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"Ohne Ungehorsam ist alles nichts"

erschienen in Clara, Ausgabe 26,

Der Schriftsteller Raul Zelik über Utopien, linke Politik und Strategien, um die herrschende Macht zu unterlaufen und zurückzudrängen

Ein langes Gespräch zwischen Ihnen und Elmar Altvater trägt den Buchtitel "Vermessung der Utopie". Wie wichtig sind Visionen und Utopien?

Raul Zelik: Natürlich haben Utopien auch eine problematische Seite. Karl Marx hat geschrieben, dass es weniger darum gehe, sich die Zukunft auszumalen, als darum, Möglichkeiten der Veränderung im Bestehenden aufzuspüren. Andererseits können Gegenbewegungen kaum entstehen, wenn es nicht auch Vorstellungen davon gibt, wie es anders gehen könnte. Und da spielen Visionen und Utopien eben doch wieder eine Rolle: Sie machen deutlich, dass es Alternativen gibt.

Viele Menschen teilen das Verlangen nach einer gerechten und ökologischen Wirtschaftsordnung. Aber im politischen Alltag herrscht kurzfristiges Krisen-management. Wie kommt man raus aus diesem Dilemma?

Ich denke, es braucht dreierlei: Erstens ist das Unwohlsein mit den Verhältnissen viel zu diffus. Wir brauchen eine klarere, gemeinsame Analyse der Verhältnisse. Zweitens fehlt eine konkrete politische Praxis von unten, die eine Alternative aufzeigt. So wie es früher die Genossenschaftsbewegung oder die Sport- und Kulturorganisationen der Linken waren, die gezeigt haben: Wir können anders leben, arbeiten, miteinander umgehen. Drittens müssen wir verstehen, dass es in der Politik nicht in erster Linie um vermeintliche Kompetenz geht, sondern um Machtverhältnisse. Wenn wir etwas verändern wollen, brauchen wir Strategien, wie sich herrschende Macht unterlaufen, aushöhlen, zurückdrängen lässt.

Wie kommt man von Visionen zu konkreten Einstiegsprojekten?

Das scheint mir längst nicht so schwierig, wie oft unterstellt. Die Gesellschaft bringt ständig Möglichkeiten ihrer Überwindung hervor. In der freien Software-Szene haben sich kooperative, demokratische Formen der Produktion jenseits von Markt und Privateigentum entwickelt. Daraus sind beispielsweise Wikipedia und Linux entstanden. Hausprojekte haben die Idee der Wohnungsgenossenschaften neu belebt und basisdemokratische Zusammenschlüsse wie das Mietshäusersyndikat hervorgebracht. Es ist nicht so, dass wir keine Ahnung haben, wie es anders ginge. Das Problem ist, dass eine solche Entwicklung nicht gewollt ist.

Soziale Bewegungen sind meistens innovativer und häufig auch effektiver als Parteien. Was sollte DIE LINKE tun, damit sie mehr von diesem Pioniergeist aufnehmen kann?

Die Gegenüberstellung von Bewegungen und Partei halte ich für falsch. Der gemeinsame Ausgangspunkt sollte sein, dass Emanzipation immer nur Selbstemanzipation sein kann. In diesem Sinne kann es keine linke Regierung geben, die die Gesellschaft emanzipiert – das muss die Gesellschaft, das müssen die "Leute unten" schon selbst machen. In dem Sinne müssen sich Parteien und soziale Bewegungen daran messen lassen, ob sie die kritische, solidarische, demokratische Selbstermächtigung von unten stärken oder nicht.

Auf welche Themen sollte DIE LINKE im kommenden Bundestagswahljahr setzen?

Sie sollte auch im Wahlkampf nicht vergessen, dass die Wahlen zweitrangig sind. DIE LINKE hat eine Bedeutung, wenn sie Teil eines gesellschaftlichen Gegenprojekts wird und mehr ändern will als Regierungskonstellationen. Dabei können viele Themen und Aktionsformen Ansatzpunkt sein. Und natürlich spielt der Regelbruch eine wichtige Rolle. Ohne Ungehorsam ist alles nichts.

 

Das Interview führte Hans Thie.

Raul Zelik ist Schriftsteller und Professor für Politik an der Nationaluniversität Kolumbiens in Medellín. Jüngst erschien sein neuer Roman "Der Eindringling" in der Edition Suhrkamp.

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