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"Miteinander und voneinander lernen"

Von Katja Kipping, erschienen in Clara, Ausgabe 35,

"Linke Woche der Zukunft" – unter diesem Motto laden Fraktion und Partei DIE LINKE und die Rosa-Luxemburg-Stiftung im April zu einem Kongress nach Berlin ein. Katja Kipping erläutert, was dort passieren wird.

Welche Zukunft ist mit dem Titel des Kongresses gemeint?    Katja Kipping: Ausgehend von einer schonungslosen Analyse des Bestehenden wollen wir gemeinsam mit den Teilnehmerinnen und Teilnehmern der Frage nachgehen, wie eine andere Gesellschaft aussehen kann – eine Gesellschaft frei von Existenzängsten, in der jeder einzelne Mensch über sein Leben und seine Lebenszeit verfügen kann und in der ganz anders produziert wird. Kritik an dem Bestehenden und visionärer Blick nach vorn – um diese beiden Perspektiven geht es. Sie soll der Kongress zusammenbringen. Gerade linke Politik braucht den utopischen Überschuss.    Was ist mit diesem Überschuss gemeint?   Gegenwärtig hat man den Eindruck, die Zukunft sei verstellt. Im besten Fall läuft alles so weiter, im schlimmsten Fall wird es noch viel schlechter. Für uns als Linke ist es wichtig, dass die Zukunft noch nicht bestimmt ist. Bei diesem Kongress wollen wir dazu motivieren und anregen, wieder zu denken und zu fühlen, dass eine andere Zukunft möglich ist – eine Zukunft jenseits der herrschenden Produktions- und Reproduktionsverhältnisse.   Wie muss man sich das konkret vorstellen?    Zum Beispiel diskutieren wir über alternative Formen von Eigentum wie Commons, solidarische Ökonomie und öffentliches Eigentum. Auf dem Kongress wird es Menschen geben, die sich dieser Frage theoretisch nähern, aber es werden auch viele Gäste kommen, die aus der Praxis berichten und ihre jeweiligen Projekte vorstellen. So finden Diskussionen statt, bei denen über die Vor- und Nachteile unterschiedlicher Modelle, etwa solidarische Ökonomie und Gemeingüter-Praxis, debattiert wird.   Auch die Bundestagsfraktion DIE LINKE beteiligt sich an diesem Kongress. Welche besonderen Inhalte bringt sie ein?   Unter anderem einen Schwerpunkt zur Zukunft der Arbeit. Wie muss gute Arbeit zukünftig organisiert sein, damit die Menschen ihre Arbeit als befriedigend empfinden und nicht länger unter zunehmendem Stress und niedrigen Löhnen leiden müssen? Der zweite Schwerpunkt befasst sich mit dem sozial-ökologischen Umbau. Die Fraktion hat mit dem "Plan B" in den letzten Jahren ein eigenständiges Konzept entwickelt, das Folgendes deutlich macht: Wenn die Energiewende gelingen soll, müssen die Konzerne entmachtet und Energiegewinnung und -verbrauch dezentralisiert werden. Den dritten Schwerpunkt stellen Strategien gegen den stärker werdenden Rechtspopulismus dar.   Mit Verlaub, das hört sich ziemlich verkopft an.   Keine Sorge, der Kongress ist keine akademische Veranstaltung. Um teilzunehmen, braucht man keine Vorkenntnisse. Man muss nur Interesse, Neugier und offene Ohren mitbringen. Es wird auch kurze, leicht verständliche Einführungen in komplexe Themen wie die Finanzkrise oder Prekarisierung geben. Wir laden alle ein, die mitwirken wollen an einer Gesellschaft, die demokratischer, friedlicher, sozialer und, ja, sozialistisch ist. Es wird Podiumsveranstaltungen geben, die einen Überblick zu einem Thema bieten. Aber auch kleine Formate wie Workshops und Foren, in denen alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer zu Wort kommen. Zudem soll der Kongress Gelegenheit zur Vernetzung bieten, zum Beispiel für Initiativen, die gegen die Privatisierung von Krankenhäusern streiten oder sich vor Ort für Flüchtlinge einsetzen.   Welche Hoffnung verbinden Sie persönlich mit diesem Kongress?   Ich hoffe, dass wir ausbrechen können aus dem strengen Korsett von Parteitagen, Fraktionssitzungen und Arbeitsbesprechungen und den Blick weiten. Und ich hoffe auf kontroverse Diskussionen, bei denen immer klar bleibt, was uns verbindet.   Welche Höhepunkte bietet der Kongress?   Zahlreiche kritische Köpfe aus Kultur, Wissenschaft, Gewerkschaften und sozialen Bewegungen haben bereits zugesagt, darunter zahlreiche Gäste aus dem Ausland wie die belgische Wissenschaftlerin Chantal Mouffe, die britische Feministin Hilary Wainwright, der US-amerikanische Nachbarschaftsaktivist Steve Williams und der Bestseller-Autor Michael Hardt. Abends werden diverse Bands und DJs auftreten und zum Tanzen einladen. Es wird Lesungen geben, zum Beispiel von Dietmar Dath und Volker Braun, außerdem Ausstellungen und Installationen. Auch laden wir zu alternativen Stadtrundgängen ein, weil wir über das Thema Recht auf Stadt nicht nur diskutieren wollen. Und wir wollen eine neue Kultur der Muße praktizieren, weshalb es am Samstag eine mehr als zweistündige Pause geben wird. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer sollen, inspiriert durch erste Debatten, die Gelegenheit erhalten, sich mit anderen auszutauschen oder das Erlebte in Ruhe zu reflektieren.   Wird auch die Kampagne "Das muss drin sein!", die DIE LINKE im Mai 2015 startet, ein Thema sein?   Selbstverständlich! Bei den Diskussionsrunden über die Zukunft der Arbeit und die Zukunft des Sozialen wird auch diese Kampagne eine zentrale Rolle spielen. Und das Motto der Kampagne zeigt an: Es geht nicht um Almosen, die man sich erst verdienen muss, sondern um Selbstverständlichkeiten in einem extrem reichen Land, nämlich um ein auskömmliches Einkommen, einen unbefristeten Arbeitsvertrag, eine trockene Wohnung, Versorgung im Fall von Krankheit oder Alter.   Was passiert mit den Ergebnissen?   Wir gönnen uns bei diesem Kongress den Luxus von Austausch, Debatte und gemeinsamem Nachdenken. Es wird keine Abstimmungen mit knappen Mehrheitsentscheidungen geben. Wir wollen miteinander und voneinander lernen. Aber wer einen guten Vorschlag oder eine überzeugende Idee vom Kongress mitnimmt, kann diesen Vorschlag und diese Idee anschließend selbstverständlich in die Partei tragen. Ich nehme auf jeden Fall mein Notizbuch mit, um gute Anregungen zu notieren und später aufzugreifen. Außerdem gibt es schon erste Bundesländer, die nach der bundesweiten Woche eine weitere Runde Zukunftsdebatten auf Landesebene planen.   Katja Kipping ist Vorsitzende der Partei DIE LINKE und sozialpolitische Sprecherin der Fraktion DIE LINKE   Das Interview führte Ruben Lehnert.

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