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Plan B ist Güteklasse A

Von Sabine Leidig, Ulla Lötzer, erschienen in Clara, Ausgabe 26,

Mehr als 200 Menschen diskutieren auf der Konferenz des Projekts PLAN B, zu der die Fraktion DIE LINKE am 26. und 27. Oktober 2012 eingeladen hat, über einen sozial-ökologischen Wandel

Im großen Saal des Berliner Veranstaltungsorts Pfefferberg haben die Lichttechniker für gediegene Beleuchtung gesorgt. Dabei geht es an diesem Freitagabend, dem ersten Konferenztag des Projekts "PLAN B – das rote Projekt für einen sozial-ökologischen Umbau", alles andere als gemütlich zu. Wie auch – in einem Saal, der aus allen Nähten platzt.

Mehr als 200 Menschen sitzen auf den Stühlen, einige lehnen an den Saalwänden, andere warten draußen, um möglichst viel vom Eingangsvortrag des Vorsitzenden der Fraktion DIE LINKE, Gregor Gysi, mitzubekommen. Gysi gibt gleich zu Beginn die Antwort darauf, wie es zum Projekt PLAN B gekommen ist, das hier an zwei Tagen diskutiert und weiterentwickelt werden soll. "Plan A, die herrschende Wirtschaftsordnung, läuft fundamental falsch." Schlechte Nachrichten gebe es schon jetzt fast jeden Tag, sagt er und erinnert an das Artensterben, die Überfischung der Meere, die Erosion der Böden. "Wir überlasten den Planeten", sagt er.

Peter Engert ist einer der Letzten, die noch einen freien Platz ergattern konnten. Der 60-Jährige, Vater von sechs Kindern, kommt aus Fürstenwalde. Als Personalratsvorsitzender des Brandenburger Landesamts für Umwelt, Gesundheit und Verbraucherschutz kennt er sich aus mit dem Zusammenhang zwischen sozialer Gerechtigkeit und Ökologie. Wenn er vom Scheitern des Plans A spricht, klingt das in etwa so: "Mit jedem Tag, an dem Pflanzen- und Tierarten von unserem Erdball verschwinden, verschwindet auch eine Möglichkeit der Selbstregulierung der Biosphäre." Als Personalratsvorsitzender weiß er aber auch, dass ökologisches Bewusstsein nicht ohne soziale Sicherheit auskommt.

Soziale Gerechtigkeit, Ökologie und Demokratie

Am nächsten Morgen ist Engert einer der Ersten auf dem Pfefferberg. Für die Teilnehmer steht schon Kaffee bereit. Die meisten sind ebenfalls längst vor Konferenzbeginn an Ort und Stelle und unterhalten sich im Innenhof des Pfefferbergs. Vor den Konferenzräumen wirbt die Tageszeitung neues deutschland für E-Paper statt Holzzeitung. Viele der Teilnehmer tragen ein Windrad mit sich, das die Idee von PLAN B am besten symbolisiert: Soziale Gerechtigkeit und Ökologie können als gesellschaftliche Vision erst dann richtig Wind machen, wenn sie um einen dritten Flügel, nämlich die demokratische Mitbestimmung, ergänzt werden.

Verschiedenste Workshops werden an diesem Tag angeboten – unter anderem zum Grundeinkommen, zur Energiewende, zur Nahrungsmittelproduktion. Sabine Leidig, Bundestagsabgeordnete der Fraktion DIE LINKE und Leiterin des Workshops Mobilität, weiß: "An kaum einem anderen Thema wird der Zusammenhang zwischen sozialer Gerechtigkeit, Ökologie und Demokratie so klar deutlich." Wer Verkehr umweltfreundlich auf die Schiene bringen will, muss Menschen über sozial ausgewogene Tarife die Möglichkeit geben, dieses Angebot auch zu nutzen. Dass es sich hierbei um eine Vision, einen PLAN B handelt, der über linke Parteigrenzen hinaus begeistert, macht ein Blick in den Konferenzraum deutlich. Da sitzen Alpenaktivisten, die für eine Beruhigung des Lkw-Güterverkehrs durch süddeutsche Bergregionen kämpfen, neben Vertretern der Bürgerinitiative "Rettet die Marienfelder Feldmark". Da wird gehäkelt, Kaffee getrunken, hitzig debattiert.

Am Ende des Tages verewigen alle Beteiligten in einem World Café ihre Ideen und Vorschläge auf Papierrollen. Kreuz und quer beschrieben, stellen die weißen Bahnen die Vision eines sozial-ökologischen Umbaus dar, der von möglichst vielen Bürgerinnen und Bürgern getragen wird. An zwei Tagen haben die Konferenzteilnehmer diese Vision mit konkreten Vorschlägen ausgefüllt: Jeder von ihnen hat seinen persönlichen PLAN B mit auf den Pfefferberg gebracht. Wie etwa Kathrin Linsler, die mit dem Netzwerk Berliner Energietisch für eine Rekommunalisierung der Berliner Energiewirtschaft kämpft. Heike Aghte von der Europäischen Gesellschaft für Entschleunigung setzt sich europaweit für Tempo-30-Zonen in Ortschaften ein, um Emissionen zu senken und Fußgängern und Radfahrern die Straße zurückzugeben. Ulla Lötzer, Bundestagsabgeordnete für DIE LINKE, streitet für zukunftsfähige Beschäftigung in einer nachhaltigen Industrielandschaft.

Und Peter Engert? Der kam mit nicht weniger als dem Wunsch nach Aussöhnung zwischen Natur und Mensch zur Konferenz. Für ihn bleibt die ermutigende Erkenntnis, dass es Raum gibt, über eine gesellschaftliche Alternative zu diskutieren. Soziale Gerechtigkeit und Demokratie im Einklang mit den Gesetzen der Natur, das ist machbar, aber auch notwendig. Denn eines ist für Peter Engert auch klar: "Naturgesetze setzen sich immer durch – ob wir wollen oder nicht."

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