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Lotta Queer: Schillernder Vordenker einer queeren Politik

erschienen in Lotta, Ausgabe 7,

Michel Foucault verstarb am 24. Juni 1984 in einem Pariser Krankenhaus. Er war eines der ersten prominenten Opfer der noch kaum bekannten Krankheit AIDS. Der französische Philosoph war ein schillernder Intelektueller und ein politischer Aktivist. Mit Jean Paul Satre lieferte er sich philosophische Auseinandersetzungen, doch bei den Demonstrationen standen sie immer wieder nebeneinander in der ersten Reihe. Sein umfangreiches Werk wird erst in letzten Jahren zunehmend im Lichte seiner Homosexualität betrachtet, obwohl die Gender Studien und die Queer Theorie wohl kaum ohne ihn denkbar wären. In den 1950er Jahren war Foucault Mitglied der Kommunistischen Partei Frankreichs, Schüler des Parteiintellektuellen Louis Althusser, doch verließ er die Partei schnell, angewidert vom Stalinismus und wohl auch wegen der ablehnenden Haltung gegenüber den Schwulen. Foucault war schwul, und  das war damals ein Problem. Er beging zwei Suizidversuche, wollte eine Psychotherapie, doch Althusser riet ihm ab, da die Psychiater Homosexualität als Krankheit auffassten. Die Philosophie Heideggers und Nietzsche beeinflusste ihn. Marx gab ihm Denkanstöße, die Dogmen des Marxismus-Leninismus jedoch waren ihm ein Graus.

Ein unglaubliches Wissen, ein brillanter Stil, stets fragend, sich selbst revidierend, Fehler eingestehend, dies charakterisiert sein Werk. Ihn interessierte stets die Macht, die ihm amorph erschien und die er an vielen Ecken sah. Deshalb kann es auch keinen Ort  geben, der frei von Macht wäre. „Wo es Macht gibt, gibt es Widerstand“, so sein Credo.

Foucaults Werk war frei von Versprechungen und melancholisch, geradezu schwermütig.  Dies korrespondierte mit seinem Interesse an sadomasochistischen Sex. Sexualität hat in seinem Werk eine große Bedeutung. „Über Hermaphrodismus“ handelt von der Macht der Medizin, Geschlechter zu klassifizieren. Kurz vor seinem Tod erschien das dreibändige Werk „Sexualität und Wahrheit.“ Eine Widerlegung der Repressionshypothese zur Sexualität, wie sie in der Studentenbewegung in Anlehnung an Wilhelm Reich gepflegt wurde. Foucault beschreibt, wie der Homosexuelle durch gesellschaftliche Machtverhältnisse erschaffen wurde, zu einer „Spezies“ wurde. Dies war Foucaults neuer Blick. Die Macht konstituiert das Subjekt. Dieser Ansatz ist der Springquell für die Queertheorie. Als die feministische Philosophin Judith Butler von einer Schülerin gefragt wurde, welches Werk man unbedingt von ihr gelesen haben sollte, antwortete sie, lies Foucault. 

Bodo Niendel

 

 

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