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Kranke Arbeitswelt

Von Jutta Krellmann, erschienen in Clara, Ausgabe 36,

Immer mehr Beschäftigte in Deutschland leiden unter psychischen Krankheiten. Viele greifen zu vermeintlich leistungssteigernden Medikamenten.

In Deutschland ist es üblich, will man etwas über die Situation am Arbeitsmarkt erfahren, lediglich die offizielle Arbeitslosenstatistik zu konsultieren. Auch die Bundesregierung verweist gern darauf und beglückwünscht sich dafür, dass die Zahl der erwerbstätigen Menschen nie höher, die Zahl der arbeitslosen Menschen selten geringer war. Doch daraus zu schließen, dass es den Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern in Deutschland rundum gut geht, greift zu kurz.


Zum einen verschleiert die offizielle Arbeitslosenstatistik die tatsächliche Erwerbslosigkeit in diesem Land. Arbeitslose Menschen, die krank sind, einen Ein-Euro-Job haben oder an einer Weiterbildung teilnehmen, werden darin nicht gezählt. Viele arbeitslose Menschen, die älter als 58 Jahre sind, erscheinen ebenso wenig in der offiziellen Statistik. Und auch wenn private Arbeitsvermittler tätig werden, zählt die von ihnen betreute erwerbslose Person nicht mehr als arbeitslos, obwohl sie keine Arbeit hat. Wer die tatsächliche Arbeitslosigkeit erfassen will, muss alle diese Personen einbeziehen. Laut einer detaillierten Statistik, die DIE LINKE seit Jahren führt, waren im April 2015 mehr als 3,6 Millionen Menschen arbeitslos – rund 800.000 mehr als in den offiziellen Verlautbarungen.


Zum anderen lassen die aktuelle Studie einer Krankenversicherung sowie parlamentarische Anfragen der Fraktion DIE LINKE Rückschlüsse zu, wie es um den Gemütszustand von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern in Deutschland bestellt ist: Millionen Beschäftigte leiden unter psychischen Krankheiten; immer mehr Menschen greifen im Job zu leistungssteigernden Pillen.


In den vergangenen Jahren haben in Deutschland psychische Erkrankungen in der Arbeitswelt drastisch zugenommen. Ausweislich der Antwort der Bundesregierung auf eine Kleine Anfrage der Fraktion DIE LINKE im vergangenen Jahr zeigt sich das an der Zahl der Arbeitsunfähigkeitstage und an den Zugängen in Erwerbsminderungsrenten aufgrund solcher Krankheiten. Im Jahr 2012 betrug die Zahl der Arbeitsunfähigkeitstage mehr als 61 Millionen. Das sind fast doppelt so viele Fehltage wie im Jahr 2001. Psychische Erkrankungen sind mittlerweile auch der häufigste Grund für Frühberentungen: Im Zeitraum zwischen 1993 und 2012 hat sich die Zahl der Anträge auf Erwerbsminderungsrente fast verdoppelt. Auffällig ist, dass überdurchschnittlich oft Frauen betroffen sind – besonders in Branchen, in denen Schichtarbeit, Wochenenddienste und Rufbereitschaft typisch sind.


Jutta Krellmann, gewerkschaftspolitische Sprecherin der Fraktion DIE LINKE, fordert deshalb eine gesetzliche Anti-Stress-Verordnung (siehe Interview rechts). Endlich müssten die Arbeitsbedingungen wieder zum Schwerpunktthema der Regierung gemacht werden. Auch die Industriegewerkschaft Metall setzt sich seit einiger Zeit für eine solche Verordnung ein. Hans-Jürgen Urban, geschäftsführendes Mitglied der IG Metall, fordert angesichts allgegenwärtigen Arbeits- und Zeitdrucks Maßnahmen „zum Schutz der Beschäftigten vor Stress und weiteren Gefährdungen aus psychischer Belastung“.


Einer der Gründe, weshalb der Druck, den abhängig Beschäftigte verspüren, zunimmt, liegt im Wandel des Arbeitsmarkts. In den vergangenen zwanzig Jahren ist der Anteil der Normalarbeitnehmerinnen und -nehmer von 76 auf 67 Prozent zurückgegangen, atypische Beschäftigungsverhältnisse haben hingegen stark zugenommen, von 13 auf 21 Prozent. Hierfür verantwortlich ist die deutliche Zunahme von Leiharbeit (+ 300 Prozent), von geringfügiger Beschäftigung (+ 277 Prozent) und von Teilzeitarbeit (+ 70 Prozent). Auch die Zahl der befristeten Beschäftigungsverhältnisse ist von 1,8 auf 2,5 Millionen angewachsen.


Doping am Arbeitsplatz


Im Jahr 2014 waren rund 5 Prozent aller Erwerbstätigen Selbstständige ohne Mitarbeiter. Viele von ihnen haben ein Erwerbseinkommen unterhalb des gesetzlichen Mindestlohns. Die meisten dieser Solo-Selbstständigen sind in der Land- und Forstwirtschaft anzutreffen (22 Prozent), im Grundstücks- und Wohnungswesen (17 Prozent) sowie im Kommunikations- und Informationsgewerbe (12 Prozent). Sie müssen sich selbst versichern und erhalten in der Regel bei Urlaub und Krankheit kein Geld.


Auf Stress am Arbeitsplatz reagieren viele Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer mit Doping. Knapp drei Millionen Menschen haben bereits verschreibungspflichtige Medikamente genutzt, um beim Job leistungsfähiger zu sein oder um Stress abzubauen. 6,7 Prozent der berufstätigen Menschen haben schon einmal zu leistungssteigernden Pillen gegriffen, regelmäßig dopen sich 1,9 Prozent – immer noch knapp eine Million Erwerbstätige. Das ist das Ergebnis eines aktuellen Gesundheitsreports der Krankenversicherung DAK. Mit Ritalin, Vigil oder Modafinil werden eigentlich kranke Menschen behandelt, etwa bei Schlafstörungen oder Alzheimer. Doch immer mehr gesunde Menschen nehmen diese Medikamente, um auf der Arbeit ihre Konzentration, ihr Gedächtnis oder ihre kognitiven Fähigkeiten zu verbessern. Bemerkenswert ist, dass die Einnahme vermeintlich leistungsfördernder Medikamente steigt, je unsicherer der Arbeitsplatz und je einfacher die Tätigkeit ist.


Diejenigen, die solche Medikamente nehmen, um beruflich Erfolg zu haben oder zumindest den Arbeitsplatz nicht zu verlieren, gehen ein hohes Risiko ein. Körperliche Nebenwirkungen, die von Kopfschmerzen über Schlafprobleme bis zu Herzrhythmusstörungen reichen können, sind keine Seltenheit. Auch Persönlichkeitsveränderungen und Abhängigkeiten sind möglich. Für die Untersuchung wurden 2,6 Millionen Arzneimitteldaten von erwerbstätigen Krankenversicherten analysiert und mehr als 5.000 berufstätige Frauen und Männer im Alter von 20 bis 50 Jahren befragt.


DIE LINKE hat am 1. Mai die Kampagne „Das muss drin sein.“ gestartet, die mehrere Jahre laufen soll und darauf abzielt, die Lebens- und Arbeitsbedingungen von Millionen Menschen zu verbessern. Eine der wichtigsten Forderungen dieser Kampagne lautet: Arbeit umverteilen statt Dauerstress und Existenzangst! Unter anderem sollen die Beschäftigten mehr Mitbestimmungsrechte bezüglich Arbeitszeit und -gestaltung erhalten. Die maximal zulässige Wochenarbeitszeit soll auf 40 Stunden gesenkt werden. Zudem sollen eine Anti-Stress-Verordnung eingeführt und der betriebliche Arbeits- und Gesundheitsschutz gestärkt werden.

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