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Mit klarem Kopf und Leidenschaft

erschienen in Clara, Ausgabe 25,

Der US-Amerikaner David Graeber gilt als einer der Vordenker der Occupy-Bewegung, die in den letzten zwei Jahren weltweit für Schlagzeilen sorgte. clara stellt ihn und einige seiner Ideen vor.

»Schulden muss man doch zurückzahlen.« Dieser Satz, aufgeschnappt auf einer Gartenparty, ließ den Anthropologen David Graeber nicht mehr los. Muss man? Zunächst fiel ihm ein, dass er auch nach der ökonomischen Standardtheorie nicht stimmt, weil ein Geldverleiher immer ein Risiko trage. Also grub er tiefer und schrieb das hochgelobte, brillante Buch »Schulden«. Sein Fazit: »Gerade weil wir nicht wissen, was Schulden sind – die Dehnbarkeit des Begriffs ist zugleich die Grundlage seiner Macht. Wenn die Geschichte etwas zeigt, dann dies, dass es keine bessere Methode gibt, auf Gewalt gegründete Beziehungen zu verteidigen und moralisch zu rechtfertigen, als sie in die Sprache von Schuld zu kleiden – vor allem, weil es dann sofort den Anschein hat, als sei das Opfer im Unrecht. Mafiosi wissen das. Auch die Kommandeure von Invasionsarmeen.« Graeber verfolgt akribisch diese Spur und entdeckt die ersten Schuldverhältnisse in der Sklaverei, findet ihr juristisches Fundament im römischen Recht. Schließlich plädiert er für einen umfangreichen Schuldenerlass als Voraussetzung für gesellschaftlichen Fortschritt und Teilhabe auch der jetzt noch Armen.

Weltweit bekannt wurde der im Jahr 1961 geborene Wissenschaftler allerdings als Vordenker der Occupy-Bewegung. Er erfand den Slogan »Wir sind die 99 %« und bereitete die Besetzung des Zuccotti-Parks im September 2011 in New York mit vor. Sein Tagebuch »Inside Occupy« gilt inzwischen als Leitfaden für die Organisation erfolgreicher Protestaktionen. Motivation der Aktiven, Kommunikation mit den Behörden und Krisenmanagement, wenn es eng wird: »Obwohl die Mainstreammedien das Phänomen fast durch die Bank ignorierten, begannen überall in Amerika ähnliche Camps zu entstehen; auch sie hielten Vollversammlungen ab und versuchten sich an Handzeichen und anderen Werkzeugen einer auf Konsens begründeten Demokratie.« Weshalb er seine Occupy-Bibel schrieb, erklärte David Graeber, als er im Mai zu den großen Protesten im Frankfurter Bankenviertel kam: »Ich fand es eine gute Methode, Selbstkritik zu üben, interne Probleme zu diskutieren und darüber zu schreiben, was gut ist an unseren Vorstellungen von Demokratie und direkten Aktionen, die wir entwickelt haben.«

Schließlich erschien von Graeber unter dem Titel »Kampf dem Kamikaze-Kapitalismus« eine Sammlung von Aufsätzen, in der er verschiedene Entwicklungsstufen der Agonie dieses Systems beschreibt. Kamikaze-Kapitalismus nennt er eine »Ordnung, die sich ohne zu zögern selbst zerstören würde, falls das nötig ist, um ihre Gegner auszumerzen. Man kann hier ohne Übertreibung von einem Kampf zwischen den Mächten des Lebens und den Mächten des Todes sprechen.« Die jüngste Entwicklung des Kapitalismus fasst er so zusammen: »Die Frage ist, wie lange es noch dauert, bis das ganze System einen großen Schock erleidet. Dieser Prozess beginnt gerade jetzt in Europa und wird Amerika vielleicht in zwei, drei Jahren erreichen. Es sind einige radikale Veränderungen nötig. Werden die politisch Verantwortlichen diese Krise überstehen, wird es zu wirklich dramatischen Ereignissen kommen? Wir wollen demokratische Alternativen anbieten.« David Graeber lieferte der Occupy-Bewegung mehr als ein theoretisches Fundament. Er steckt auch mitten in der Diskussion darüber, wie die Auseinandersetzung mit den gegenwärtig Herrschenden geführt wird. Graeber fordert zur Debatte heraus und zeigt, dass politisches Engagement vor allem zwei Dinge braucht: einen klaren Kopf und große Leidenschaft.
 

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