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Konsumenten haben Macht

erschienen in Klar, Ausgabe 31,

Klar sprach mit Jan Richter (34), dem H&M-Betriebsratsvorsitzenden (Berlin Friedrichstraße) über Streikbrecher und Macht der Konsumenten.

Warum streiken die Beschäftigten des Einzelhandels?

Jan Richter: Die Arbeitgeber haben Anfang des Jahres einen in seinem Ausmaß bisher unbekannten Angriff gestartet und deutschlandweit alle Tarif- und Entgeltverträge gekündigt.

Welche Folgen hat das?

Alle tariflichen Vereinbarungen im Einzelhandel – von Löhnen über Spät- und Nachtarbeitszuschläge bis hin zu Urlaubsregelungen – stehen auf dem Spiel. Geht es nach dem Willen der Arbeitgeber, soll es massive Verschlechterungen geben: Lohnkürzungen um bis zu 40 Prozent, noch mehr Flexibilität und Wegfall von Zuschlägen, um nur einiges zu nennen.

Wie läuft der Widerstand dagegen?

Als H&M-Beschäftigter sage ich: Der Streik läuft sehr gut. Es ist aber von Filiale zu Filiale sehr unterschiedlich, je nachdem, ob es einen Betriebsrat gibt und wie viele Mitarbeiter gewerkschaftlich organisiert sind. In unserer Filiale sind es fast 90 Prozent, und deswegen können wir unseren Arbeitgeber gut unter Druck setzen.

Wie reagiert H&M?

Man schickt Streikbrecher vor allem aus den Filialen, die keine Betriebsräte haben. In den 29 Berliner Filialen gibt es gerade mal sechs Betriebsräte.

Warum gibt es so wenige Betriebsräte im Einzelhandel?

Die Arbeitsmarktreformen mit Leiharbeit, Minijobs und Befristungen haben die Belegschaften deutschlandweit zerstört. Permanent wird so das Personal ausgetauscht. Und: Wer befristet eingestellt ist, der gründet keinen Betriebsrat. Bei H&M sind fast alle Neueinstellungen nicht nur befristet, sondern es gibt nur noch Mindestarbeitszeit-Verträge von 10 oder 15 Stunden. Wer artig ist, kriegt mehr Stunden, wer aufbegehrt, der halt nicht. Damit hält man Belegschaften in Angst.

Was muss passieren, damit die Arbeitgeber sich nicht durchsetzen?

Es müssen sich mehr Beschäftigte an den Streiks beteiligen, gerade aus den großen Warenhäusern. Und: Es ist nötiger denn je, sich gewerkschaftlich zu organisieren, um etwas zu erreichen. Es ist doch kein Wunder, das in tarifgebundenen Unternehmen die Arbeitsbedingungen besser sind.

Wie können Verbraucherinnen und Verbraucher den Streik unterstützen?

Aus Solidarität an Streiktagen nicht einkaufen gehen. Erst wenn der Rubel nicht mehr rollt, bewegen sich Unternehmen. Zudem sollte jeder sein Konsumverhalten überdenken: Muss man wirklich am Sonntag Unterwäsche einkaufen? Jeder Mensch braucht einen Tag Ruhe in der Woche, und wenn sich solche Verhaltensweisen verändern, haben auch Verkäuferinnen und Verkäufer am Sonntag mal Pause.

Die Konsumenten haben also Macht?

Ja, und damit können sie uns Beschäftigten helfen. In den letzten Jahren ist es den Menschen immer wichtiger geworden, nach fairen Produktionsbedingungen zu schauen und sie so zu verändern. Warum also nicht auch auf faire Verkaufsbedingungen achten.

Interview: Benjamin Wuttke

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