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Pioniere an der Küste

erschienen in Clara, Ausgabe 3,

500.000 Jobs durch öffentlich geförderte Arbeitsplätze bis 2009

DIE LINKE. will es anpacken: 500.000 Jobs durch öffentlich geförderte Arbeitsplätze mit Mindestlöhnen bis 2009. Ein großes Ziel und zugleich ein großer Anspruch für einen Ausweg aus Hartz IV und damit aus Armut und Entwürdigung. Kornelia Möller, arbeitsmarktpolitische Sprecherin der Linksfraktion, sieht darin nicht nur eine Alternative zur Langzeitarbeitslosigkeit. Mit diesem Weg könnten zugleich dringende Zukunftsaufgaben der Gesellschaft erfüllt werden, insbesondere bei der Pflege Älterer oder in Schule und Erziehung. Eine Landesinitiative in Mecklenburg-Vorpommern hat die ersten 1000 öffentlich finanzierten dauerhaften Stellen geschaffen. Einen der begehrten Jobs hat Gerlind Klus.

Als die Linken in Mecklenburg-Vorpommern 1999 ihre Idee des öffentlich geförderten Beschäftigungssektors mit Jugend- und Schulsozialarbeit tatsächlich in die Praxis umsetzen wollten, gehörten CDU-Landräte zu den ersten Unterstützern. Während die Abgeordneten ihrer Partei im Landtag Sturm dagegen liefen. Die SPD-Genossen grummelten eine Weile, stimmten aber schließlich der Aufnahme des Vorhabens in den Vertrag über die erste rot-rote Koalition in Deutschland zu. Mussten sie, weil die Linken den Einstieg in öffentlich geförderte Beschäftigung zur ersten Bedingung für eine Zusammenarbeit gemacht hatten. Heute, acht Jahre und eine Regierungsumbildung später, ist die Fortführung der »Landesinitiative Jugend- und Schulsozialarbeit« im Koalitionsvertrag von Rot-Schwarz nicht nur verankert. Dort ist sogar eine Erweiterung festgeschrieben: Künftig soll in jeder weiterführenden Schule und in jeder Berufsschule im Nordosten ein Sozialarbeiter wirken und von der öffentlichen Hand bezahlt werden.

Helmut Holter, acht Jahre lang roter Arbeitsminister und einer der Väter der Initiative, fällt heute manchmal die Kinnlade herunter, wenn er hört, dass das einst bemäkelte »Pionierleiterprogramm« von den gleichen Leuten nunmehr als »Faktor der Wirtschaftsförderung« geschätzt wird. Eines Schmunzelns mit Grenzwertigkeit zum breiten Grinsen kann sich der Landtagsabgeordnete dann nicht erwehren. Zumal es hier im Norden im ursprünglichen Wortsinn um eine Pionierleistung geht.

Fern von jeglichem politischen Hickhack, doch beseelt von dem Wunsch, Eltern und Lehrern im »schwersten Job der Welt« beizustehen, arbeitet Gerlind Klus. Die zierliche blonde Frau mit klugen grünen Augen ist Sozialarbeiterin an der Regionalen Schule in Neustadt-Glewe im Landkreis Ludwigslust, Lulu sagen sie hier. Das Umfeld ist typisch für kleine Städte im Osten und auch wieder nicht. Typisch die Plattenbauten am Stadtrand, die abgewickelte Industrie, die hohe Arbeitslosigkeit unter den Bürgern und der Fortzug der Jungen. Typisch der Verlust dessen, was Kinder auf dem Weg zum Erwachsenwerden mitbekommen sollten: die Fähigkeit, miteinander zu sprechen, Beziehungen einzugehen, Probleme zu erkennen und Lösungen zu planen, sich gewaltfrei mit Gleichaltrigen auseinanderzusetzen - soziale Kompetenzen eben. Nicht unbedingt typisch ist der ausgeprägte Wille, hier etwas wirklich Wirksames dagegenzusetzen. Bei der Sozialarbeiterin sowieso, doch auch bei den Lehrern, beim Jugendamt, beim Schulamt, bei den Trägern der Jugendarbeit. Sie alle ziehen im Kreis Lulu an einem Strang, beteiligen sich an der Finanzierung. Denn Sozialarbeit, so der Konsens, darf kein Anhängsel der Bildungspolitik im Niedriglohnbereich sein. »Schule ist wichtig«, lässt Gerlind Klus keinen Zweifel am Stellenwert ihrer Arbeit, »aber Schule ist nicht das Leben.« Sie zeigt Verständnis für Lehrer, die im Spannungsfeld von Schulschließungen und Personalabbau die Zensuren in den Mittelpunkt rücken. Sie akzeptiert auch, dass Jugendliche für einen erfolgreichen Start ins Berufsleben ein möglichst gutes Zeugnis brauchen. Doch die studierte Erzieherin verweist auch darauf, dass junge Menschen, wenn sie Leistung bringen sollen, sich sicher fühlen müssen, aufgehoben in einer Gruppe, in der Bindungen existieren. »Das Jeder- gegen-jeden-Prinzip ist ein zutiefst unsoziales. Die Gesellschaft erweist sich keinen Dienst damit, den Stärkeren gegen den Schwächeren auszuspielen. Und Rücksichtslosigkeit und Gewaltbereitschaft werden vererbt, wenn man sie nicht stoppt.« Deshalb lässt die 45-jährige alleinerziehende Mutter zweier Söhne nicht ab von ihrem Weg zu den Eltern. Bietet immer wieder Gespräche an, aber auch Kontakte zu Suchtberatern, zum Jugendamt, zu Projekten, in denen Toleranz, Rücksicht und soziales Miteinander gefördert werden.

Sie erzählt von scheinbar verfahrenen Beziehungen zwischen Kindern und sprach- und hilflosen Eltern, die plötzlich nicht mehr ausweglos waren: »Und das nur durch ein paar Gespräche mit richtigen Anstößen. Ich bin immer wieder überrascht, wie viel geht, wenn man nur miteinander redet.« Sie erzählt von der eigenen Hilflosigkeit, etwa wenn sie mit ansehen muss, wie eine ledige Mutter, die wegen der Arbeit täglich nach Hamburg pendelt, schweren Herzens ihren Sohn vernachlässigen und gleichzeitig überfordern muss. Auch von schönen Momenten, wenn etwa in der Silvesternacht eine SMS mit Dank und guten Wünschen von einer ehemaligen Schülerin kommt, die sie seit Jahren nicht gesehen hat.

Als störend empfindet die Sozialarbeiterin den ausufernden Papierkram, mit dem sie jeden Euro für ihre Projekte beantragen muss. Geld ist auch das Thema, wann immer über öffentlich finanzierte Arbeitsplätze diskutiert wird. Die Linken geraten traditionell schnell in den Ruf, seriöse Finanzierungskonzepte schuldig zu bleiben. Die Landesinitiative im Nordosten nun ist ein Paradebeispiel dafür, wie kluge Vorschläge angenommen und mit finanziellem Gewinn weiterentwickelt werden können. Das Finanzkonzept der Initiative sieht eine Fifty-fifty-Finanzierung durch Land und Kreise vor. Das Land spendiert 21,50 Euro pro Jahr und Kopf der 10-26-jährigen, was durch die Kreise je nach Anzahl der Jugendlichen in gleicher Höhe ergänzt wird. Mittlerweile packen die Kreise bis zu 23 Prozent drauf. Das »Pionierleiterprogramm« ist zum stabilen Faktor kommunaler Arbeit und zum Arbeitgeber geworden. Durchschnittlich 2.400 Euro beträgt das Bruttogehalt, auf das die Sozialarbeiter zählen können. Seit 1998 sind mehr als 1000 dauerhafte Arbeitsverhältnisse finanziert worden. Der »Zauber des Gelingens« wird von den Beteiligten sinngemäß gleich definiert: Langfristige gesicherte Mittelbereitstellung gepaart mit politischem Rückenwind und Fachleuten in der Ausführung (80 Prozent der Sozialarbeiter sind auch als solche ausgebildet).

Bis 2013 mindestens sind die Mittel gesichert. Doch weil diese Arbeit so überaus wichtig ist, muss es auch danach weitergehen. Darin sind sich die Akteure einig. Wenn es eines Beweises bedürfte: Gerlind Klus weist mit den Augen an ihre Bürotür, an der neben sinnigen, fröhlichen, unbekümmerten und philosophisch-tiefsinnigen Sprüchen eine Buchstabierung des Wortes Schulsozialarbeiter hängt: »Schlichter, Coach, Helfer, Unterstützer, Lösungs-sucher, Signalempfänger, Optimist, Zuhörer, Ideenspender, Ansprechpartner, Lenker, Aufmunterer, Realist, Berater, Erklärer, Idealist, Tröster, Eingreifer, Ratgeber.« 19 stark nachgefragte Angebote. 19 Jobs, die in Mecklenburg-Vorpommern (mit Steuergeld auf-) gewogen und als schwer genug befunden werden.

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