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Neue Nachbarn – angekommen, aber noch nicht zu Hause

erschienen in Lotta, Ausgabe 12,

Wie lebt es sich im fremden Land? Welche Werte, welche Kultur gibt es? Was muss ich wissen? Scheinbar einfache Fragen, auf die das Sozialunternehmen Social Science Works im Dialog mit Geflüchteten nach Antworten sucht. Lotta stellt das neue Projekt vor.

An einem kalten Samstagvormittag sitzen sich Oktay Tuncer und Wassim Al Ali gegenüber. Sie sind zu einem Workshop in Potsdam gekommen, um über Identität zu sprechen, über Männerbilder und Maskulinität, über Demokratie. Oktay Tuncer ist in diesem Gespräch »der Deutsche«. Er ist in Süddeutschland geboren und aufgewachsen, hat das Abitur gemacht und studiert Sozialwissenschaften an der Humboldt-Universität zu Berlin. Seine Sprache ist akademisch und geschliffen, er leitet den Workshop. Sein Name verrät allerdings: Er hat möglicherweise Wurzeln in einem anderen Land.

Wassim Al Ali ist erst seit einem Jahr in Potsdam. Bis September 2015 lebte er in Homs, in Syrien. Er ist im Gespräch »der Flüchtling« oder »der Geflüchtete«. Wassim allerdings will sich so nicht nennen lassen. Er findet, dass dieser Begriff ihn in seiner Identität reduziert. Er ist nicht nur der Flüchtling, sondern vor allem »ein Mensch, ein Potsdamer«, ein studierter Agraringenieur, ein Lebensmittelprüfer in Festanstellung. Er sagt, er sei »angekommen«. Wassim arbeitet für ein spanisch-deutsches Unternehmen, er reist dienstlich durch ganz Europa. Sein Deutsch ist nach ein paar Monaten schon so gut, dass er in diesem Workshop nicht nur ein Teilnehmer ist, sondern auch als Übersetzer arbeitet. Auf das Flüchtlingsein »möchte ich mich nicht festlegen lassen.«, sagt er. Zusammengebracht hat die beiden jungen Männer das Sozialunternehmen Social Science Works. Der niederländische Professor Hans Blokland und ein Team von Sozialwissenschaftlern der Humboldt- Universität hatten genug von der reinen Theorie. Sie wollten Theorie und Praxis verbinden, etwas tun für eine bessere Integration. So ist Social Science Works entstanden. Die Sozialwissenschaftler gründeten ihr Unternehmen und starteten zwei Projekte für geflüchtete Männer. Das eine bringt Geflüchtete und Deutsche zusammen. Gemeinsam tauschen sie sich in Workshops über Werte und Regeln der europäischen Kultur und Tradition aus. Werte, die möglicherweise in den Herkunftsländern anders gelebt werden und tradiert sind. »In den Workshops diskutieren wir Themen wie Pluralismus, Humanismus, Demokratie, Religionsfreiheit, Gender, Gleichberechtigung, Sexualität, Ängste von Migranten, aber auch Ängste vor Migranten in der deutschen Bevölkerung«, so beschreibt Hans Blokland das Anliegen der Workshops. Was gewichtig klingt, findet in lockeren Gesprächen statt. Wassim erzählt, dass er – neu in Deutschland – nicht wusste, wie er mit einer deutschen Frau sprechen sollte. Worüber darf überhaupt zwischen den Geschlechtern gesprochen werden? Heute schmunzelt er über diese Unsicherheit. Aber er weiß auch: Die sozialen Codes in seiner Heimat sind anders als die der Deutschen, und um zu lernen und zu verstehen, wo genau diese Unterschiede liegen, sind solche Workshops sehr hilfreich. Auf Augenhöhe wird über die einfachen Dinge des Lebens gesprochen, aber auch über schwierige und existenzielle Probleme. Kein Belehren, kein Fingerzeig, kein Besserwissen, sondern Zuhören und Austausch.

Das zweite Projekt der Sozialwissenschaftler ist ein »Buddy«- Programm. Dafür suchen die Wissenschaftler deutsche oder deutschsprachige Männer, die sich regelmäßig sechs Monate lang mit »Buddys« treffen, um »Einsichten und Verständnis, Kontakte und Wissen über die hiesige Gesellschaft zu bekommen«, so Blokland. Zugeordnet wird jeweils ein deutscher Mann einem geflüchteten Mann. Gefördert werden die Projekte von der rot-roten Landesregierung in Brandenburg. In ein Buddy-Team gehören jeweils zwei. Oktay Tuncer beispielsweise ist ein sogenannter deutscher Buddy. »Ich weiß, wie das ist, aus einem fremden Kulturkreis zu kommen. Meine Eltern kamen einst als Migranten aus der Türkei nach Deutschland.« Er kenne dieses Gefühl, mit Vorurteilen konfrontiert zu werden – in der Schule, in Institutionen, auf der Straße. Darum ist dieses Buddy-Programm, »Menschen im Eins-zu-eins-Kontakt kennenzulernen, genau hinzuhören, Feinheiten aus der Biografie zu erfahren«, ein guter Weg zur Sensibilisierung im Miteinanderumgehen. »Aber das geht nicht binnen eines Monats, dafür müssen wir uns Zeit nehmen.« Vertrauen, Freundschaft und ehrliche Gespräche bräuchten eben Geduld.

 

Sophie Freikamp

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