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Moderne Sklaverei

erschienen in Klar, Ausgabe 24,

Weil Leiharbeit strenger reguliert wurde, haben Unternehmen ein neues Lohndumping-Instrument entdeckt: Werkverträge.

 

Moderne Sklaverei

 

BU: Betriebsrat Salerno im Gespräch mit Kollegen: Er hat Werkverträgen den Kampf angesagt.

 

Weil Leiharbeit strenger reguliert wurde, haben Unternehmen ein neues Lohndumping-Instrument entdeckt: Werkverträge.

Axel Müller (Name geändert) hat frühkapitalistische Zustände erfahren. Nicht in indischen Steinbrüchen, sondern in hessischen Lagerhallen. Als Betriebsrat einer Lebensmittelkette wehrte er sich jahrelang gegen Lohndumping, die Spaltung von Belegschaften und die Entrechtung durch Werkverträge (siehe roter Kasten). Werkvertragsbeschäftigte gehören für gewöhnlich zu Fremdfirmen ohne Betriebsrat oder Tarifvertrag, sind vielfach Migranten mit geringen Deutschkenntnissen und auf jeden Cent angewiesen. Aus Angst mucken sie fast nie auf. Müller verlor seinen Kampf gegen Werkverträge. »Inzwischen sind in der Firma zwei Drittel aller Arbeitskräfte über Werkverträge eingesetzt«, sagt Müller.

Seine Erfahrungen sind kein Einzelfall. Denn bei Strategien zur Lohnsenkung sind deutsche Chefs erfinderisch. Seitdem Leiharbeit schlecht für das Image und durch Branchenmindestlöhne sowie Betriebsvereinbarungen stärker reguliert ist, kommen massiv Werkverträge zum Einsatz – als verkappte Leiharbeit und neue brutale Niedriglohnstrategie.

Wer bei einem Handwerker eine Reparatur in Auftrag gibt, geht einen Werkvertrag ein – das ist schon seit vielen Jahrzehnten so und unproblematisch. Bedenklich ist allerdings der zunehmende und massenhafte Missbrauch von Werkverträgen in vielen anderen Wirtschaftsbereichen wie Industrie und Handel. Quer durch alle Branchen lagern Firmen Arbeit aus den Kernbereichen ihrer Produktion mit dem Zaubermittel  Werkvertrag systematisch an Fremdfirmen aus. Oft stützen sie sich dabei auf skrupellose Geschäftemacher und Mittelsmänner, die ihnen willige und billige Arbeitskräfte zuführen. Damit umgehen sie gezielt Tariflöhne, Sozialleistungen, Arbeitnehmer-Schutzrechte und die Mitbestimmung durch Betriebsräte.

So entladen etwa litauische Arbeiter für Hungerlöhne nachts die Container eines Dortmunder Möbelhauses. Dahinter steckt ein Geflecht aus deutschen und litauischen Werkvertragsfirmen. Anders als Festangestellte des Möbelhauses, die die gleiche Arbeit bei Tag verrichten, bekommen sie weder Tariflöhne noch Nachtzuschläge. Weil die Löhne in Litauen ausbezahlt werden, entgehen Finanzamt und Sozialkassen hierzulande hohe Einnahmen.

Werkverträge werden als Sachmittel gebucht und können leicht am Betriebsrat vorbei organisiert werden, sagt Roberto Salerno, Betriebsrat beim Automobilzulieferer ZF in Friedrichshafen. Auch anderen Großkonzernen sichern Werkverträge Rekordgewinne. Im Leipziger BMW-Werk gehört jeder Zweite der rund 5000 Beschäftigten zu einer von 26 Werkvertragsfirmen und Subunternehmen. Sie arbeiten nicht nur an der Pforte, in Putzkolonnen oder in der Kantine, sondern leisten auch Arbeit im Kernbereich des Unternehmens. In den Produktionshallen montieren sie Achsen, Antriebswellen und Getriebe. Damit umgeht BMW den für Leiharbeiter vereinbarten Tariflohn. Auch Daimler in Stuttgart hat eigene Tochterfirmen ohne Tarifbindung, die Niedriglöhner über Werkverträge beim Mutterkonzern beschäftigen. In der Produktion verdienen Leiharbeiter 17,05 Euro Stundenlohn, ihre Werkvertragskollegen für die gleiche Arbeit nur knapp 9 Euro, berichtet Dieter Stang von der IG Metall.

Solche Zustände höhlen Tariflöhne und Schutzrechte für alle aus. So dreht sich die Spirale immer weiter nach unten. Daher hat DIE LINKE als erste Fraktion im Bundestag dem Missbrauch von Werkverträgen den Kampf angesagt. Sie fordert gleichen Lohn und gleiche Bedingungen für gleiche Arbeit, schärfere Kontrollen bei der Ahndung von Scheinwerkverträgen und mehr Mitbestimmung und Kontrolle für die Betriebsräte im Einsatzbetrieb.

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