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Plädoyer für die Würde der Frau

erschienen in Querblick, Ausgabe 4,

Ulla Jelpke votiert gegen die anonyme Geburt

Seit Jahren werden Babyklappe und anonyme Geburt als vermeintlich fortschrittliche Mittel angepriesen, mit denen man Frauen in einer Notlage helfen könne. Aber gute Absichten können nicht darüber hinwegtäuschen, dass diese »Lösungen« nur neue, schwerwiegende Probleme aufwerfen. Denn ein Recht, einem Kind die Kenntnis seiner Abstammung unwiederbringlich vorzuenthalten, gibt es nicht. Jede Frau hat Verantwortung für das Kind, das sie zur Welt bringt. Sie kann es zur Adoption freigeben; das ist völlig legitim. Aber das Kind muss erfahren können, wer seine leiblichen Eltern sind. Diesen Rechtsanspruch hat das Bundesverfassungsgericht vor zwanzig Jahren ausdrücklich bestätigt.

Bei der Durchsetzung des Rechts kommt es auf den Beweggrund – und seien es materielle Ansprüche an die leiblichen Eltern – nicht an.

Nun wird von den Befürwortern der anonymen Geburt eingewandt, es sei besser, die Anonymität in Kauf zu nehmen, wenn damit Kindern das Leben gerettet werden könne. Diese Argumentation geht an der Realität vorbei. Frauen, die ihr neugeborenes Baby töten, sind so verzweifelt, dass sie gar keine Alternativen sehen können. Diese Frauen handeln in Panik. Sie gehen daher auch nicht in eine Klinik zur anonymen Entbindung. Ich glaube nicht, dass Babys durch die Babyklappe oder anonyme Geburt vor dem Tod gerettet werden. Bei flächendeckender Einführung von Babyklappe und anonymer Geburt ist eher zu befürchten, dass schwangere Frauen sich vermehrt ihrer Verantwortung nicht stellen, weil es ja so einfach gemacht wird, dieser auszuweichen. Allerdings: 90 Prozent der Frauen wollen später doch wissen, was nach einer Adoption aus ihrem Kind geworden ist.
Wenn nun von den Trägern der Babyklappen berichtet wird, dass sich vor allem »illegale« Frauen in ihrer Not an sie wenden, dann ist dies nicht verwunderlich. Die Illegalisierten, wie man richtig sagen muss, haben ja auch die größten Repressionen zu fürchten, zum Beispiel sofortige Abschiebung und Abschiebehaft. Schwangere Frauen müssen dringend Zugang zu medizinischer Betreuung und Abschiebeschutz bekommen. Die anonyme Geburt ist dagegen keine Lösung.

Somit ist es insgesamt viel sinnvoller, die vorhandenen Hilfen auszubauen und bekannter zu machen. Es ist keine Schande, ein Kind zur Adoption freizugeben. Frauen, die ihr Kind abgegeben haben, trauen sich mit ihrer Biografie immer noch nicht an die Öffentlichkeit. Anstatt diese Frauen noch mehr in die Anonymität zu verbannen, sollte für mehr Verständnis geworben werden: Diese Frauen sind keine Rabenmütter. Die Zahl von Aussetzungen und Kindestötungen ist glücklicherweise gering. Daher gibt es kein verstärktes praktisches Bedürfnis für Babyklappe und anonyme Geburt.

Vielmehr geht es um die Würde der Frau und um ihr Selbstbestimmungsrecht sowie um das Grundrecht des Kindes auf Kenntnis seiner Abstammung. Die ganze Diskussion um Babyklappe und anonyme Geburt ist ein Rückfall in die fünfziger Jahre.

Ulla Jelpke, MdB Sprecherin für Innenpolitik der Fraktion DIE LINKE.