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Pendlerin zwischen den Welten: Elke Reinke

erschienen in Clara, Ausgabe 1,

Die Reise in Elke Reinkes Wahlkreis konnte an keinem denkwürdigeren Tag stattfinden. Es war an einem Montag und wieder war es ein 9.Oktober, jenem Tag, an dem Jahre zuvor in Leipzig die Leute auf der Straße erstmals laut skandierten: »Wir sind das Volk.« Inzwischen sind 16 Jahre vergangen und es grenzt an ein Wunder, dass eine, die noch im vergangenen Jahr Montagsdemonstrationen organisierte, nun Abgeordnete im Bundestag ist.

Die Zugfahrt zur Abgeordneten Reinke führt im wahrsten Sinne des Wortes durch mehrere Leben - Witzleben, Sandersleben, Belleben und schließlich Aschersleben. Alles Orte mit Leben am Ende, Orte, so scheint es, denen die Vitalität verloren ging. Die hier leben, haben entweder nicht rechtzeitig den Absprung geschafft, oder sie sind wieder zurückgekommen, weil ihre Hoffnungen in anderen Teilen dieses schönen Landes ebenso platzten wie Seifen-blasen.

»Wofür bestraft ihr mich, ich will doch arbeiten!«

Auch Elke versuchte 2005 den Absprung nach Stuttgart. Dort wollte sie sich endlich nach 15 Jahre währender Dauerschleife von Arbeitslosigkeit, Umschulungen, Schikanen, Bewerbungen und Enttäuschungen befreien. Vergeblich, sie kam zurück und landete wieder als ALG-II-Empfängerin in Aschersleben. Da platzte ihr der Kragen und der Kundenberater der Arge bekam ihre geballte Wut um die Ohren. »Wofür bestraft ihr mich, ich will doch arbeiten.«

Wut motiviert Elke. Die Hoffnung, dass sie etwas ändern könnte an ihrem und am Schicksal gleich Betroffener, ließen sie, die inzwischen in die WASG eingetreten war, kandidieren und ein Mandat für die Linke im Bundestag gewinnen.

Seit dem 18. September 2005 agiert Elke, die Volksvertreterin, im Dauerstress auf der Überholspur des Lebens. Seitdem pendelt sie zwischen zwei Welten in ein und demselben Deutschland. Die eine ist der Bundestag in Berlin, die andere ihr Wahlkreis in Aschersleben. Von Beginn an begleitet von den Medien und von ihnen zur Exotin auserkoren, bestaunen Journalisten, was das Leben mit »Auserwählten« vorhaben kann. Manchmal - so hat es den Anschein- kann es Elke selbst nicht fassen, was ihr »passiert ist.« An den Medienrummel hat sie sich nach einem Jahr im Bundestag immer noch nicht gewöhnt. Große Sender und Zeitungen gieren nach der Superstory: Langzeitarbeitslose sitzt seit einem Jahr im Parlament. Da seht ihr, schreiben sie stolz, auch das gibt es in Deutschland.

»Ob ich mich verändert habe, dürfen Sie nicht mich fragen.«

Der öffentlich-rechtliche Redakteur dreht anlässlich des »Einjährigen« ein Interview mit MdB Elke Reinke. Sie hat Sprech-stunde im Wahlkreisbüro. Für den MDR erfüllt der Journalist seinen Auftrag und sucht für die Zuschauer nach persönlichen Veränderungen des Menschen Elke Reinke. Nach Diätenerhöhungen fragt er ebenso wie nach den Problemen, die sie jetzt privat zu lösen hätte. Nein, eine glatte, geschmeidige Gesprächspartnerin ist Elke immer noch nicht, wenn es um ihre Person geht. »Ob ich mich verändert habe, dürfen Sie nicht mich fragen, fragen sie meine Mitarbeiter oder die Leute draußen auf der Straße«, sagt sie und schaut auf die Uhr. Sie will das Interview hinter sich haben, denn heute ist Montag und sie hat noch eine Menge zu tun vor der Demo um 18 Uhr.

Auf eine Art, sagt der Journalist, finde ich sie gut, nicht so floskelhaft wie die Politiker sonst. Er sagt nicht, auf ihre Art fände er Elke Reinke gut. Er bietet ihr an, sie bei »Christiansen« unterzubringen. Er habe super Kontakte und vielleicht könnte er vorher noch ein bisschen Medientraining für sie organisieren. Wäre doch eine super Story. Als er wegsieht, rollt Elke hinter ihrer Brille mit den Augen. Ginge es nach ihr, hätte er eine andere »Superstory« erzählen können.

Sie gehört zu Ingo Kreß. Er saß zur gleichen Zeit im Wahlkreisbüro, geduldig das Ende der Dreharbeiten abwartend. Von seinem Schicksal hat die Politikerin Elke in ihrer zweiten Bundestagsrede erzählt. Ingo Kreß ist Vater von fünf Kindern und seit Januar 2005 ALG-II-Empfänger. Er hat alles versucht, die Armut von seiner Familie abzuwenden. Nun sind alle mitten drin. Bis Weihnachten hat er Aufschub für die Räumung seiner Wohnung bekommen. 140 qm sind für die siebenköpfige Familie nach dem Hartz-IV-Gesetz ganze 5_qm zu viel. Sein scharfer Verstand kann die Worte gewählt setzen. Er weiß, dass sich die Spirale für ihn weiter abwärts dreht, wenn nicht bald etwas passiert. Nur was weiß er nicht. Gesellschaftliche Isolation sei das Schlimmste, deshalb suchte er Kontakt zu Elke. Er will ihre Homepage aufpolieren. Davon versteht er was. An jenem Montag wird jedoch nicht viel daraus. Der Laptop stürzt immer wieder ab.

»Seit die Linke da ist, gibt’s ein bissel mehr Ärger in der Arge.«

Elke rennt zwischen den Dreharbeiten immer wieder ans Telefon. Ihr Wahlkreismitarbeiter ist heute außer Haus zum Einsatz als Schöffe. Das muss auch sein. Sie ist hartnäckig und will unbedingt eine »Fall-managerin« der Arge sprechen. Dort geht niemand ans Telefon. Noch ein Versuch - wieder vergeblich. Elke lässt sich über ihr Berliner Bundestagsbüro mit der Arge in Aschersleben verbinden. So schnell kann man sie nicht abschütteln. Sie kennt das »Fallmanagement« in Ascherleben nur zu gut aus eigenem Erleben. Der »Fall«, für den sich Elke ins Zeug legt, heißt Mandy Heinrich. Die 25-jährige Oecotrophologin hat ein exzellentes Diplom in der Tasche, doch null Chancen auf eine Arbeit in diesem Beruf. Nun hat sie ein Angebot für eine Umschulung zur Heilerziehungspflegerin, womit ihr größere Vermittlungschancen versprochen werden. Die Folge ist ein zermürbender Kampf um die Bezahlung der Ausbildung. Und den hat Elke aufgenommen. Es scheint, sie nimmt es fast sportlich, als wüsste sie, wer das Rededuell gewinnt. »Seit die Linke da ist, gibt’s ein bissel mehr Ärger in der Arge.«

»Das sind keine sozial Schwachen, die Gesellschaft ist sozial schwach.«

Am Abend werden zur Montagsdemo wieder die Transparente ausgerollt. Aus dem Lautsprecher dröhnt der Refrain »Regine, du gibst mehr Geld aus, als ich verdiene.« Zwischen den derben Hartz-V-Songs gibt Elke jedem der rund 80 Demonstranten die Hand. Es ist wie ein Ritual, das sie jedem vermitteln will: Sie gehört zu ihnen. In der Mitte des Marktes steht ein Mikrofon, an dem jeder, der will, seinen Frust über die Arbeitslosigkeit loswerden kann. Die MDR-Kamera ist auch dabei, mitten unter den Menschen mit den roten Shirts der so genannten sozial Schwachen. Es ist die 114. Montagsdemo von Aschersleben. Die Einzige von ihnen, die es in den Bun-destag geschafft hat, sagt: »Das sind keine sozial Schwachen, die Gesellschaft ist sozial schwach.« Und weil das so ist, wird die Politikerin Elke Reinke nicht aufhören, solchen Menschen im Parlament Gehör zu verschaffen.

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