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„Mütter ohne Wert“

erschienen in Lotta, Ausgabe 7,

Es ist ein schmales Büchlein, diese insgesamt 16 Protokollgeschichten von „Mütter ohne Wert“, aufgeschrieben von Christina Seidel, eine Autorin beheimatet in Halle an der Saale.  Sie lässt Frauen erzählen. Von ihrem Leben, dem Scheitern, dem immer wieder Aufstehen, den seelischen Verletzungen und Narben, den Veränderungen nach 1989, vom Zurechtfinden im neuen vereinigten Land. Jede Biografie ist anders, erstaunlich, berührend, mit traurigen und liebenswerten Momenten. Die Frauen untereinander kennen sich nicht, sie wurden geboren zwischen 1921 und 1950, haben alle ein oder mehrere Kinder großgezogen, in unterschiedlichen Berufen gearbeitet und doch eint sie etwas: Sie wurden noch zu DDR-Zeiten geschieden. Damals ein privater Akt, von dem sie sich niemals glaubten, er könne sie im Rentenalter nochmals einholen. Macht er aber. Denn die in der DDR und noch vor 1992 geschiedenen Frauen aus dem Osten erhalten nach der deutsch-deutschen Vereinigung keinen Versorgungsausgleich so wie er getrennten westdeutschen Ehefrauen zusteht. Mit der Folge, dass die betroffenen Frauen mit spärlichen Monatsrenten über die Runden kommen müssen.  Brigitte, Jahrgang 1943, ehemalige Büroangestellte, fünf Kinder, geschieden, erzählt von einem Brief an Bundesfamilienministerin von der Leyen. Sie schickte der Politikerin eine Aufstellung, was monatlich nach Abzug von Miete, Strom, Heizung, Telefon, Versicherungen und GEZ für sie zum Leben bleibt. Es sind ganze 161,05 Euro.  Die Antwort kam zwei Monate später. Die Ministerin gab zu, das „Schicksal mache sie sehr betroffen, sie könne aber leider nicht helfen“.

Christina Seidel, die Autorin, erzählt, auch sie wusste zuvor nichts über die beängstigende Lebenssituation der geschiedenen Frauen aus der vergangenen DDR. Eine Frau hatte sie bei einer Lesung angesprochen, danach begann sie zu recherchieren, Frauen zu treffen, die Geschichten aufzuschreiben. In nur acht Monaten war sie fertig. Jetzt ist sie mit den wahren Geschichten zu Lesungen im Land unterwegs. Immer mit der Hoffnung, den Frauen ein Gesicht, eine Stimme und vor allem ein Stückchen Öffentlichkeit zu geben. Im Jahr 1999 gründete sich der Verein in der DDR geschiedene Frauen. Sie klagen vor dem Europäischen Gerichtshof gegen ihre Ungleichbehandlung und brachten ein UN-Untersuchungsverfahren auf den Weg. Viel Zeit bleibt nicht mehr. Von den ehemals 800.000 betroffenen Frauen, lebt heute nur noch die Hälfte. 

Gisela Zimmer