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Klassenschicksal statt Leistungsgesellschaft

erschienen in Clara, Ausgabe 36,

Die Veränderung der Arbeitswelt hat die soziale Spaltung der Gesellschaft nicht aufgehoben, analysiert Horst Kahrs.

„Deutschland ist eine Klassengesellschaft“, heißt es im Grundsatzprogramm der Partei DIE LINKE. Doch machte es politisch keinen Sinn, von einer Klassengesellschaft zu sprechen, wenn die subjektive Selbsteinstufung der Menschen eine andere wäre. Denn die Zugehörigkeit zu einer gesellschaftlichen Klasse oder Schicht bestimmt sich nicht allein über die Stellung im Arbeitsprozess, sondern zunehmend über die Wohngegend, die soziale Zusammensetzung der Nachbarschaft, den Zustand der öffentlichen Infrastruktur.

Tatsächlich zeigen Umfragen, dass es nach wie vor ein verbreitetes Bewusstsein für die Zugehörigkeit zu bestimmten Schichten und Klassen gibt. So stuften sich die Westdeutschen im Jahr 1980 zu 30 Prozent als Angehörige der Arbeiter- und Unterschicht ein, im Jahr 2012 waren es immer noch 25 Prozent. Facharbeiterinnen, an- und ungelernte Arbeiter und Arbeitslose zählen sich selbst mehrheitlich in diese Schicht, in Ostdeutschland sind die Befunde noch deutlicher. Unter einfachen Beamten und Angestellten sowie Vorarbeitern sehen sich immerhin noch zwischen 40 und 50 Prozent als Angehörige der Arbeiterschicht. Zugleich nimmt das Bewusstsein zu, trotz eigener Anstrengungen die Schicht oder Klasse nicht hinter sich lassen zu können. Bis Anfang der 1980er Jahre meinten 60 Prozent der Befragten, jeder sei seines Glückes Schmied. Im Jahr 2013 stimmte dann erstmals eine relative Mehrheit der Aussage zu, dass, wer „unten“ sei, auch „unten“ bleibe – Klassenschicksal statt Leistungsgerechtigkeit. Hinzu kommt das sich ausbreitende Gefühl, dass Entlohnung und Leistung entkoppelt werden, gute Bildung keinen sozialen Aufstieg garantiert und die soziale Durchlässigkeit des Schulsystems stark nachgelassen hat.

Deindustrialisierung in West und Ost

Diese Auffassungen haben sich über drei Jahrzehnte hinweg als kollektives Erfahrungswissen in Teilen der Gesellschaft herausgebildet. Eine Rolle gespielt haben dabei unter anderem die Entwertung von industriellen Qualifikationen im Zuge der schleichenden (West) und schockhaften (Ost) Deindustrialisierung seit Ende der 1970er beziehungsweise Anfang der 1990er Jahre und die Arbeitsmarktexklusion von Arbeiterjugendlichen, insbesondere auch Migrantenkindern, sowie die Entwertung akademischer Qualifikationen für Berufsanfängerinnen und -anfänger seit Ende der 1990er Jahre.

Erschüttert ist die traditionelle Überzeugung, dass eine gute Lehre die beste Alterssicherung sei. Die Statistik der beruflichen Arbeitsteilung belegt, dass in den Jahren 1991 bis 2012 der Anteil der Fachlehrberufe von über 45 auf unter 30 Prozent gesunken ist. Im Jahr 2012 erforderte knapp die Hälfte der Berufe mindestens eine halbakademische Qualifikation.

Während der Anteil der an- und ungelernten Berufe mit rund einem Viertel seit dem Jahr 1991 stabil geblieben ist, haben sich in den 1990er Jahren in Ostdeutschland und ab dem Jahr 2004 in Gesamtdeutschland neue Formen der Selbstständigkeit entwickelt, die vielfach bei Solo-Selbstständigen eine Wiederkehr von Tagelöhnerei und proletarischen Lebenslagen bedeuten.
Die umfassende Umwälzung von Arbeits- und Lebensverhältnissen durch die Digitalisierung wird den Druck für die meisten Berufe erhöhen und Selektionsprozesse verschärfen. Bereits jetzt gilt: Die sozialen Auseinandersetzungen im Schulsystem nehmen wieder zu. Angehörige der Mittel- und Oberschichten investieren in die Bildung ihrer Kinder nicht erst in der Schule und erwarten hierfür eine hohe Statusrendite. Dafür sind sie auch bereit, soziale Aufstiegschancen für Angehörige unterer Schichten und Klassen zu blockieren.

Horst Kahrs ist Referent für Klassen- und Sozialstrukturanalyse der Rosa-Luxemburg-Stiftung.

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