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Mit Kind und Kegel auf dem Arbeitsmarkt

erschienen in Querblick, Ausgabe 11,

Sie sind zwischen achtzehn und Anfang dreißig. Nicht selten alleinerziehend. Ihre Gemeinsamkeit: Sie haben Kinder. Manchmal eins, manchmal zwei oder drei, manchmal ist sogar das vierte unterwegs. Was allerdings allen jungen Frauen fehlt, ist eine Ausbildung, ein Berufsabschluss oder die Berufspraxis. Laut einer Studie hat allein in Berlin mehr als die Hälfte der jungen Mütter unter 25 Jahren keine abgeschlossene Berufsausbildung. In Brandenburg sieht es nicht besser aus. Damit ist der Teufelskreis zwischen Hartz IV und Ein-Euro-Job vorgezeichnet.

Das geht so nicht,  sagten die Frauen von der Zeuthener Akademie für Weiterbildung und entwickelten ein Ausbildungsprojekt speziell für junge Mütter. Für ein halbes Jahr verwandelten sie den alten Gutshof in Thyrow bei Ludwigsfelde in einen Schulhof. Die Räume hoch oben unterm Dach wurden kurzerhand Klassenzimmer, und gleich neben der Kulturscheune gab es ein Spielzimmer und einen Kinderspielplatz. Denn zum Mütterqualifizierungsprojekt gehörte: Wer keinen Betreuungsplatz fürs Kind hat, bringt es einfach mit. Eine Tagesmutter übernahm die Knirpse. Volle sechs Stunden lang. In der gleichen Zeit saßen die jungen Mütter ein paar Türen weiter und drückten die Schulbank. Mathe und Deutsch wurde aufgefrischt,  der Umgang mit dem Internet und Computerprogrammen gelernt, Vorträge erarbeitet, die anschließend vor der Gruppe präsentiert werden. Dazu Stil- und Farbberatung, Bewerbungstrainings und Assementcenter. Ein fremdes Wort für den Blick auf sich selbst. Was kann ich eigentlich, wo liegen meine Stärken, wo meine Schwächen? Und wo will ich hin, um in Zukunft für mich und die Kinder selbst sorgen zu können?

Das alles war gut fürs Selbstwertgefühl, erzählen die Frauen. Denn das war weg. Bei allen, es saß irgendwo tief im Keller. Der Grund: Zu ihrem Leben gehörte bislang Scheitern. Auch Misstrauen und immer wieder die Unsicherheit, schaffe ich es diesmal. Dazu kommt, nicht selten leben die jungen Mütter in nicht einfachen sozialen Lebensverhältnissen. So ist die Schule nur das eine, sagt die Projektleiterin Ilona Öchsle. Sollen die Frauen wirklich dauerhaft in ein Leben ohne Hartz IV geführt werden, muss man sich das gesamte Umfeld anschauen. Im Mütterprojekt der Akademie für Weiterbildung tat das Jana Korthals. Als Sozialpädagogin baute sie behutsam Brücken zu Schuldnerberatungsstellen, Jugendämtern, Frauenhäusern. Die dritte wesentliche Säule in der Qualifizierung junger Mütter waren dann immer und immer wieder Praktika. 

Das Arbeitsleben vor Ort anfassen und ausprobieren, damit am Ende der halbjährigen Vorbereitungszeit eine gute und sichere Entscheidung für eine Umschulung, Weiterbildung oder überhaupt Erstausbildung getroffen werden kann. Die insgesamt sechs Monate Modellversuch in Sachen Mütter auf den Arbeitsmarkt haben sich gelohnt. Auch wenn von 52 Teilnehmerinnen 15 abgesprungen sind. Das ist schade, meint Ilona Öchsle, aber immerhin haben über zwei Drittel der Frauen Fuß gefasst. Für eine Krankenschwester aus Kasachstan konnte die Anerkennung ihres Berufsabschlusses erreicht werden. Der Lette Verein bildet eine Betriebswirtschaftlerin aus. Andere arbeiten bereits als Verkäuferin, Floristin, Altenpflegerin oder machen eine Zusatzausbildung als Rechtsanwalt- und Notarfachangestellte. Der Job hinterher ist bereits garantiert. Zwei fanden den Mut für eine Existenzgründung, eine dritte traute sich endlich, den verpassten IHK-Abschluss nachzuholen und im März beginnt für das Gros der bislang arbeitslosen Frauen die zweijährige Ausbildung als Hauswirtschafterin bzw. Altenpflegerin.

Das Qualifizierungsprojekt für junge Mütter startete als  Pilotprojekt im Land Brandenburg. Möglich geworden durch Gelder aus dem Regionalbudget Teltow-Fläming und dem Europäischen Sozialfonds. Mit Jahresbeginn übernahm der benachbarte Landkreis Dahme-Spreewald das Erfolgsmodell. Eigentlich aber könnte und sollte die familienfreundliche Qualifizierung junger Mütter bundesweit Schule machen.  
Gisela Zimmer

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