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Mikrokredite für Kleinstunternehmerinnen

erschienen in Querblick, Ausgabe 15,

Sinnvolle Strategie gegen Armut und Frauenunterdrückung?

Solche Meldungen gingen um die Welt: Die Philippinin Corazón Endela konnte von ihrem Lohn in einer Schuhfabrik nicht leben und hat sich mit der Produktion von Pantoffeln selbständig gemacht. Die Ghanaerin Sinina Adbena betreibt plötzlich einen kleinen Dorfladen, und die Peruanerin Manuela Gomez verdient ihr eigenes Geld als Weberin. Der Grund hierfür: Mikrokredite (siehe Kasten) haben diesen Frauen geholfen, eine neue Existenz aufzubauen.

In der Folge wurden Mikrokredite als wichtiges Mittel gegen Armut gefeiert, von der vor allem Frauen betroffen sind. Kritische Stimmen werden selten gehört. Von einem »Mythos« spricht die Globalisierungskritikerin Christa Wichterich und beruft sich auf Studien, die ein anderes Bild vermitteln. »Ein Drittel der Kreditnehmerinnen schafft den Aufstieg, ein Drittel kann die eine oder andere Not lindern, aber krebst in einem ständigen Auf und Ab um die Armutsgrenze herum, ein Drittel gerät in eine neue Verschuldungsspirale und bleibt arm«, so die Soziologin. Von einer nachhaltigen Bekämpfung der Armut könne also keine Rede sein.

Doch um Zahlen allein geht es nicht. Die gefeierten Mikrokredite sind auch ein Paradebeispiel dafür, wie neoliberales Armutsmanagement am Individuum ansetzt. Gesellschaftliche Missstände werden privatisiert, indem strukturelle Ursachen ausgeblendet werden. Entwicklung wird nicht mehr auf globaler Ebene von Weltmarkt und Verschuldung verhandelt, sondern als Entwicklung menschlicher Fähigkeiten und Möglichkeiten. Getreu dem Motto »Jeder ist seines Glückes Schmied«. Ein Versprechen, das noch nie eine sinnvolle Strategie gegen Armut war.

Auch etwas anderes ist auf der Strecke geblieben: Herausgestellt wird bei der Vergabe von Mikrokrediten meist, dass Frauen ökonomisch gestärkt würden, um sich aus der Abhängigkeit von Männern zu befreien. Diese Sichtweise knüpft an das Konzept des Empowerment (Selbstermächtigung) an. Ursprünglich wurde dieser Begriff vom Südfrauennetzwerk DAWN (Development Alternatives with Women for a New Era) in die Debatte um geschlechtergerechte Entwicklung eingebracht. Das nach wie vor radikalste Frauenförderkonzept zielte jedoch, wie die Politikwissenschaftlerin Iris Schöninger schreibt, »nicht nur auf eine individuelle Unterstützung von benachteiligten Frauen, sondern fordert im Zuge von Nachhaltigkeit auch grundlegende strukturelle Veränderungen ein«.

Auch wenn sich positive Wirkungen auf das Selbstwertgefühl und die gesellschaftliche Stellung vieler Frauen nicht bestreiten lassen. In der neoliberalen Lesart von Empowerment blieb davon nicht mehr als die ökonomische Selbstverwirklichung in Ich-AGs – Entpolitisierung inklusive. »Früher stellten Frauen in den Selbsthilfegruppen die politischen Überlebens- und Geschlechterfragen: Wem gehören das Land, das Wasser, das Saatgut, der Körper der Frauen, ihre Arbeit, die Macht im Dorf? Jetzt dreht sich alles ums Geld«, beschreibt Christa Wichterich die Situation. Die Verwirklichung der feministischen Vision steht somit nach wie vor aus.

Jutta Kühl

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