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Raus aus der Spur! Oder warum Frauen anders unterwegs sind

erschienen in Lotta, Ausgabe 8,

 

 

Gleiche Mobilitätschancen? Im öffentlichen Verkehr ist das eine Fehlanzeige. Zu den Gründen Sabine Leidig, verkehrspolitische Sprecherin der Fraktion DIE LINKE

 

 

Frauen sind anders mobil als Männer. Wo liegen die Unterschiede?

Sabine Leidig: Frauen legen viel mehr Wege zurück. Ihre Wege sind alltagsnäher, häufig unterbrochen durch kürzere oder längere Zwischenstopps. Frauen bewegen sich nicht von A nach B, sprich von der Wohnung zum Arbeitsplatz und zu- rück. Davor oder danach müssen die Kinder zur Kita gebracht oder abgeholt werden, das Gleiche gilt für die Schule, zwischendurch vielleicht noch ein Arztbesuch oder der Einkauf. Wenn man sich das Bewegungsmuster von Frauen im öffentlichen Raum anschaut, ist das viel netzförmiger als das von klassischen Männern.

Wie werden diese besonderen Frauenlebenslagen bei der Verkehrsplanung mit gedacht?

So gut wie gar nicht. In den 1980er Jahren existierten eine wirklich gut verankerte Forschung und Genderpolitik, die in die Verkehrs- und Stadtplanung auch Eingang gefunden hatte. Das ist längst verdrängt. Wenn in den Kommunen heute um den öffentlichen Personennahverkehr gestritten wird, schaut man zuerst darauf, wo sind die großen Arbeitgeber, welche Linien und Verbindungen müssen wir auf jeden Fall aufrechterhalten. Der zweite Punkt ist, dass Frauen viel häufiger zu Fuß unterwegs sind. Das wird absolut stiefmütterlich behandelt. In dem riesigen Bundesverkehrsministerium gibt es niemanden, der für den Fußgängerbereich zuständig ist, und nur eine kleine Abteilung kümmert sich ums Fahrrad. Da stellt sich schon die Frage, für wen wird der öffentliche Raum gestaltet?

Wird der Ruf nach Chancengleichheit im Verkehrsbereich eher belächelt als ernst genommen?

Also, was das Verkehrsministerium angeht, kann man sagen, dass Frauen und Frauenbelange überhaupt keine Rolle spielen. Verkehrspolitik ist extrem männlich dominiert, da ändert auch eine Staatssekretärin nichts. De facto ist es so, dass im Bundeshaushalt der Verkehrshaushalt der größte Investitionsposten ist. Da wird richtig viel Geld in Beton gegossen, der Löwenanteil fließt in große Projekte: in Autobahnneubau und -ausbau, in große Schienenprojekte wie Stuttgart 21. Damit werden auf Jahre hinaus Milliarden vergraben. An unendlich vielen kleinen und sinnvollen Stellen fehlt dieses Geld dann. Beispielsweise zum Umbau von Bahnsteigen, sodass man un- gehindert mit dem Rollstuhl, Kinderwagen oder auch dem Fahrrad Zugang hat. Davon sind wir weit entfernt.

Mobilität wird fast immer mit dem Auto in Verbindung gebracht. Für Menschen im ländlichen Raum bleibt häufig auch gar nichts anderes. Die Kita ist nicht im Ort, die Schule auch nicht, kilometerweit entfernt der nächste Supermarkt oder Arzt. Mit ganz viel Glück fährt morgens und nachmittags der Schulbus. Da bleiben Frauen mit Kindern, womöglich ohne eigenes Auto, doch im wahrsten Sinne des Wortes auf der Strecke.

Das ist ein absoluter Skandal. Mobilität ist eine öffentliche Aufgabe. Und der Staat muss dafür sorgen, dass es eine Möglichkeit gibt, von A nach B zu kommen, auch ohne eigenes Auto. Unsere Forderung ist, dass niemand auf das eigene Auto angewiesen sein darf. Dazu gibt es ja auch interessante Zahlen. Zwar haben die Frauen fast alle einen Führerschein, aber die Verfügbarkeit über ein Auto ist deutlich geringer als bei Männern. In Deutschland verfügen trotz Fahrerlaubnis 45 Prozent der Frauen nicht regelmäßig über ein Auto. Das bedeutet, öffentlicher Nahverkehr ist eine Aufgabe der Daseinsvorsorge und sie muss gewährleistet werden.

 

Das kostet!

Stimmt, aber es ist finanzierbar. Auch aus Steuermitteln. Oder wir organisieren Abgabemodelle, wie sie in Frankreich üblich sind. Dort gibt es die Versement Transport, eine Nahverkehrsabgabe, die von Unternehmen mit zehn und mehr Beschäftigten bezahlt wird. Inzwischen ist es so, dass in 18 Regionen kostenloser Personennahverkehr angeboten und systematisch ausgebaut wird. Ich finde, solche Dinge müssen unbedingt auch bei uns diskutiert werden.

 

Das klingt nach langem Atem und viel Geduld?

Man darf keine Illusionen haben, dass wir als Linke auf Bundesebene viel bewegen können. Auf kommunaler Ebene sieht das anders aus. Allein schon für so eine Nahverkehrsabgabe. In Erfurt gibt es eine tolle und sehr engagierte Gruppe, die auch die Innenstädte von Autos freimachen will und für Mobilitätsangebote im ländlichen Raum kämpft. Kommunal findet auch die Stadt- und Regionalplanung statt. Die Konzentration von Schulen und Einkaufszentren ist nicht das Gelbe vom Ei. Das lässt sich kleinteiliger anlegen. Und wie gut das funktioniert, kann man sich in Schweden und anderswo anschauen. Wir müssen – das ist mein Plädoyer – mit anderen zusammenarbeiten. Mit Stadtplanerinnen und -planern, mit Umwelt- und Sozialpolitikern, mit Bürgerinitiativen. Denn die Frage der Mobilität ist natürlich auch eine soziale Frage. Sowohl, was es kostet, als auch, wer eigentlich abgehängt wird. Da braucht man Bündnisse, die über den Verkehrsbereich hinausgehen.

 

 

FRAUEN SIND ANDERS MOBIL

° Männer greifen wesentlich häufiger zum Pkw, sind deutlich häufiger Selbstfahrer

° Frauen gehen in allen Altersgruppen mehr zu Fuß, nutzen häufiger als Männer den öffentlichen Verkehr

° Frauen haben einen höheren Anteil an Begleit- und Einkaufswegen

° Männer legen erheblich mehr Wege aus Dienstgründen zurück

° Leben Kinder im Haushalt, ändert sich das Mobilitätsverhalten erheblich: Frauen sind zu einem weit höheren Anteil mit der Kinderbetreuung und Versorgung des Haushalts beschäftigt

Quelle: Mobilität in Deutschland (MID)

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