfreien« Schlecker-Regionen Betriebsräte bilden. Viele Verkäuferinnen fürchten weiter um ihre Existenz. Als Achim Neumann, ver.di-Bundesbetreuer für Schlecker, gemeinsam mit der Berliner Schlecker-Betriebsratsvorsitzenden Mona Frias Rodriguez Ende Januar die Linksfraktion im Bundestag besuchte, trafen sich Verbündete. »Schlecker saniert sich nicht nur auf dem Rücken der Beschäftigten, sondern zu Lasten der Gesellschaft. Die Zukunft der Verkäuferin soll offenbar so aussehen, dass sie als Leiharbeiterin nur noch einige Stunden eingesetzt wird und dann zur Arbeitsagentur gehen muss, um aufzustocken.« Sabine Zimmermann machte als eine der ersten Politikerinnen im vergangenen Jahr auf den Schlecker-Skandal und Meniar aufmerksam. Mit beharrlichem Einsatz erreichte die Abgeordnete gemeinsam mit ver.di eine Solidarisierung und ein öffentliches Echo, dem sich auch konservative Medien und Arbeitsministerin Ursula von der Leyen nicht entziehen konnten. Durch den Vorstoß der LINKEN wurde Schlecker im November erstmals Thema einer Anfrage im Bundestag und Leiharbeit generell Gegenstand einer zweistündigen Bundestagsdebatte am 29. Januar 2010. Das hatte Folgen. Wo der Widerstand wuchs, wurden Kündigungen verhindert. Das macht Mut, den Druck auf die Arbeitgeber nicht zu lockern. Katharina Klose will erneut für den Gesamtbetriebsrat kandidieren. »Na klar will ich das.« Die Gewerkschaft ver.di kündigte an: »Wir werden auf die Straße gehen, bis der Asphalt kocht. Im März wird es bei uns bunt.«

Brigitte Ackermann

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