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Kein Leben wie im Film - » Künstler von Politik verharzt«

erschienen in Clara, Ausgabe 7,

Ein Abenteuer ist die Arbeit bei Film und Fernsehen,

und abenteuerlich der Existenzkampf vieler Film- und Fernsehschaffender.

»Ich arbeite beim Film.« »Ich drehe morgen.« »Nächsten Monat mache ich Kamera beim Tatort.« Schillernd, spannend und erstrebenswert erscheint das Leben all jener, die bei Film und Fernsehen arbeiten. Allein in Berlin und Brandenburg sind es rund 44000.

Die Liste der in dieser Branche ausgeübten Berufe ist lang. Sie reicht von Garderobiere bis Aufnahmeleiter, von Sound-Designerin bis Kabelträger, von Tonfrau bis Hauptdarsteller. Diese Art der Freiberuflichkeit ist nicht mit Selbstständigkeit zu verwechseln, denn nach dem Arbeitsrecht ist klar: Sie alle unterstehen den Weisungen eines Produzenten. Nicht anerkannt wurde und wird, dass die Arbeitswelt dieser Menschen sich in vielem unterscheidet von dem, was als üblich gilt. Kurze Engagements, viele Reisen, anstrengende Proben, aufreibende Drehtage, Zwangspausen, Arbeitstage, die bis zu 18 Stunden dauern, Vorsprechen, Kampf um den nächsten Job, Angst vor dem nächsten Job, Lust auf den nächsten Job. Der rote Teppich wird nur für die wenigsten ausgerollt, nie aber für eine Kamera-
assistentin oder einen Video-Operator.

Lothar Bisky hat früher als Rektor der Hochschule für Film- und Fernsehen in Potsdam-Babelsberg viele mit ausgebildet, die uns heute die bewegten Bilder ins
Haus und auf die Leinwand bringen. Der Medienexperte der Fraktion DIE LINKE weiß viel über ihre Situation: »Deren wirtschaftliche Situation war und ist - bis auf Ausnahmen - nicht rosig. Arbeit und Arbeitslosigkeit wechseln sich regelmäßig ab. Das nahmen die meisten schon immer in Kauf, weil sie in Phasen ohne Engagement Arbeitslosengeld erhielten. Hartz IV aber hat die Situation dieser Menschen unzumutbar verschärft. Ihre Existenz ist bedroht. Und das kann man nicht hinnehmen.«

Hartz IV bedroht Existenzen

Wie es dazu kam, ist schnell erklärt. Hatte man bis 2006 drei Jahre Zeit, um 360 Tage sozialversicherungspflichtige Beschäftigung nachzuweisen, und damit einen Anspruch auf Arbeitslosengeld zu erwerben, sind es nun nur noch zwei Jahre. Das schaffen die wenigsten. Die Folge: Auf kurze Produktionszeiten folgen meist längere Phasen, in denen Film- und Fernsehschaffende von Hartz IV leben müssen. Armut droht, Verzweiflung sowieso, zumal meist nur die Drehtage als Produktionsdauer gerechnet werden. Ein ›Tatort‹ bringt da gerade mal 21 Tage. Davon müsste man in zwei Jahren 17 produzieren, um Arbeitslosengeld zu erhalten.
Matthias von Fintel, Tarifsekretär Medien bei ver.di sagt: »Es wird nicht anerkannt, dass Menschen, die in der Film- und Fernsehbranche arbeiten, in Zeiten der Arbeitslosigkeit nicht faulenzen, sondern an neuen Projekten arbeiten, Texte lernen, proben, neue Jobs meist bundesweit oder gar europaweit suchen. Die passen in keine Schublade der Sozialgesetzgebung.« Kurze Engagements, lange Zwangspausen dazwischen, in denen dann die letzten Reserven aufgebraucht werden, bevor sie wenigstens auf Hartz IV gehen können, so sieht für viele der Berufsalltag aus. Die Dienstleistungsgewerkschaft fand im vergangenen Jahr heraus, dass 80 Prozent der Beschäftigten in dieser Branche unzufrieden mit ihrer sozialen Sicherheit sind und von Zukunftsangst geplagt sind. Mehr als 50 Prozent arbeiten zwölf Stunden und länger am Tag. »Viele, sehr viele, bekommen für ihre eingezahlten Beiträge während des Berufsleben kein ALG 1 oder werden im Alter nicht von ihrer Rente leben können«, bilanziert Matthias von Fintel.

Tarifvertrag - nicht für Schauspieler

Und es werden mehr, denn bei der Deutschen Rentenversicherung weiß man, dass ALG-II-Zeiten sich kaum auf die Rentenhöhe auswirken. Eher im Gegenteil.
Eine kleine Rettung, aber keine Lösung ist ein Tarifvertrag für Filmschaffende, mit dem ein Arbeitszeitkontenmodell eingeführt wurde, das allerdings nicht für Schauspieler gilt. Dadurch sollen Produktionsfirmen und Sender ihren auf Produktionszeit Angestellten auch Mehrarbeitszeit und Zuschläge auf das Zeitkonto anrechnen. Ob so die 360 Tage innerhalb von zwei Jahren von den meisten Film- und Fernsehschaffenden erbracht werden können, scheint eher unwahrscheinlich, zumal viele Produktionsfirmen weiterhin nur die Drehtage als sozialversicherungspflichtige Beschäftigungszeit rechnen.
Der Schauspieler Heinrich Schafmeister sagt von sich: »Ich werde gut bezahlt.« Er dreht fürs Kino, steht auf der Bühne, lebt vom Fernsehen. Gerade spielt er mit Katja Riemann in dem Stück »Anna Karenina«, das in verschiedenen Theatern in Deutschland aufgeführt wird. Heinrich Schafmeister ist eine Ausnahme, und er weiß das.
Sein Vater war einst ein hoher Richter der Sozialgerichtsbarkeit. Dem Sohn Heinrich gelang, was er sich vorgenommen hatte: Etwas ganz anderes zu werden und zu machen. Bis auf eine Ausnahme, denn Heinrich Schafmeister ist im noch jungen Bundesverband der Film- und Fernsehschauspieler zuständig für den Sozialversicherungsdschungel.
»Mein Vater hatte sich eines Tages meiner Steuern angenommen«, erzählt er, »und dabei stellte er fest, dass ich in Zeiten am Theater zwar viel weniger verdient hatte als beim Film, aber viel mehr Sozialabgaben leistete.« Beim Film werden nur die Drehtage, nicht die Proben, gerechnet. »Unsere Arbeitgeber sind erfinderisch, wenn es darum geht, sich vor den Sozialversicherungsbeiträgen zu drücken. Und die Sozialgesetzgebung ist für solche wie mich viel zu starr ausgerichtet. Oder wir Schauspieler sind zu flexibel.«
Heinrich Schafmeister kann ohne Punkt und Komma reden. Den sollten sie mal im Bundestag anhören. Wahrscheinlich würde er sagen: »Ihr Politiker habt die Regeln verhartzt. Unser Berufsstand darf zwar in den Topf einzahlen, hat aber kaum noch eine Chance, bei Arbeitslosigkeit etwas daraus zu bekommen. Das widerspricht unserer Verfassung. Unsere Rentenlöcher werden dadurch immer größer. Und wenn wir alt sind, nicht mehr spielen können, habt Ihr uns dann am Hals. Hungerkünstler werden viele von uns sein.«

Sozialgesetzgebung viel zu starr

Vor gut einem Jahr kamen auf Einladung des BundesFilmVerbandes in ver.di Gewerkschafter und Vertreter verschiedener Berufsverbände der Filmbranche zusammen, um über den existenziellen Druck zu reden. Über das Unterlaufen tariflicher Mindestbedingungen, schlechte soziale Absicherung, Kampf um Honorare und Gagen, um ALG I und gegen jene Produzenten, die noch immer meinen, sich mit windigen Verträgen vor der Zahlung von angemessenen Sozialbeiträgen drücken zu können. Das sind nicht alle, aber zu viele.
Bislang haben im Deutschen Bundestag nur DIE LINKE und Bündnis 90/Die Grünen Anträge eingebracht, die der schlimmsten von vielen Ungerechtigkeiten zuleibe rücken. Vorgeschlagen wird, die Anwartschaftszeit für ALG I von zwölf auf fünf Monate, die innerhalb von zwei Jahren zu erbringen sind, zu senken. Das ist eine Forderung, die ver.di in einen Gesetzesvorschlag gegossen hatte und die nun der Entscheidung harrt. »Es wird Zeit«, sagt Lothar Bisky, »dass die Sozialgesetzgebung an die Situation von Kultur-, Medien- und Filmschaffenden angepasst wird.«

»Hungerkünstler« -im Alter

Heinrich Schafmeister spitzt zu: »Das Sozialversicherungssystem geht heute noch immer davon aus, dass jemand mit 16 in einem Unternehmen anfängt und es mit 67 wieder verlässt. Solche wie ich passen da nicht rein. Ich kenne Schauspieler, die haben ihr Leben lang geschuftet. Und bei ihren Rentenansprüchen reiht sich Lücke an Lücke. Politiker lieben zwar den
Glamour, der unsere Branche ausmacht und prägt. Aber sie lassen sich nur schwer überreden, einmal hinter die Kulissen zu schauen.«
So ist die Realität: Der Wirtschaftsfaktor Film und Fernsehen wurde von der Politik erkannt und wird vielfältig durch Gebühren und Filmförderung subventioniert. Vergessen wird dabei noch oft, dass die geförderte Beschäftigung nicht zu Hartz-IV-Fällen oder Armutsrentnern führen darf.
Zumindest unter den Kulturpolitikerinnen und -politikern besteht allerdings inzwischen die Einsicht, dass gehandelt werden sollte. Nun müssen nur noch die anderen überzeugt werden: Davon, dass Kreativität sich nicht aus Armut und Unsicherheit speist.

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