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Packen Sie Marx in eine Nussschale!

erschienen in Clara, Ausgabe 46,

Die »Deutsche Ideologie« stärkt der Kulturpolitikerin Simone Barrientos aus Franken den Rücken: Im Parteiprogramm ist Marx als Quelle unserer Arbeit verankert: Neue Räume im Denken und Handeln werden auch durch Kultur und Kunst eröffnet. Und mit Marx stellen wir uns gemeinsam die Frage, wie wollen wir heute und in Zukunft gemeinsam leben? Oder bleiben wir für immer »Jäger, Fischer, Hirte oder kritischer Kritiker«? Die Gesellschaft ist veränderbar, und wir Frauen spielen die entscheidende Rolle dabei!

Der Bundestags-Vizepräsidentin Petra Pau gelang eine Wiederbelebung: November 2014, Baden-Württemberg, Freiburg: Die Landeszentrale für politische Bildung bat mich um einen Vortrag in einer Veranstaltungsreihe. Rund 200 Leute kamen dazu in die Uni, vorwiegend junge. Ich sprach über »Linkssein im 21. Jahrhundert«, über Solarrevolution und Digitalisierung. Der Moderator schloss mit dem Satz: »So viel Karl Marx gab es in diesem Hörsaal lange nicht, danke Frau Pau!«

Der Finanzpolitiker Fabio De Masi aus Hamburg hat wegen Marx den Oscar verpasst: Ich wollte Filme machen. Dann las ich Comics über Marx. Da stand, dass wir dank Technik immer weniger Zeit brauchen, um etwa 3-D-Drucker zu produzieren. Arbeiter bekommen weniger Lohn, als sie erarbeiten. Bosse wollen mehr Gewinn, also mehr produzieren und Löhne drücken. Keiner kauft den Mist: Krise! Statt Oscars abzustauben, studierte ich Wirtschaft. Der alte Sack hat mein Leben versaut.

Die bayerische Gewerkschafterin Susanne Ferschl traf den Roten beim Roten: Marx ist mir vor 20 Jahren als Jugend- und Auszubildendenvertreterin begegnet. Im Lesekreis diskutierten wir die Kritik der politischen Ökonomie. Und tranken Rotwein. Manchmal wusste ich nicht, wovon mir mehr der Kopf schwirrte. Marx hat mein Denken auf die Füße gestellt und mein Klassenbewusstsein geschärft – der Ausgangspunkt für mein gewerkschaftliches Handeln bis heute, egal ob im Betrieb oder Parlament.

Marx bleibt ein umstrittener Kopf, stellt Ralph Lenkert, Umweltpolitiker aus Jena, fest: In meiner Heimatstadt tobt seit Jahren der »Büstenstreit«. Karl Marx promovierte 1841 in Abwesenheit in Jena. Die 1953 von der Universität aufgestellte Marx-Büste fehlt seit 1992 – wegen »Systemnähe zur DDR«. Die Friedrich-Schiller-Universität blockiert seither die Wiederaufstellung. Dort, wo andere Städte mit dem Erbe »Karl-Marx« werben, glänzen Jenaer »Wissenschaftler« mit Kleingeistigkeit.

Katrin Werner, Familien- und Seniorenpolitikerin aus Trier, kommt an Marx nicht vorbei: Hier läuft die Marx-Maschine auf Hochtouren. Von der Tasche bis zum Groschenroman, alles wird für den Profit mit seinem Konterfei versehen. Eine Auseinandersetzung mit seinem Werk? Meist Fehlanzeige! Wir sollten uns Marx’ Analyse des Kapitalismus stärker zuwenden und seinen Appell, »alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist«, wieder mit Leben füllen.

Die Wissenschafts- und Netzpolitikerin Petra Sitte aus Sachsen-Anhalt war traurig in London: Anfang der 1990er Jahre war ich zum ersten Mal in London. Zuerst wollte ich das Grab von Karl Marx sehen. Ich stiefelte in die nächstgelegene Tourist-Info, um Auskunft einzuholen. Leider kannte niemand Karl Marx und wusste schon gar nicht, wo das Grab zu finden sei. Erst die vierte Stelle konnte Auskunft geben. Was für eine Enttäuschung: Ich fand ein verwildertes Grab mit einem verwitterten Grabstein.

Der Politiker und Rechtsanwalt Gregor Gysi über seinen berühmtesten Mandanten: Das ZDF suchte vor fast 15 Jahren den besten Deutschen. 1,5 Millionen Menschen beteiligten sich. Marx war zu Beginn der Sendung Zehnter. Das ZDF wollte, dass ich ihn vertrete. Letztlich hievte ich ihn auf Platz 3. Vor ihm Luther, na ja, und Adenauer. Das darf ärgern. Marx gewann im Osten, in Berlin, Hamburg und Bremen. Er machte den größten Sprung. Aber auch da zeigte sich – in Bayern haben wir noch etwas zu tun.

Die religionspolitische Sprecherin der Linksfraktion, Christine Buchholz aus Hessen, glaubt dem großen Denker: Marx war kein Feind der Religion. Er war gegen eine Kirche, die die herrschende Ordnung verteidigt oder Kriege legitimiert. Wenn Lohnabhängige hingegen aus dem Glauben Hoffnung für eine gerechtere Welt schöpfen, dann sind sie Bündnispartner im Klassenkampf. Es geht nicht darum, den Leuten den Glauben auszureden, sondern die Gläubigen für den Kampf für eine bessere Welt im Hier und Jetzt zu gewinnen.

Der Haushaltspolitiker Michael Leutert wurde unweit von Karl-Marx-Stadt geboren und lebt jetzt in Chemnitz: Ich war kaum 15, als ein ganzes Gesellschaftssystem implodierte und über Nacht verschwand. Damals trieb mich die Frage nach dem Warum ins Studium und von dort zu Marx. Seine Verstandesschärfe, ein gesellschaftliches Verhältnis von Anfang bis Ende zu denken, treibt mich heute weiter an. Von Marx bekam ich vielleicht nicht alle Antworten, aber von ihm lernte ich, die richtigen Fragen zu stellen.

Aufgesammelt und zusammengestellt von Georg Fehst

 

 

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