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Lebensspuren auf dem Spinnboden

erschienen in Lotta, Ausgabe 13,

Die Geschäftsführerin vom Spinnboden e.V. ist Sabine Balke. Wen soll sie herausfischen aus dem großen Arsenal der Nachlässe, Briefe, Tagebücher und anderer Fundstücke? Die Auswahl fällt ihr sichtlich schwer, aber eine besondere Frau sei die Schauspielerin und Schriftstellerin Anna Elisabet Weirauch (1887-1970). Sie schrieb „Der Skorpion“, ein Triologie. Der erste Band erschien 1919, die beiden anderen folgten 1921 und 1931. „Der Skorpion“ war  in der deutschsprachigen Literatur einer der ersten Romane, in dem lesbische Liebe offen und positiv dargestellt wird. Der Roman beschreibt sowohl  die Diskriminierungen lesbischer Frauen als auch die schwuler Männer. Das war  neu zu jener Zeit.  Rezensionen erschienen in den Zeitschriften Die Freundin und Die liebenden Frauen, zwei Frauen- und Lesbenzeitschriften der 1920er Jahre. Veröffentlicht wurde der Roman auch in den USA. Zwischen 1932 und 1975 erschienen mehrere Übersetzungen.

Das Lesbenarchiv besitzt den „Skorpion“ in der Erstausgabe. Darauf ist Sabine Balke stolz. Eine Rarität. Zum  Nachlass der Schauspielerin Anna Elisabet Weirauch gehört auch ein Fotoalbum. Eine Fundgrube: Ausgeschnitten aus Illustrierten der damaligen Zeit und ins Album eingeklebt sind darin ihre Theaterrollen und die Kritiken der Aufführungen versammelt. Heute kennt fast niemand mehr Anna Elisabet Weirauch. Geboren 1887 in Rumänien, besuchte sie in Deutschland eine Schule für Höhere Töchter, bekam früh Gesangs- und Schauspielunterricht. Max Reinhardt verpflichtete sie 1906 mit gerademal 19 Jahren für das Deutsche Theater. 1918 begann sie zu schreiben, im Laufe ihres Lebens verfasste sie über 60 Romane. Seit Mitte der 1920er Jahren bis zu ihrem Tod 1970 in Berlin  lebte Anna Elisabet Weirauch mit ihrer Freundin Helena Geisenhainer zusammen. „Ohne die Weirauch“, so Sabine Balke, „hätte es die lesbische, deutschsprachige Literatur erst viel später gegeben.“ Die Romantrilogie „Der Skorpion“ gilt als der Lesbenroman der Weimarer Republik, wird häufig in wissenschaftlichen Arbeiten zur Lesben- und Frauenforschung zitiert. Die Lebensgeschichte der Weirauch sei allerdings auch eine gebrochene Biographie. Während der NS-Zeit trat sie der Reichsschrifttumskammer bei, um weiter schreiben und veröffentlichen zu können. „Der Skorpion“ kam trotzdem auf den Index der Nazis und wurde verboten.  

Für die Feministin, Frauenrechtlerin, Widerstandskämpferin und Politikerin Hilde Radusch (1903 -1994) war „Der Skorpion“ eine Offenbarung. Sie erkannte sich darin wieder, lebte selbst offen lesbisch. Mit 18 Jahren zog sie aus einem bürgerlich-konservativen Elternhaus in Weimar nach Berlin, arbeitete als Telefonistin bei der  Post, schrieb Artikel für die Frauenwacht, die Zeitung des Roten Frauen- und Mädchenbundes. Sie tritt in die KPD ein, wird Betriebsrätin bei der Post – und lernt dort ihre erste Geliebte kennen. Die Postverwaltung entlässt sie, mit 26 Jahren wird sie Stadtverordnete der Berliner KPD. Im April 1933 wird Hilde Radusch verhaftet. Zuvor kann sie noch die Beweise für die illegale Postleitung vernichten. Ein Netzwerk, das sie mit aufgebaut hatte. Nach fünf Monaten wird sie entlassen. Es folgen ständige Wohnungswechsel und die Überwachung durch die Gestapo.1939 lernt sie ihre zweite Freundin Else Klopsch kennen. Mit ihr wird sie bis zu deren Tod 1960 zusammenleben. Die Kriegsjahre überlebt Hilde Radusch unter anderem, weil ihre Lebensgefährtin ein Restaurant eröffnet. Vor das zwangsverordnete Schild „Für Juden verboten“ stellten die beiden Frauen kurzerhand die Speiskarte ihres Lokals. Eine todesmutige Aktion  unter den Nazis. Im Sommer 1943 taucht das lesbische Paar in Prieros unter, ein Ort nicht weit von Berlin. Das Kriegsende erleben beide halb verhungert, in den letzten Monaten besaßen sie keine Lebensmittelmarken mehr. Hilde Radusch beteiligt sich sofort am Wiederaufbau. Sie arbeitet im Schöneberger Bezirksamt, tritt 1946 aus der KPD aus. Die damalige Parteileitung schließt sie gleichzeitig aus: wegen ihrer Frauenbeziehung!

In den 1970er Jahren gehört Radusch zu den Gründungsfrauen der L74 - einer Westberliner Gruppe älterer lesbischer Frauen sowie des Frauenforschungs-, Frauenbildungs- und Fraueninformationszentrums. Bis zu ihrem Tod 1994 schreibt sie Gedichte und Prosa. „Hilde Radusch“, so Sabine Balke, „steht für ein unangepasstes Lesbenleben.“ Sie sei eine Wegbereiterin der lesbisch-schwulen Emanzipationsbewegungen im deutschsprachigen Raum gewesen. Sie hätte genauso gelebt und gehandelt wie sie es in einem ihrer Gedichte sagt: „mit dem Mut zum Entschluss“. 

Was ist der Spinnboden?

  •  Lesbenarchiv und Bibliothek e.V., gegründet 1973 in Berlin
  • Gesammelt wird alles von und über Lesben: Fundamentales und Rares zur Freundinnenkultur der Zwanziger Jahre, Dokumente des Berliner Lesbischen Aktionszentrums (LAZ), kontroverse Standpunkte feministischer Theoriebildung, private Sammlungen, Erinnerungsstücke aller Art, wissenschaftliche Abschlussarbeiten.
  • In der internationalen Präsenzbibliothek und Dokumentensammlung finden sich etwa 14.500 Medien. Dabei über 1500 Zeitschriftentitel, Plakate, Bild- und Tonträger zur Lesbengeschichte und – bewegung. Das Archiv hat eine umfangreiche Datenbank. Der Katalog ist seit dem Jahr 2008 online.
  • Der Spinnboden ist ein Ort der Begegnung für lesbische Frauen. Organisiert  werden regelmäßig Diskussionsveranstaltungen, Workshops, Kurse, Ausstellungsführungen und Filmvorführungen.

 Mehr unter www.spinnboden.de

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