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Patientin im neoliberalen Krankenhaus

erschienen in Querblick, Ausgabe 18,

Unternehmerin der eigenen Gesundheit

»Die Krise im Gesundheitsbereich kündigt sich zuallererst als eine Art Erdrutsch in der gewohnten Versorgung an.« So beginnt Frigga Haug ein Kapitel ihres Buches »Die Vier-in-Einem-Perspektive« *. Therapie und Pflege sind in unserem Denken nicht als Warenbeziehungen gekennzeichnet. Sich-Kümmern,Behandeln,Sorgenund Versorgen stehen im Mittelpunkt. Mit dem Einzug neoliberaler Ideologie in den Alltag ändert sich das. Der Jenaer Soziologe Klaus Dörre bezeichnet es als »innere Landnahme« des Kapitalismus. Die letzten gesellschaftlichenRefugien werden als Märkte entdeckt.

Frigga Haug wertet ihre eigenen Erfahrungen als Patientin aus: »Aufgestiegen vom Objekt und Opfer in den Subjektstatus von Selbstverantwortung, atmet der neue Patient die freie Luft der selbstbestimmten Aktivität. Krankenhaus, das bedeutet nicht länger Beaufsichtigung, Kontrolle, Verwahrung, Paternalismus. Der neue Patient wird Gast in einer Art Hotel, in dem ihm die vorherigen Überwacher ebenso zu Diensten sind, wie die allmächtigen Ärzte demütig auf seine Nachfrage nach ihnen zu hoffen scheinen.« Sie berichtet, wie sie unterschiedliche Strategien anwenden muss, um die Aufmerksamkeit des Oberarztes für ihre Beschwerden zu erhalten: kindlich-schwach, mutig-autoritär oder sich in das Schicksal einfindend. »Ich traue mich nicht, noch einmal nachzufragen, möchte nicht aufdringlich sein, nicht zu viel Aufhebens machen…«

Später, nach der Untersuchung, erlebt sie das Bedürfnis, sich zu rechtfertigen. Sie fühle eine Art Triumph, weil damit klar sei, dass sie sich zu Recht gesorgt habe und weder eine Querulantin noch eingebildet krank wäre.

Widersprüche treten zu Tage: Zum Einen gibt es die Vorstellung, als Patientin nichts zu sagen zu haben und weiß gekleidete (meist) Männer entscheiden zu lassen. Zum Anderen ist da das mündige Patientensubjekt – verantwortlich, selbstbewusst. Schließlich sei es Eigentümer seines Körpers, ja es sei für ihn zuständig und habe das integrierte Wissen über ihn. »Dieses Subjekt befindet sich in der Position eines Managers, einer oder eine, die ihren Körper als Unternehmen führt.«

Neoliberales Denken durchzieht alle Bereiche des täglichen Lebens. Es produziert und reproduziert sich über unser Denken, Fühlen und Handeln. Demgegenüber bleibt die wichtige Position der Fraktion DIE LINKE. im Bundestag: Gesundheit ist keine Ware.


Von Regina Stosch

 

* Alle Zitate aus: Frigga Haug: Die Vier-in-Einem-Perspektive: Politik von Frauen für eine neue Linke, Argument Verlag; Berlin, 2. Auflage. (Mai 2009)

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