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Mutterseelenallein. Minderjährige Flüchtlingskinder in Deutschland

erschienen in Lotta, Ausgabe 9,

Laut Unicef ist jeder dritte nach Deutschland eingereiste Flüchtling ein Kind oder Jugendlicher. Sie brauchen eine besondere Fürsorge.

Nach Aachen, dicht an den Grenzen zu Belgien und den Niederlanden gelegen, kommen fast täglich unbegleitete minderjährige Flüchtlinge. Egal, wie ihnen die Flucht gelungen ist, sie haben einen Höllentrip hinter sich. Der Weg aus ihren Herkunftsländern ist weit gewesen, und nun sind sie in einer fremden deutschen Stadt und hoffen, dass die ihnen ein Schutzraum sein wird. Für viele von ihnen ist es ein Glück im ganzen großen Unglück, dass es in Aachen das christlich-diakonische „Zentrum für soziale Arbeit Burtscheid“ gibt, das eine lange und gute Tradition in der Kinder-, Jugend- und Familienhilfe hat. Hier begann man frühzeitig, ein Kompetenzzentrum für junge Flüchtlinge aufzubauen. Dazu gehören das „Café Welcome“, in dem sie in den ersten Stunden ihre Aufenthalts Zuwendung und Unterstützung erhalten, und eine sogenannte Erstversorgungsgruppe. Es gibt die Wohngruppe Junge Flüchtlinge, die UMF Verselbstständigungsgruppen, wo die Jugendlichen lernen, auf eigenen Füßen zu stehen, und seit Kurzem das „Wohnen für junge Flüchtlinge in modularer Form“.
Letzteres klingt nicht nach einer Notlösung, ist aber zum Teil eine. Denn „modular“ bedeutet, dass aufgrund der steigenden Zahlen junger Flüchtlinge auf einem 4000 Quadratmeter großen Grundstück mobile Einheiten errichtet wurden, in denen bis zu 20 Jugendliche wohnen können. Man will nicht kapitulieren vor den Gegebenheiten, sondern gemeinsam mit der Bevölkerung, den Jugendämtern, der Politik vor Ort nach Lösungen suchen, auch wenn man die große Politik und die Bundesgesetze nicht ändern kann.


Als Betreuer ist man alles in einem
Hannes Gerlof ist Kindheitspädagoge und arbeitet seit einigen Monaten im Kompetenzzentrum für junge Flüchtlinge. Er hat schnell gelernt, dass man als Betreuer alles in einem ist – Bezugsperson für die kleinen alltäglichen Probleme und die großen Ängste und Sorgen. Er verbringt wie alle anderen Mitarbeitenden viel Zeit auf Ämtern mit den Schützlingen, die aus Afghanistan, Syrien, Marokko, Kamerun, Eritrea, Mali kommen. „Manchmal bin ich einfach nur in der Küche und koche für die Jungs, manchmal sitze ich mit ihnen zusammen und versuche, ihnen Deutschland zu erklären. Ihre größte Erwartung ist, dass dieses Bildungsland ihnen ermöglicht, in die Schule zu gehen, und dass ihnen ein sicherer Aufenthaltsstatus gewährt wird. Keine Angst ist größer als die, nicht bleiben zu dürfen.“ Es gibt zu wenige Schulplätze in Aachen, vor allem in Förderklassen. Wie überall dauert die Clearingphase und die sich daran anschließende Zeit, in der über den Aufenthaltsstatus der Jugendlichen entschieden wird, lange, nicht selten Jahre, und ist psychisch extrem belastend. Umso wichtiger ist für die Jugendlichen, die ihren familiären Zusammenhalt verloren haben, in einer Gemeinschaft leben zu können – in Wohngruppen und Häusern, die ihnen Schutz bieten, in denen sie Ruhe finden und Hoffnungschöpfen können. Wo sie vor allem feste und zugewandte Bezugspersonen haben. Unter den gegenwärtigen Bedingungen und gesetzlichen Bestimmungen hat ein sogenannter Amtsvormund bis zu 50 „Fälle“ auf seinem Tisch liegen, persönliche, individuelle Betreuung ist so nicht möglich. Aber gerade das Engagement der Einrichtungen, in denen die Jugendlichen unterkommen, und das ihrer Vormünder entscheidet maßgeblich darüber, wie es ihnen ergeht. Ohne gesetzlichen Vertreter können Jugendliche unter 16 Jahre zum Beispiel keinen Asylsantrag stellen. Genau an diesem Punkt setzt ein Projekt wie „AKINDA – Netzwerk Einzelvormundschaften Berlin“ an, das ehrenamtliche Vormünder sucht, schult und unterstützt. Unter dem Dach des Vereins Xenion, der politisch Verfolgten psychosoziale Unterstützung anbietet, sucht und findet AKINDA seit Mitte der neunziger Jahre Menschen, die sich als Vormund um junge, unbegleitete Flüchtlinge kümmern. Der Erfolg macht Hoffnung. „Zu unserem letzten Informationsabend, der für viele der Einstieg in die ehrenamtliche Arbeit als Vormund ist, sind 57 Menschen gekommen“, berichtet Barbara Noske. Claudia Schippel, die seit Ende der achtziger Jahre professionell mit unbegleiteten Minderjährigen arbeitet, AKINDA gegründet und im Laufe der Jahre selbst viele Mündel vertreten hat, erklärt: „Wir haben bis heute viel erreicht. Aber gerade jetzt, da die Bereitschaft zu ehrenamtlicher Vormundschaft wächst, stehen wir wieder ohne Geld da.“

*Name von der Redaktion geändert
 

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