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Ökologische Aggression ist Männersache

erschienen in Querblick, Ausgabe 5,

Gleichstellung der Geschlechter brächte auch für das Klima Entspannung

Die Alltagserfahrung sagt, da ist was dran. Mit den eindeutigen Zuweisungen ist das dennoch so eine Sache. Beispielsweise sollen viele Frauen nicht geringen Einfluss darauf haben, was für ein Auto angeschafft wird. Es darf auch mal größer sein. Viele von ihnen wohnen gern im Grünen – der Kinder wegen. Besser gesagt der eigenen Kinder wegen. Denn die Stadtkids, besonders die aus den ärmeren, an den Einfallsstraßen wohnenden Familien, spielen ja in den Abgasen jener Wagen, die tagtäglich aus den Speckgürteln der Metropolen in die Büros der Innenstädte unterwegs sind. Und was das Essen betrifft: Manche Mutter war in den Nachkriegsjahren stolz darauf, ihren Jungs endlich große Schnitzel auf die Teller packen zu können.

Dennoch, es scheint offensichtlich: Viele Männer neigen zu einem energetisch aufwändigeren Lebensstil. Ines Weller ist jedoch zu klug dafür, aus ihren Belegen die These zu schmieden, der Klimawandel sei nicht nur menschen-, sondern auch männergemacht. Ihre Analyse zeigt vielmehr, dass die strukturelle Diskriminierung von Frauen auch eine Umweltseite hat: Männer haben es nach wie vor leichter als Frauen, gut bezahlte Jobs mit interessanten Aufstiegschancen zu finden. Sind sie Hauptverdiener, bleiben sie selten wegen der Kinder zuhause, sind darum oft mobiler als ihre Partnerinnen und können intensiver am gesellschaftlichen Leben teilnehmen. Solche Männer verbrauchen mehr Ressourcen als ihre Frauen. Hinten heraus kommt dabei auch ein Mehr an Treibhausgasemissionen.

Die Politik der stetigen Flexibilisierung aller Lebensbereiche verschärft die Situation. So ist aus Sicht des Klima- und Ressourcenschutzes eines der großen ungelösten Probleme im Verkehrssektor, dass Beschäftigte gezwungen sind, zwischen Wohn- und Arbeitsort weite Strecken zu pendeln. Ursache ist eine Wirtschaftsweise, die von vielfach schlecht bezahlten Beschäftigten Mobilität um jeden Preis verlangt. Dass vorwiegend Männer unterwegs sind, dürfte jedoch selten an überkommenen Geschlechterrollen zu Hause liegen. Wenn der Familie das Wasser bis zum Hals steht, geht halt derjenige auf Reisen, der einen Job hat. Oft ist das der Mann.

Das männliche Gesicht des Klimawandels zeigt sich deutlicher in den Ländern des Südens. Es sind die Frauen dort, die hauptsächlich die »Anpassungslasten« an die vom Norden verursachte Erderwärmung zu tragen haben. Seien es weitere Wege zum Wasser, ein höherer Aufwand auf dem austrocknenden Feld oder das Bemühen, die durch Umweltmigration permanent vom Zerreißen bedrohte Familie zusammenzuhalten. Hier verbündet sich gegen die Frauen auf fatale Weise die ökologische Aggression der Industriestaaten mit der traditionell schwachen Stellung des weiblichen Geschlechts.

Die fehlende Gleichstellung der Frau und die Zerstörung der Umwelt haben eine Gemeinsamkeit. Sie entziehen sich eindimensionalen Analysen. So haben es weder Sozialismus noch Kapitalismus vermocht, genug Frauen in die Politik oder in die Chefetagen der Unternehmen und Universitäten zu bringen. Und beide haben Raubbau mit der Natur betrieben. Geschlechtergleichstellung und Umweltschutz liegen also in vielen Punkten quer zur Systemfrage.
Der Kampf gegen Profitorientierung sowie zügellose Privatisierung, Liberalisierung und Flexibilisierung schafft – wenn er erfolgreich ist – Freiraum für ökologisch und sozial nachhaltiges Wirtschaften. Dieses gewonnene Terrain dann aber tatsächlich auch dafür zu nutzen, die Gleichstellung der Geschlechter und den Schutz der Umwelt voranzubringen, ist eine weitere Herausforderung. Eine spannende Aufgabe für DIE LINKE.
Eva Bulling-Schröter 

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