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»Mehr Solidarität ist nötig«

erschienen in Klar, Ausgabe 41,

Weshalb existiert in einem so reichen Land wie Deutschland so viel Armut?

Christoph Butterwegge: Soziale Ungleichheit und deren extremste Ausprägung, die Armut, sind typisch für kapitalistische Industriegesellschaften. Das liegt daran, dass sich die Produktionsmittel – Fertigungshallen, Maschinen, Büroausstattung – im Privateigentum von Unternehmern konzentrieren. Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer sind hingegen weitgehend mittellos. Armut und die Angst vor ihr sind für den Fortbestand des Kapitalismus nützlich. Sie zwingen die davon Betroffenen, mehr zu leisten, und sollen den Bessersituierten zeigen, was ihnen droht, wenn sie die Regeln der Konkurrenzgesellschaft nicht befolgen. 

Ist es heutzutage überhaupt noch möglich, durch ehrliche Arbeit reich zu werden?

Reich konnte man schon immer nur durch die Ausbeutung der Arbeitskraft vieler anderer Menschen oder durch eine Erbschaft werden. Erheblich an Bedeutung gewonnen hat die Spekulation auf den Finanzmärkten. Wohlhabend kann man bei einer guten Bildung oder Ausbildung und günstigen Begleitumständen auch noch durch eigene Arbeit werden. 

Was ist mit dem Spruch: »Jeder ist seines Glückes Schmied«?

Das ist ein Mythos, den Politiker der etablierten Parteien, neoliberale Publizisten und Wirtschaftslobbyisten gemeinsam pflegen. Er dient dazu, das bestehende Gesellschaftssystem zu legitimieren, obwohl man in aller Regel auch mit Fleiß, Erfindungsreichtum und Geduld weder vom Tellerwäscher zum Millionär noch vom Kleinaktionär zum Multimilliardär aufsteigen kann. 

Wie kann Armut wirksam bekämpft werden?

Nötig ist mehr Sensibilität gegenüber der Armut. Sie muss als Kardinalproblem unserer Zeit erkannt werden. Nötig ist auch mehr Solidarität mit den davon Betroffenen. Das schließt die Wiederherstellung des Sozialstaates genauso ein wie eine andere Steuerpolitik.

Interview: Ruben Lehnert

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