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Keine Rendite mit der Miete

erschienen in Clara, Ausgabe 44,

Es ist 11 Uhr an einem sonnigen Freitag Anfang Juni. Vor der Geschäftszentrale der Deutsche Wohnen AG in Berlin-Wilmersdorf versammeln sich mehrere hundert Mieterinnen und Mieter und Unterstützer aus vielen Bezirken der Hauptstadt zu einer Kundgebung. Sie wollen gegen ihren Vermieter demonstrieren: gegen Mietsteigerung, gegen energetische Sanierung, gegen Baumängel und gegen Verdrängung. Hannes Strobel (35) ist Mitinitiator der Kundgebung und engagiert sich beim Bündnis Otto-Suhr-Siedlung & Umgebung – aus Solidarität, obwohl er nicht unmittelbar betroffen ist.

Das Bündnis wählte diesen Tag des Protests, da zur selben Zeit die Deutsche Wohnen AG in Frankfurt ihre Hauptversammlung abhält. Die Deutsche Wohnen AG ist der größte private Anbieter von Wohnungen in Berlin. Der Immobilienkonzern herrscht über rund 160.000 Wohnungen, über 110.000 davon befinden sich in der Hauptstadt. Die Aktie des Konzerns hat sich in den vergangenen acht Jahren mehr als verzehnfacht. Die Aktionäre kassierten im vergangenen Jahr Dividenden im Gesamtwert von rund 250 Millionen Euro – 37 Prozent mehr als im Vorjahr. Bei der Hauptversammlung beschlossen die Aktionäre auch, ihren Geschäftssitz nach Berlin zu verlegen. Ihre Hauptaktionäre sind Sun Life Financial Inc. (10 Prozent), der Investmenthai BlackRock (7 Prozent) und die norwegische Zentralbank (7 Prozent). Die Investmentbank Morgan Stanley empfiehlt die Aktie zum Kauf, da der Mietspiegel in Berlin weiter drastisch steigen werde.

Bei der Kundgebung berichten Mieterinnen und Mieter von zum Teil verheerenden Zuständen: Heinz-Jürgen Korte kennen viele der Anwesenden aus dem Fernsehen. Die RBB-»Abendschau« berichtete schon häufig von den Missständen in dortigen Wohnungen, auch das SAT-1-»Morgenmagazin« und Stern TV waren bei ihm und den anderen Mieterinnen und Mietern in der Trettachzeile 15. In seiner Wohnung breitet sich der Schimmel an der Wand immer weiter aus, einer anderen Mieterin fehlte im Winter über Wochen ein Heizkörper. Aber Heinz-Jürgen Korte und seine Mitstreiterinnen und Mitstreiter geben nicht auf. »Es wird Zeit, dass wir dem Unternehmen endlich die Stirn bieten«, fordern sie.

 

Leuchtturmprojekt Otto-Suhr-Siedlung

Christina Hahn (57) wohnt seit 26 Jahren in der Otto-Suhr-Siedlung in Berlin-Kreuzberg. Die Siedlung befindet sich im Wald-eck-Kiez, laut Berliner Sozialstrukturatlas der ärmste Kiez Berlins. Diese Siedlung wird von der Deutsche Wohnen AG als »Leuchtturmprojekt« für Investoren bezeichnet. Hier will die AG zeigen, wie sie das Anlagekapital ihrer Aktionäre vervielfachen kann. Was das für die Mieterinnen und Mieter bedeutet, erlebt Frau Hahn am eigenen Leib. An ihrem Gebäude wird zurzeit die Außenwand energetisch saniert. Voraussichtliche Dauer: zwei Jahre. So lange muss sie auf einer Baustelle wohnen. Danach droht ihr die Kündigung, denn ihre Miete wird sich nach der Fertigstellung um 90 Euro erhöhen. 90 Euro, die das Amt nicht übernehmen wird und die sie selbst nicht zahlen kann. Sie sagt: »Ich habe die Otto-Suhr-Siedlung nie geliebt, aber sie ist seit 26 Jahren meine Heimat.«

Was sie alle eint, sind Wut und Angst. Wut, weil der damalige Bausenator Jürgen Kleemann (CDU) Ende der 1990er Jahre die Privatisierung von städtischen Immobilien vorantrieb, ehe er danach Vorstand der Wohnungsbaugesellschaft GEHAG wurde, die im Jahr 2007 mit der Deutsche Wohnen fusionierte. Wut, weil die ehemalige Leiterin der Pressestelle der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, Manuela Damianakis, heute Leiterin der Unternehmenskommunikation und Politik der Deutsche Wohnen ist. Und Angst, weil sie wissen: »Die Gewinne der Aktionäre der Deutsche Wohnen AG bedeuten unsere Verdrängung«, wie es eine Rednerin des Mieterbündnisses Berlin zusammenfasst.

Die Deutsche Wohnen AG steht stellvertretend für viele Aktiengesellschaften und Immobilienfonds in Deutschland. Sie alle kaufen Wohnungen in großem Stil, vertreiben die Mieterinnen und Mieter aus ihren Wohnungen und machen Reibach für ihre Aktionäre. Hannes Strobel freut sich über den regen Zuspruch aus ganz Berlin. »Die Deutsche Wohnen ist ja nur die Spitze des Eisbergs«, sagt er. »Wir wollen Mieterinnen und Mietern Mut machen und zeigen, dass man sich gemeinsam erfolgreich gegen solche Investoren wehren kann.«

Die Hoffnung auf ihren Vermieter haben sie längst verloren. Deshalb fordern sie Unterstützung von der Politik: die Abschaffung des Gesetzes zur energetischen Modernisierung, eine Mietpreisbremse, die den Mietenanstieg tatsächlich stoppt, einen wirksamen Milieuschutz und die Überführung der Wohnungen der Deutsche Wohnen AG in die öffentliche Hand. Ebenso sammeln sie gerade Stimmen für eine Petition unter dem Motto »Rettet die Mieterrechte«, in der sie die Abschaffung der Vorschriften über Mieterhöhung nach Modernisierung fordern. 

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