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Künstler und ihre Altersvorsorge

erschienen in Clara, Ausgabe 41,

Mirja Kühn ist Bühnentänzerin, diplomierte Tanzpädagogin und Choreographin. Studiert hat sie in Rotterdam, an der Dansacademie, vier Jahre lang. Danach ging sie noch einmal für eineinhalb Jahre nach New York, um sich im modernen Tanz weiterzubilden. Gute Ausbildung, gute Voraussetzung für einen Job, dachte sie. Doch der Traumjob als Bühnentänzerin stellte sich nach einer Spielzeit am Stadttheater Hildesheim als Albtraum heraus. Verfügbarkeit rund um die Uhr und sieben Tage die Woche, wochenweise Probenpläne – ein Leben außerhalb des Theater gab es nicht. Dazu eine schlechte Bezahlung. Was blieb, war die Freiberuflichkeit: sich »von Vortanz zu Vortanz« zu präsentieren, eigene Auftritte zu kreieren und Tanzunterricht zu geben. Letzteres macht Mirja Kühn zurzeit an drei Stellen in Hannover. Drei Jobs, verteilt über die Woche, der Unterricht immer nur stundenweise und dreimal unterschiedliche Vorbereitungen. Das lässt sie über den Alltag kommen, auch die Miete bezahlen. Der jährlich ins Haus flatternde Rentenbescheid sagt ihr jedoch, im Alter wird sie monatlich 400 Euro erhalten. Also weit unter der gesetzlich festgeschriebenen Grundsicherung.

Untersuchungen belegen, Künstlerinnen und Künstler sind leidenschaftlich, sehr gut ausgebildet, kreativ, und doch gehören sie – wie die Künstlerinitiative art but fair provokant schreibt – zu den Hungerleidern der Nation. Sie sind Lebenskünstler, 95 Prozent der Freiberufler können nicht von ihrer Kunst leben. Beispiel Jazzmusiker: Im März dieses Jahres wurde dem Kulturausschuss des Bundestags eine aktuelle Studie zu den Lebens- und Arbeitsbedingungen professioneller Jazzmusikerinnen und -musiker übergeben. Das durchschnittliche Jahreseinkommen liegt bei maximal 12.500 Euro. Brutto! Selten gehen die Musiker mit mehr als 50 Euro pro Auftritt nach Hause. Auch nicht in so großen Jazzmetropolen wie Berlin oder Köln. Das sind Gagen, die die Grenze der Sittenwidrigkeit längst überschritten haben. Von solchen Honoraren etwas auf die hohe Kante zu legen, fürs Alter vorzusorgen, ist schlichtweg Illusion.

Es bleibt nichts für die hohe Kante

Die Potsdamer Malerin Julia Brömsel erzählt, sie habe sogar eine Altersvorsorge. Die hatte ihr Meister für sie angelegt, damals in ihrer Ausbildung zur Orthopädie- und Maßschuhmacherin, monatlich auch einen Betrag für sie eingezahlt. Im Moment ruht diese ohnehin kleine Vorsorge, Julia Brömsel kann sie nicht bezahlen. War die Handwerkslehre ein erster Schritt, um mit Material und Formen umzugehen zu lernen, studierte Julia Brömsel danach an der Folkwang-Hochschule in Essen. Sie absolvierte erfolgreich das Schauspielstudium, ging auf Theatertournee, führte Regie und bekam zwei Kinder. Seitdem macht sie, was sie seit Kindesbeinen schon immer tat, sie malt ausschließlich. Großformatig, phantasievoll, Fabelwesen auf und in Landkarten und Stadtpläne hinein – und ihre Werke werden gern und viel ausgestellt. Leben kann sie von ihrer Kunst trotzdem gerade so. Als Künstlerin kennt sie sogar Phasen von Hartz IV. Jetzt hat sie neben ihrer Malerei einen Minijob, der sichert ein kleines und monatliches Grundeinkommen und sie hat ein Motto für sich gefunden: »Die Kunst, davon zu leben, ist die Kunst zu leben«. Man müsse »improvisieren, sich gegenseitig unterstützen«. Das sagt auch Mirja Kühn. Es gebe »eine große Hilfsbereitschaft und Solidarität der Künstler untereinander«. Sind irgendwo Teilzeitstellen, Projekte, Unterrichtsstunden ausgeschrieben, machen sie sich gegenseitig darauf aufmerksam.

Die beiden Künstlerinnen haben übrigens Glück. Beide sind in der Künstlersozialversicherung. Die wurde 1983 gegründet und gewährt selbstständigen Künstlern und Publizisten den sozialen Schutz in der Renten-, Kranken- und Pflegeversicherung. Vielen Kunstschaffenden ist die Mitgliedschaft dort jedoch verwehrt. Festivalmitarbeitern beispielsweise. Kuratorische Arbeit, egal ob bei Ausstellungen oder im Filmbereich, wird nicht als künstlerische Arbeit gewertet. Eine Katastrophe, so Grit Lemke. Seit 2014 arbeitet sie beim Dokumentarfilmfestival Leipzig, befristet festangestellt, zuvor war sie 25 Jahre freie Mitarbeiterin. Sie kennt die Selbstausbeutung von freien Kunst- und Kulturschaffenden. Gemeinsam mit anderen gründete sie die Initiative »Festivalarbeit«. Über ihre gleichnamige Homepage laden sie für Anfang November interessierte »Festivalnomaden« zu einem ersten Treffen in Leipzig ein. Festivalmitarbeiter reisen von Veranstaltung zu Veranstaltung, ein 12- bis 14-Stunden-Arbeitstag ist Normalität. Mit diesem bundesweiten Treffen wollen sie sich verbünden, die Öffentlichkeit sensibilisieren für ihre prekäre Arbeits- und Lebenssituation und sie haben Forderungen: nach Mindestlöhnen, nach Mindesthonoraren, nach sozialen Absicherungen.

Es stellt sich die Frage, was sind den Deutschen ihre Künstlerinnen, Künstler und Kreativen wert? Die Armut im Alter ist für den überwiegenden Teil dieser Frauen und Männer vorprogrammiert. Mirja Kühn, befragt nach ihren Altersaussichten, spricht von »unbedingt gesund bleiben«, »die Rentenmitteilung am liebsten wegschmeißen« und »vielleicht doch irgendwann eine eigene Tanzschule aufmachen«. Und Julia Brömsel? Ihr Rentenbescheid offenbart momentan eine monatliche Zahlung von 200 Euro. Auch sie würde diese Mitteilung am liebsten »in den Mülleimer hauen« und bereitet sich auf ein »späteres Leben im Bauwagen vor«.

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