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Mit links gelesen

erschienen in Clara, Ausgabe 19,

Chalid al-Chamissi: Im Taxi. Lenos Verlag 187 Seiten, 19,90 Euro
Kurzweilig, zuweilen provokant und schelmisch sind die meisten der fiktiven Dialoge zwischen Chalid al-Chamissi und seinen Chauffeuren in den Taxis auf den staubigen Straßen Kairos. Zwischen ihren Klagen über Regierung, Korruption und Misswirtschaft verkünden die Männer hinter dem Lenkrad ihre Weisheiten über den entbehrungsreichen Alltag in Ägypten. Doch als wahre Lebenskünstler finden sie immer wieder einen Ausweg. Diese kurzen Szenen zeichnen ein facettenreiches Bild von der schwierigen Situation, aus der sich das Volk nun befreit. Doch auch die zahlreichen Konflikte im arabischen Raum spielen in den Gesprächen oft eine Rolle, so das gespannte Verhältnis zu Israel und die Lage im von den USA besetzten Irak.


Gustav A. Horn: Des Reichtums fette Beute. Campus Verlag 270 Seiten, 24,90 Euro
Wer ganz genau wissen möchte, weshalb der aktuelle Aufschwung nicht bei der ganzen Bevölkerung ankommt, erfährt es von Gustav A. Horn. Der Konjunkturforscher in der Hans-Böckler-Stiftung erklärt dies mit einer lang andauernden Fehlentwicklung in der Wirtschaftspolitik, begonnen durch die Regierung von SPD und Grünen, fortgesetzt von der Großen Koalition. Gekürzte Sozialleistungen, der flexiblere Arbeitsmarkt und entfesselte Finanzmärkte waren aus seiner Sicht wichtige Voraussetzungen dafür, dass Niedrigverdiener die Quittung der vorherigen Talfahrt bezahlen. Daher befürchtet Horn, dass wir gleich in die nächste Krise schlittern, wenn die Kosten des jüngsten Abenteuers nicht sozial gerecht verteilt werden. Um die Ungleichheit zu verringern, fordert er deutlich höhere Steuern auf Vermögen

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Jutta Ditfurth: Krieg, Atom, Armut. Rotbuch Verlag, 288 Seiten, 14,95 Euro
„Verrat ist eine Kunst, die die Grünen meisterlich beherrschen. Widerstand zu spalten und zu schwächen, können sie wie keine zweite Partei im Land.“ Jutta Ditfurth, in den Jahren von 1984 bis 1989 selbst Grünen-Chefin, geht mit ihnen hart ins Gericht. Denn für sie blieb vom urgrünen Anspruch einer ökologischen, friedlichen und sozial nachhaltigen Politik kaum etwas übrig, spätestens nachdem die „Realos“ unter Joschka Fischer in der Regierung mit der SPD den puren Machterhalt zum Politikzweck erklärten. Der Krieg im Kosovo, die Agenda 2010 und ein fauler Atomausstiegskompromiss mit der Energiewirtschaft wandelten laut Ditfurth die Partei zu einer angepassten Truppe, die nun auch mit der Union Koalitionen anstrebt: „Die Grünen haben die herrschenden Strukturen auch in der Außen- und Verteidigungspolitik nicht verändert, sondern sich in sie eingefügt und sie modernisiert, härter, militärischer, sozial brutaler gemacht.“


Daniel Domscheit-Berg: Inside WikiLeaks. Econ Verlag, 304 Seiten, 18 Euro
Alle kennen Julian Assange. Doch wer hätte gedacht, dass der charismatische WikiLeaks-Chef seine Plattform mit nur einer Handvoll verschworener Freiwilliger aufbaute? Daniel Domscheit-Berg schildert sehr persönlich seine dreijährige Zeit bei der „gefährlichsten Website der Welt“. In diesen Jahren landete WikiLeaks zahlreiche spektakuläre Veröffentlichungen von Unterlagen des Bankhauses Julius Bär über Handbücher der Scientology-Sekte bis zu den Afghanistan-Kriegsberichten. Domscheit-Berg schreibt von der atemlosen Arbeit daran, aber auch über wachsende Spannungen im Team. Denn während Assange vor allem für mehr Kontrolle der Mächtigen sorgen wollte, kapselte er sein Projekt immer weiter ab. So wirft das Buch Fragen danach auf, wie Entscheidungen in Politik und Wirtschaft tatsächlich transparent gemacht werden können, ohne dass Informationen erneut gefiltert und bewertet werden.


Marc Baumann, Franziska Storz u.a. (Hg.): Feldpost. Rowohlt Verlag, 208 Seiten, 17,95 Euro
„Du fragst nach Angst. Zum Glück bislang nicht. Ich bin da mit kühlem Gemüt gesegnet. So richtig Schiss hatte ich bislang nur beim Klettern in den Bergen und auf der Autobahn.“ Das schrieb im Jahr 2009 ein Hauptfeldwebel aus Kunduz nach Hause. Die Redaktion der „Süddeutschen Zeitung“ erhielt zahlreiche solcher Briefe von Soldatinnen und Soldaten, was die Bundeswehrführung gern verhindert hätte. Nun kann man in ihnen von Zweifeln am Sinn des Einsatzes lesen, von mangelhafter Ausrüstung, der Hoffnung auf eine gesunde Heimkehr und vielen privaten Gedanken über die Zukunft Afghanistans. Gegen diese Feldpost verblasst jeder offizielle PR-Bericht von der Front.


Stephanie Cooke: Atom – Die Geschichte des nuklearen Irrtums, KiWi, 592 Seiten, 9,99 Euro
Spannend wie in einem Tatsachenroman beschreibt Stephanie Cooke die wichtigsten Momente der Atomgeschichte. Wir stehen neben dem Schichtleiter, als Block 4 des Kernkraftwerks Tschernobyl in die Luft fliegt, und sehen die ratlosen Gesichter der Techniker im AKW Three Mile Island, während vor ihnen die Schalttafel im Kontrollraum verrücktspielt. Nebenbei erklärt Cooke kinderleicht physikalische Prozesse und zeichnet das Nuklearzeitalter präzise nach, beginnend mit dem Abwurf der ersten Atombombe. Bald wird auch klar, dass es die rein zivile Nutzung der Kernenergie kaum gibt und der Schritt zur militärischen Bedrohung sehr klein ist. Vor allem räumt sie mit der Legende von der sauberen Brückentechnologie auf, denn die Entsorgung des strahlenden Abfalls ist noch immer weltweit ungeklärt.

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