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Kunst & Kultur: Musik auf Nähmaschinen

erschienen in Lotta, Ausgabe 11,

Das Künstlerinnen-Netzwerk ƒƒ macht gemeinsam Kunst. Dabei darf gestritten, gelacht und experimentiert werden. ff ist eine Plattform für Vernetzung und Solidarität.

Alles begann im Jahr 2011, als eine kleine Gruppe von etablierten Künstlerinnen gemeinsam über die bestehenden Ungerechtigkeiten und die gendergebundene Ungleichverteilung in der Bildenden Kunst diskutierte. Wir beschlossen, dass wir unserem Unbehagen eine Öffentlichkeit geben und uns dafür solidarisch zusammenschließen wollten. Es ging vor allem um die Frage: Welche politischen und künstlerischen Strategien können von der Gruppe verfolgt werden, um gesellschaftliche Veränderungen und ein Bewusstsein für die bestehenden Missstände zu generieren? Schnell zeichnete es sich ab, dass es nicht in erster Linie um klassische Protestaktionen gehen sollte. Die Dichotomie der Opferrolle verweigernd, wollten wir viel lieber selbstermächtigende Parallelstrukturen und alternative Situationen erschaffen, die die im Kunstmarkt vorherrschenden Strukturen ignorieren oder auch überschreiben sollten. Unser Netzwerk ƒƒ will eigene Werte formulieren, diese in reale Situationen umsetzen und Momente erzeugen, in denen wir die Realität leben, dir wir uns wirklich wünschen: also Temporäre Autonome Zonen, kurz T.A.Z. Die Kollaboration, das gemeinschaftliche Tun, wurde als eine zentrale Grundhaltung und als Gegenmodell zur klassischen Einzelkünstlerinnen und -künstlerposition angenommen. Musizieren auf Nähmaschinen, Symposien mit von uns verkörperten Charakteren aus feministischer Scifi Literatur, kollektive Ausstellungen unter dem Namen einer einzelnen fiktiven Künstlerin, Fuckparades und Göttinnenprozessionen, gemeinschaftliches Schlafen, erotische Träume, Kochen und Essen, Demonstrationen von verstorbenen Malerinnen, kollektive Zukunftsorakel – das sind seit 2012 nur einige der Aktionen von ƒƒ. In unseren Arbeitsprozessen wird diskutiert, gelacht, gestritten, geklaut, geschluckt und ausgespuckt. Das Resultat ist eine Arbeit, in der alle Autorinnen und Autoren sichtbar werden. Gelegentliches Scheitern und das Widerspiegeln von patriarchalen Machtstrukturen innerhalb der Gruppe, aber auch das Erkennen beziehungsweise die Veränderung dessen, gehören ebenso zu unserer Entwicklung wie die Umdeutung unseres Erfolgsverständnisses. Es ist nicht einfach, als Gruppe oder Netzwerk zu funktionieren und den eigenen idealistischen Wertvorstellungen dabei gerecht zu werden. Dem klassischen Kunstverständnis zufolge arbeitet und steuert „der/die geniale KünstlerIn“ den gesamten Arbeitsprozess alleine. Zusammenarbeit braucht Übung und Vertrauen und ist ein bewusster Bruch mit der üblichen Ateliersituation. Nach einer Kommunikationskrise und einem teilweisen Zusammenbruch der Gruppe Ende 2014 wurde uns klar, dass wir vor allem an den inneren Strukturen arbeiten müssen, damit unsere idealistische Arbeitsweise einen guten Nährboden gewinnt, aus dem dann weitere Projekte organisch und kraftvoll herauswachsen können.

In unserer Gesellschaft wird Veränderung meist durch Problemlösung in externen oder materiellen Bereichen gesucht. Die feministische Arbeit aber muss die subtilen inneren und energetischen Prozesse miteinbeziehen. Denn genau an diesem Punkt besteht das größte Defizit in unserer Gesellschaft. Wir haben eine Vision!

 

Künstlerinnenteam ff Magda Tothova, Janne Schäfer, Ulrika Segerberg, Mathilde ter Heijne

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