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Politikfrauen – Frauenpolitik

erschienen in Lotta, Ausgabe 13,

Können Sie sich noch an die erste Begegnung erinnern?

Cornelia Möhring: Ja, über das Telefon. Ich stand in meinem kleinen Zimmer zu Hause, das Telefon klingelte, Kirsten Tackmann war dran und fragte, ob ich mir vorstellen könnte, Frauenpolitik zu machen.

Kirsten Tackmann: Ich hatte von jemandem den Tipp gekriegt, sprich mal mit Cornelia. Ich wollte 2009 diese Doppelbelastung Agrarpolitik und Frauenpolitik nicht länger machen, das war zwar inhaltlich total spannend, aber organisatorisch nur schwierig hinzubekommen. Also habe ich angerufen. Es gab sofort einen Draht, auch viele Nachfragen, aber ich hatte das Gefühl, dass es passen könnte. Ich habe dann noch zu ihr gesagt, wenn sie sich das vorstellenkönnte, kriegt sie einen Kasten Sekt.

Möhring: Gut, dass du mich erinnerst. Den habe ich bis heute noch nicht bekommen (lacht).

Hat es eine Rolle gespielt, dass Sie als Ostfrau jetzt gern den frauenpolitischen Staffelstab an eine Westfrau weitergeben wollten?

Tackmann: Wenn man feministische Politik machen will, ist es schon gut, mit seiner eigenen Biografie im Westen verankert zu sein. Ich glaube, dass man als Ostfrau eine andere Frauenpolitik macht. In Nuancen, nicht im Ziel.

Stimmt das? Ist eine westsozialisierte Herkunft da besser geeignet?

Möhring: Ich würde es gar nicht als besser geeignet bezeichnen. Aber Kirsten hat recht, dass die Westsozialisation andere Erfahrungen mitbringt. Ich bin viel stärker aktionsorientiert geprägt. Als ich 13, 14 Jahre alt war, gab es die vielen Aktionen zum sogenannten Abtreibungsparagrafen 218 im Westen. Ich denke auch, in Fragen der sexuellen Selbstbestimmung hat die 68er Bewegung die Frauenbewegung stärker geprägt. Das alles merkt man bis heute noch.

Ist denn mit feministischer Politik inzwischen ein Blumentopf zu gewinnen?

Möhring: Ich habe nie darüber nachgedacht, ob es irgendwie schwierig wird. Ich bin in die Partei DIE LINKE ja erst 2007 eingetreten und war von Anfang an frauenpolitisch aktiv. Bis ich für den Bundestag kandidiert habe, war ich beispielsweise in der feministischen Bundesarbeitsgemeinschaft LISA. Und ich brenne immer noch für Frauenpolitik. Die manchmal bitteren Erfahrungen, dass es eben nicht allen so geht, habe ich erst hinterher gesammelt. Bei uns in der Fraktion ist mein Eindruck, dass mittlerweile in vielen Bereichen und von vielen Abgeordneten die besonderen Belange von Frauen mitgedacht werden. Das sehen wir auch an den vielen Anfragen und Anträgen zum Thema.

Tackmann: Ich fand immer, dass mit Frauenpolitik eine ganze Menge zu erreichen ist. Es gibt Teile in der Gesellschaft, die darauf warten, dass sie eine spürbare Vertretung auf parlamentarischer Ebene haben. Eine Vertretung, die  her trägt, sondern sie ernst nimmt und gemeinsam mit Frauen außerhalb etwas bewegen kann. Da finde ich schon, dass DIE LINKE da ein anderes Angebot ist als beispielsweise Bündnis 90/ DIE GRÜNEN. Es ist nur innerhalb der Partei nicht wirklich tief verankert. Was schade ist, denn für DIE LINKE liegt da eine wirklich große Chance, sich mit Partnerinnen zu verbünden.

Möhring: Das ist der Punkt. Ein Querschnittsbereich ist manchmal auch die beste Möglichkeit, das Thema unsichtbar zu machen. Aber das Tolle am frauenpolitischen Bereich ist am Ende genau diese Verknüpfung von fachpolitischer Arbeit im Parlament mit einer ganz starken Zusammenarbeit mit außerparlamentarischen Kräften.

Was wollen Frauen für ihren Alltag, für ihr Leben?

Tackmann: Sehr viele Frauen sind ehrenamtlich an wirklichen Brennpunkten der Gesellschaft engagiert. Aber sie werden oft nicht gesehen. Als ich mit Frauen, die in den Frauenhäusern arbeiten, geredet und vor Ort auch gesehen habe, wie prekär ihre Situation ist, unter welchen Bedingungen sie versuchen, die sozialen Konflikte der vor Gewalt geflohenen Frauen zu lösen, hat mich das tief berührt. Als wir dann  im Bundestag hinbekommen haben, war das wie ein Aufatmen. Dass sie endlich mal wahrgenommen und ernst genommen wurden. Wir Linken haben dann für die bundesweite Finanzierung gestritten.

Möhring: Frauen haben keine Lust mehr, ständig erzählt zu bekommen, wie schlecht es ihnen geht. Sie saugen es wie ein Schwamm auf, wenn wir über Perspektiven reden und gemeinsame Wege entwickeln. Ich erlebe das so oft in Veranstaltungen, dass Frauen sagen, wir wollen jetzt endlich, dass sich etwas ändert. Es gibt so einen Hauch einer Aufbruchsstimmung. Und Frauen sagen auch, wir wollen Verantwortung gar nicht allein an Politik abgeben, wir wollen selbst machen. Da mittendrin zu sein, finde ich ziemlich klasse. Aber natürlich wollen Frauen ein Leben ohne Not, wollen an Gesellschaft teilhaben können, das Beste für ihre Kinder und auch Anerkennung für ihr Tun.

Ist, wer Frauenpolitik macht, auch Feministin? Und was ist das heute?

Möhring: Der Begriff war schon immer sehr verschieden besetzt. Ich habe mich früher auch nicht als Feministin begriffen. Ich wurde aktiv, als es um die sexuelle Selbstbestimmung ging. Ich fand es zwar unerhört, dass Männer welcher Art auch immer bestimmen wollten, ob eine Frau ein Kind austrägt oder nicht – aber erst seitdem ich mich im Studium theoretisch mit dem Marxismus-Feminismus auseinandergesetzt habe, bezeichne ich mich als marxistische Feministin. Es gibt viele unterschiedliche Feminismen. Auch im Westen ist der Begriff immer noch negativ besetzt.

Tackmann: Ich habe nach wie vor mit der Begrifflichkeit Schwierigkeiten. Weil diejenigen, die sich laut als Feministinnen definieren, oft ausgrenzend sind. Sie vertreten sozusagen die wahre Lehre und beachten dabei aber die Breite der gesellschaftlichen Debatte nicht, die zur Befreiung von Frauen aus den vielen Abhängigkeits- und Ausbeutungsverhältnissen führte. Vielleicht ist das auch so ein bisschen diese Ost-West-Nummer. Klar waren die Frauen in der DDR nicht vollkommen gleichgestellt. Das wäre wirklich romantisierend. Aber sie haben sich viele Dinge selbstverständlich genommen, die heute überhaupt nicht mehr selbstverständlich sind. Ich bin Bündnispolitikerin. Ich mag beispielsweise nicht so über Prostituierte reden wie es in einigen feministischen Zusammenhängen getan wird. Solange jemand selbstbestimmt entscheidet, ist das in Ordnung für mich. Ich habe nicht über die Sexualität von Prostituierten zu befinden, möchte auch mit ihnen auf Augenhöhe agieren und ihnen die Freiheit lassen, sich zu entscheiden. Was nicht geht, ist die Zwangsprostitution. Aber das ist ein ganz anderes Thema.

Banden bilden“, das ist das Thema in diesem Magazin. Zusammen etwas auf die Beine stellen. Gibt es das auch fraktionsübergreifend im Bundestag?

Möhring: Banden eher noch nicht, aber Zusammenarbeit. Das Bündnis Berliner Erklärung zur Quote wurde von Frauen aus jeder Fraktion auf den Weg gebracht. Das war ein Erfolg, auch wenn nur ein Minigesetz dabei raus gekommen ist. Das erste Mal hatten sich tatsächlich Abgeordnete aus jeder Fraktion zusammengetan. In dieser Wahlperiode war es die Durchsetzung des „Nein heißt Nein“ im Sexualstrafrecht. Besonders stolz bin ich auf unseren bundesweiten Aktionsplan gegen Sexismus und Gewalt. Wir haben den Antrag 2016 eingebracht und waren selbst überrascht von der positiven Resonanz in allen Fraktionen. Auch aus der Zivilgesellschaft gab und gibt es große Zustimmung. Das ist schon ein Schritt zum Banden bilden.

Tackmann: In meiner Zeit als frauenpolitische Sprecherin haben wir eine sehr interessante Debatte losgetreten. Es ging damals um die neue Periode der Agrarförderung. Wir wollten eine geschlechtergerechte Agrarförderung. Denn die Agrarpolitik ist völlig männerdominiert, abgesehen von einigen Ökobäuerinnen und Genossenschaften, in denen nicht selten Frauen das Sagen haben. Daraus resultiert aber, dass die gesamte Förderung auf männliche Bedürfnisse ausgerichtet ist. Frauen haben kaum bis gar keinen Zugang dazu. Diese Debatte los getreten zu haben, fand ich sehr spannend. Das hatte auch das gute Verhältnis zu den LandFrauen zur Folge. Sie treten deutlich politisierter auf, stellen eigene Ansprüche und haben ziemlich interessante Themen.

Sie beide sagen, ich mach’s noch mal, trete zur Bundestagswahl wieder an. Warum?

Tackmann: Es sind noch so viele Fragen offen. Wir haben viele Türen öffnen können, durch die dringend gegangen werden müsste. Ich befürchte aber, sie gehen wieder zu, wenn man nicht dranbleibt. Agrarpolitik ist das spannendste Thema überhaupt. Denn was ist eigentlich noch wichtiger als die Frage: Wer produziert die Lebensmittel? Zu welchen Preisen? Zu welchen Konditionen? Wer hat Zugang dazu? Ein urlinkes Thema. Und da sage ich, solange sich nicht wirklich viele danach drängen, diesen Weg weiterzugehen, muss ich es halt selbst machen. Ich hatte auch das Gefühl, die Leute, die unsere Verbündeten sind, ansonsten im Stich zu lassen, wenn ich die nächsten vier Jahre nicht weiter daran arbeite.

Möhring: Ich muss ganz ehrlich sagen, die ersten vier Jahre habe ich echt gebraucht, um mich zurechtzufinden. Es war ja ein ziemlicher Schubs ins kalte Wasser. Mittlerweile bin ich angekommen. Ich weiß, was zu tun ist, ich bin in der Lage Prioritäten zu setzen. Es gibt eine Menge für uns zu tun. Unser Antrag für einen bundesweiten Aktionsplan gegen Sexismus und Gewalt ist schon so etwas wie ein Arbeitsplan. Darin geht es genauso um Abwehrkämpfe, für unsere sexuelle und gesundheitliche Selbstbestimmung, aber auch um sexistische Strukturen in der Arbeitswelt wie Lohnungleichheit und die niedrige Bewertung von Arbeit in der Pflege oder anderen frauentypischen Bereichen. Außerdem müssen wir davon ausgehen, dass eine weitere Kraft in den Bundestag kommt. Eine, die den Frauenrechten gegenüber mehr als rückwärtsgewandt ist. Ein linker Feminismus ist dann wichtiger denn je und die Herausforderung will ich annehmen.

Zur Person- Kirsten Tackmann

° Geboren im September 1960, verheiratet, zwei Kinder, zu Hause im Land Brandenburg

° Berufsausbildung zur Chemielaborantin mit Abitur

° Veterinärmedizinstudium, Humboldt-Universität zu Berlin

° Promotion, Doktor der Veterinärmedizin, 1993

° Seit September 2005 Mitglied des Deutschen Bundestags, Fraktion DIE LINKE

° Von 2005 bis 2009 agrarpolitische und frauenpolitische Sprecherin

° Für die Bundestagswahl 2017 ist Kirsten Tackmann auf der Landesliste DIE LINKE. Brandenburg Spitzenkandidatin

Zur Person – Cornelia Möhring

° Geboren im Januar 1960, verheiratet, ein Sohn, zu Hause in Schleswig-Holstein

° Berufsausbildung zur Industriekauffrau

° Studium an der Hochschule für Wirtschaft und Politik in Hamburg

° Diplom als Sozialwirtin und Diplom für Sozialökonomie, Schwerpunkte feministische

Forschung und Frauenarbeit

° 2009 und 2013 zog Cornelia Möhring jeweils über den Spitzenplatz der Landesliste

Schleswig-Holstein für DIE LINKE in den Bundestag ein

° In beiden Legislaturperioden war sie frauenpolitische Sprecherin

° Sie ist stellvertretende Vorsitzende der Fraktion DIE LINKE. im Bundestag

und Vizevorsitzende des Ausschusses für Familie, Senioren, Frauen und Jugend

° Mitglied von UN Women

° Bei der Bundestagswahl 2017 ist sie erneut Spitzenkandidatin für ihr Bundesland