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Man muss immer wieder von vorn anfangen können

erschienen in Clara, Ausgabe 22,

 

 

Corinna Genschel arbeitet bei der »Kontaktstelle soziale Bewegungen« der Fraktion DIE LINKE. Das ist Neuland und ein harter Job.

An diesem Morgen ist Corinna Genschel müde. Die Müdigkeit hinterlässt Schatten unter ihren Augen, die in den nächsten Tagen wohl nicht verschwinden werden. »Aber wenn ich nächste Woche im Bus Richtung Wendland sitze«, sagt Corinna Genschel und lächelt, »ist alles gut.« Heute morgen haben sich im Bundestagsgebäude ein paar von denen, die seit Wochen in einem Koordinierungskreis der Fraktion dafür arbeiten, dass die Proteste gegen den Castor-Transport ins Zwischenlager Gorleben unüberhörbar und nicht zu übersehen sein werden, gegenseitig Schokolade und Blumen geschenkt. Trost und Ermutigung zugleich.

In den vergangenen Tagen war die Stimmung ein wenig explosiv, alles kam zusammen, schien sich aber nicht zu fügen. So ist es oft vor großen Ereignissen. Irgendwann scheint man sich in der ganzen Organisation zu verlieren: Hotels, Zelte, Wasserflaschen, Verpflegung, Decken organisieren,  chichtpläne schreiben, die sofort wieder umgeschmissen werden müssen. Wer kümmert sich um die Busse? Wie viele Sternmärsche gibt es? Lässt sich ein Livestream organisieren und wer sorgt dafür, dass ausreichend Material vor Ort ist? Gibt es eine Liste, was alles wann und wo gebraucht wird?

Das Experiment

Vier Tage später sitzt Corinna Genschel in ihrem Büro, zusammen mit zwei anderen aus dem Koordinierungskreis und sagt: »Wir haben es im Griff. Wir werden nicht besserwisserisch, aber souverän sein.« Selbstermutigung hilft, und bis jetzt haben alle ihr Bestes gegeben. Ins Zeug gelegt haben sie sich, damit DIE LINKE bei der Anti-Atom-Bewegung und den von Bürgerinitiativen und lokalen Bündnissen organisierten Protesten gegen den Castortransport mehr als nur ein bisschen präsent ist.

Die Kontaktstelle soziale Bewegungen war 2005, als sie gegründet wurde, ein Novum, und auch bis heute gibt es eine solche Anlaufstelle für soziale Bewegungen, NGOs und Gewerkschaften, Gruppen  nd Initiativen der außerparlamentarischen Linken nur bei der Fraktion DIE LINKE. Da gehört sie auch hin. Zwei Frauen arbeiten in der Kontaktstelle. Die ersetzt nicht das, was Abgeordnete der Fraktion tun können und tun, um soziale Kämpfe zu unterstützen und zu begleiten. Sie eröffnet aber neue Chancen.  

Corinna Genschel spricht von einem Experiment, denn die Zusammenarbeit zweier so verschiedener  kteure wie Bewegung und Fraktion sei kein Selbstläufer, sondern mühsam erarbeitete Möglichkeit –  ückschläge immer einbegriffen. Es habe ja in der Geschichte dieser Zusammenarbeit viele Konflikte und herbe Enttäuschungen gegeben, sagt Genschel, Instrumentali-sierungsversuche auf der einen,  rundsätzliche Ablehnung und Misstrauen auf der anderen Seite.   

Die 47-Jährige kommt, wenn man es so sagen mag, von der anderen Seite. Sie war eine Bewegungsfrau und ist es geblieben. Sie kennt die Sympathien und Aversionen, die Rituale, die Kämpfe, die Wut, die Verzweiflung, die Erfolge, das Scheitern und Wiederaufstehen. Obwohl jetzt in der Fraktion angestellt, ist sie weiterhin mehr draußen als drinnen. Seit drei Jahren geht sie an fast jedem zweiten Dienstag zum Treffen des Berliner Krisenbündnisses, in dem sich Initiativen, linke Gruppierungen, Menschen, die  llein für sich oder für gerade mal noch fünf oder sechs andere sprechen, zusammengetan haben auf der Suche nach einer gemeinsamen Sprache für gemeinsame Projekte. Zum Beispiel die Occupy-Proteste in diesen Wochen und Monaten. Corinna Genschel war auch am 12. November Stunde um Stunde im  egierungsviertel dabei, um »Banken in die Schranken« zu weisen. 

Die Mosaik-Linke

Corinna Genschel ist Ende der siebziger Jahre Bewegungsfrau geworden. NATO-Doppelbeschluss, revolutionäre Kämpfe in Nicaragua, El Salvador, Militärdiktatur in Argentinien, feministische Politik, Schwulen- und Lesbenbewegung, Ausein-andersetzung mit der NS-Vergangenheit des Staats – alles war ein Lernprozess, der von den Kämpfen auf der Straße und den Diskussionen in verschiedenen  olitischen Gruppen geprägt war. Corinna Genschel machte eine Ausbildung zur Krankenschwester und ging nach der Arbeit oder Schule auf die Straße. Sie demonstrierte, verteilte Flugblätter, diskutierte. Sie studierte Politikwissenschaft, ging nach New York und San Francisco, um zu forschen, kam wieder  urück und war noch immer eine Bewegungsfrau. Wenn sie heute mit anderen in Runden wie dem  risenbündnis oder dem Koordinierungskreis sitzt, merkt man ihrem Auftreten diese jahrelange Schule außerhalb der Strukturen Parlament oder Partei an. Selbst bei den kleinen Dingen und Angelegenheiten will sie wissen, was die anderen meinen. Sie hört sich jeden Einwand an, wischt nichts vom Tisch,  leidet jede Form von Vereinnahmung. Das macht das Reden manchmal mühselig – so viel muss abgewogen und trotzdem Position bezogen werden. Aber es ergibt auch Sinn. Bewegung ist immer fragil, sie nährt sich nicht aus Disziplin, lässt sich in keinem Organigramm darstellen, beharrt auf Autonomie, verfügt manchmal über selbstzerstörerisches Potenzial und zugleich über große Gestaltungsmacht. Bewegung ist spannend.

Seit es die Kontaktstelle soziale Bewegungen in der Fraktion gibt, ist der Austausch zwischen dem vermeintlichen Innen und dem vermutlichen Außen besser geworden. Die innen und die außen treffen auf eine Politik, die Armut und Ausgrenzung befördert, Kriege befürwortet, Banken subventioniert, Alte allein lässt, Bildungschancen abbaut, Geld nach oben umverteilt. Wer daran etwas verändern will, braucht Mitstreiter. Dieser Erkenntnis nähern sich beide Seiten an, oder sie haben sie bereits verinnerlicht.

Dass sich das Verhältnis zwischen innen und außen verbessert hat, zeigte sich bei Ereignissen wie dem G-8-Gipfel oder dem Beginn der Krisenproteste im Jahr 2009. Die Anti-AKW-Proteste 2010 gewannen dadurch eine andere Qualität. Natürlich backt man oft kleine Brötchen. Aber die Kontaktstelle hat DIE LINKE in den verschiedenen Bündnissen und außerparlamentarischen Protesten sichtbar gemacht, vielleicht oder wahrscheinlich auch Berührungsängste abgebaut. Sie hat zugleich etwas getan, was Corinna Genschel in einem Papier »geräuschlose Kooperationen weiterführen« genannt hat. Man trifft sich regelmäßig mit außerparlamentarischen Gruppen oder Gewerkschaften, auch wenn gerade keine konkrete Aktion geplant wird. Das ermöglicht Austausch und Annäherung, schafft Verlässlichkeit und Vertrauen.  

»Beide Seiten müssen lernen und tun dies auch«, sagt Corinna Genschel. »Die Antwort auf die Krise wird nicht eine einheitliche Kraft sein, sondern ein Mosaik aus verschiedenen Bewegungen. Vielleicht bin ich eine Mosaik-Linke«, sagt sie und lacht. Der Begriff gefällt ihr, er hat etwas mit Transformation zu tun, mit der Möglichkeit, aus verschiedenen Teilen ein immer neues Bild entstehen zu lassen. Das klingt nach dem Gegenteil von Stillstand. Nach Bewegung also.

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