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Neue Arbeit braucht das Land

erschienen in Clara, Ausgabe 5,

Innovation heißt mit neuen Berufen neue Perspektiven schaffen

Man kann sich so schön an diese Sommer mit Aufbruchsstimmung gewöhnen: 2005 die vorgezogenen Bundestagswahlen und der Start der vereinten LINKEN, 2006 die Fußball-WM, 2007 schließlich der lang herbeigesehnte Aufschwung und sinkende Arbeitslosenzahlen.
Sicher, die Zahl war im Juli wieder leicht angestiegen. Aber doch »nur«, weil sich - wie immer - so viele Schulabgänger und Ex-Azubis erst einmal arbeitslos gemeldet hatten. Was für eine beruhigende Nachricht. Dabei wissen alle: Die Lage ist viel dramatischer, als die Statistik aufzeigt. Arbeitslose in ›Maßnahmen‹ der BA und der Kommunen, Ein-Euro-Jobber, Vorruheständler, Kurzarbeiter und all jene, die keinen Anspruch auf Arbeitslosenunterstützung haben oder die alle Hoffnung aufgegeben haben, werden gar nicht erfasst. Dies alles berücksichtigend übertrifft die »Wirt-schaftswoche« jedoch noch die Berechnungen des DGB und kommt auf tatsächliche Arbeitslosenzahlen, die etwa doppelt so hoch liegen wie die jeweils offiziell angegebenen.
Schon seit Jahrzehnten sind Massen- und Langzeitarbeitslosigkeit in der Bundesrepublik ein hartnäckiges, ein strukturelles Problem - unabhängig vom konjunkturellen Auf und Ab und auch von allerlei politischen Reformen. Begonnen hat die Misere in den 70er Jahren - was auch heißt, dass schon die damaligen politischen Instrumente und die gesellschaftlichen Akteure nicht in der Lage waren, sozial nachhaltig mit den ökonomischen Umbrüchen fertig zu werden. Weder der uneingeschränkte, auf Interessenausgleich bedachte »rheinische Kapitalismus« der ersten Nach-kriegsjahrzehnte noch dessen unternehmensfreundlich und marktliberal orientierte Neuakzentuierung in der Ära Kohl waren in der Lage, die Arbeits- und Wohlstandsgesellschaft der alten Bundesrepublik in aller Breite zu reproduzieren. Mit dem neoliberal inspirierten, hemdsärmelig-radikalen Abbau der alten »Deutschland AG«, ihrer Verflechtungen, Sicherungen und wechselseitigen Aufstiegsversprechen, wie ihn die Regierung Schröder betrieb, gelang dies schon gar nicht.

Hartz-Reformen
sorgen für Armut und Fachkräftemangel

Nach fünf Jahren Hartz-Reformen haben sich vor allem zwei Dinge verstärkt: die Armut und der Ruf der Wirtschaft nach Fachkräften. Um 1,3 Millionen Erwachsene und Kinder ist seither die Zahl derjenigen gewachsen, die von Hartz IV leben müssen. Etwa eine halbe Million Erwerbstätige steckt zudem in Vollzeit-Jobs und ist trotzdem noch auf Zu-schüsse aus dem Hartz-IV-Topf angewiesen. Und Gutscheine für private Arbeitsvermittler, Personal-Service-Agenturen für mehr Zeitarbeit, Ich-AGs, Job-Floater - all diese Module des Hartz-Paketes sind mittlerweile auch zu Recht vergessen, weil sie für einen modernen Arbeitsmarkt, wo mehr und mehr qualifizierte Kräfte benötigt werden, nichts, aber auch gar nichts gebracht haben. Nur die Ein-Euro-Jobs boomen - und gerade hier kann man sehen, dass es zwar um die Produktion und Ausnutzung einer arbeitenden Unterschicht geht, nicht aber um Qualifikation, um Voraussetzungen zur Rückkehr in das Erwerbsleben. In diesem System versacken nicht nur die Talente der zweiten, dritten und vierten Sozialhilfe-Generation, sondern auch die von Ingenieuren, Entwicklern und Facharbeitern, die vor ein oder zwei oder auch mehr Jahren aus dem Beruf gekickt wurden. Im Osten Deutschlands ist das besonders breit zu besichtigen. Gesellschaftsstrategisch ist das alles ein mieses Durchwurschteln ohne Idee und Perspektive. So gewinnt man keine Zukunft. Wie aber dann? Man muss die Alimentierung zu einer auskömmlichen sozialen Grundsi-cherung oder zu einem Grundeinkommen ausbauen, lautet eine der Antworten. Für alle oder bei Bedarf - das ist strittig. Hinter der Idee des Grundeinkommens für alle steckt die kühne Einsicht, wonach die Arbeitsgesellschaft am Ende ist. Da ohnehin eine immer kleiner werdende Gruppe letztlich für alle arbeite, könne man deren Leistungen ja auch gleich sozialisieren - und deren individuelles Arbeitsentgelt als mehr oder weniger großen Zuschlag und als Anreiz definieren, sich eben nicht mit dem Grundeinkommen zufriedenzugeben. Eine schillernde Idee, gegen die zu Recht viele und auch ernsthafte Einwände erhoben werden - gerade auf der Linken.

Echte Innovation statt miesen Durchwurschtelns

Geht der Menschheit wirklich irgendwann die Arbeit aus? 1998 erschien in Deutschland das »Lexikon der unterge-gangenen Berufe«. Es umfasst weit mehr als 400 Seiten und über 300 Stichworte. Beschrieben werden Tätigkeiten und Qualifikationen, die über Jahrhunderte tragende Säulen des Erwerbslebens waren. An ihre Stelle sind in der Zivilisationsgeschichte aber nicht öffentliche Finanzierungen
getreten, sondern neue Berufe, neue Geschäftsfelder, neue Produkte, neue
Dienstleistungen. Nicht die Einschränkung von Beschäftigung und Geschäft war der Weg, sondern die Vertiefung von Arbeitsteilung, die Ausweitung der Geschäftstätigkeit. Nicht Schrumpfung, sondern Innovation - so lautet die Antwort.
Innovation freilich ist und muss eine gesellschaftliche Aufgabe sein. Ein Beispiel: Über dem Sommer 2007 lag auch das Thema Lokführerstreik bei der Bahn AG. Während der Bahn-Vorstand daran festhielt, die einst gewichtige Lokführerschaft finanziell und tarifpolitisch lebenslang im 1.500-Euro-netto-Bereich zu halten, kämpfte deren Gewerkschaft für finanzielle Aufstiegschancen bis zum Ruhestand und für die Anerkennung ihrer organisationspolitischen Bedeutung. Dass es heute schon ganze Schienenverkehrssysteme völlig ohne Triebfahrzeugführer gibt - etwa die U-Bahn in Kopenhagen -, spielte in der Debatte keine Rolle.

So sehr sich das Bild vom Lokführer gewandelt hat - immer waren damit Kompetenzen von hohem Wert verbunden. Sie müssen natürlich anständig vergütet werden - aber auch der Gesellschaft dauerhaft zugutekommen. Ob auf dem Führerstand oder in einem veränderten, heute vielleicht noch nicht einmal absehbaren technischen Umfeld. Dass dies gelingt, setzt sicher auch das aufgeschlossene, zur Veränderung bereite Individuum voraus - viel mehr aber ein komplex strukturiertes Unternehmen, das seinen Geschäftszweck nicht auf die Einsparung der Lokführer reduziert, ein ökonomisches und soziales Gefüge, in dem Staat, und BürgerInnen, Gewerkschaften und Unternehmen für entspre-chende Innovationen sorgen, Ressourcen bündeln. Und natürlich braucht es eine Politik, die aus gesellschaftlichen Brüchen nicht die Legitimation für die Abschiebung von Menschen ins ökonomische, soziale oder geografische Aus ableitet.
Die voll automatisierte Welt der Kopenhagener U-Bahn - sie ist letztlich die Herausforderung für alle: für Unterneh-men, große und kleine Gewerkschaften, Beschäftigte und Erwerbslose. Die Flucht davor kann nur das Verstecken in der Vergangenheit sein. Wer sich ihr stellt, kann gewinnen. Die Zeit drängt. Schon will die Stadt Nürnberg, so hört man, ein Bahnsystem nach Kopenhagener Vorbild einführen.

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