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Käfighaltung im Callcenter

Von Sabine Zimmermann, erschienen in Clara, Ausgabe 18,

Die Callcenter-Branche boomt, die Gewinne steigen, aber nicht die Löhne derer, die diese Gewinne erwirtschaften.

„Ohne Worte. Mit Dank an die Linkspartei.“ Im Internetblog „chefduzen.de – das Forum der Ausgebeuteten“ hat die Bloggerin Nikita ein Informationsblatt der Bundestagsabgeordneten Sabine Zimmermann als PDF-Datei hinterlegt, das über Ergebnisse einer Bundestagsanfrage der Fraktion DIE LINKE informiert. Die Anfrage trug den Titel „Fehlende Mindeststandards in der Callcenter-Branche“. Sie ist im Oktober 2010 von der Bundesregierung beantwortet worden.

 

Arbeit unter Druck und Aufsicht

Sabine Zimmermann begründet, warum sie sich sowohl im Jahr 2009 als auch in diesem mit einer Kleinen Anfrage zum Thema Callcenter an die Bundesregierung gewandt hat. Vor zwei Jahren hatten Betriebsräte aus der Callcenter-Branche sie im Bundestag besucht. „Ich konnte kaum glauben, was die Kolleginnen und Kollegen über ihre Arbeit berichteten: Überwachung, enormer Arbeitsdruck und Hungerlöhne von fünf bis sieben Euro. Glaubt man den Verbandsvertretern der Callcenter, muss das so sein“, sagt Sabine Zimmermann. Angeblich verdienen die Unternehmen schlecht. „Das machte mich misstrauisch. Ich begann zu recherchieren, die Bundesregierung zu befragen. Und ich entdeckte, dass hinter den meisten Callcentern große Firmen stehen: etwa die Deutsche Bahn, der Bertelsmann-Konzern oder internationale Finanzinvestoren.“

Es stimmt: Viele Callcenter sind Arbeitsorte, an denen die Menschen unter extrem schlechten Bedingungen Höchstleistungen erbringen sollen. Anika Schmidt, Betriebsrätin bei der S Direkt-Marketing GmbH & Co. KG, Niederlassung Laatzen, beschreibt es so: „Wir gehören seit dem 1. Oktober 2004 zur S Direkt Halle. Wir waren mal 130 Leute, heute sind wir noch 50. Unsere Standards waren gut, bevor wir von der S Direkt Halle übernommen wurden. Wir haben wie ein gallisches Dorf darum gekämpft, diese Standards zu behalten. Das ging, weil bei uns 60 Prozent der Leute gewerkschaftlich organisiert sind. Trotzdem gab es Lohneinbußen bei steigendem Arbeitsdruck. In Halle gibt es zwar auch einen Betriebsrat. Doch dort bekommen geringfügig Beschäftigte trotzdem nur 5,15 Euro die Stunde. Und die Arbeitsbedingungen – da kann man schon von Käfighaltung sprechen.“ Käfighaltung heißt in diesem Fall, der kein Einzelfall ist: Ein Mitarbeiter hat in Halle zwischen 3,1 bis 3,6 Quadratmeter zur Verfügung. Laut Ökoverordnung stehen einer Biolegehenne vier Quadratmeter zu.

 

Zu wenig Lohn zum Leben

Im „Schwarzbuch Billiglohn“ des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) Berlin-Brandenburg steht, dass Callcenter-Mitarbeiter im Schnitt zwischen 5,11 und 6,14 Euro Stundenlohn bekommen. Dies bei oft kurzfristig angesetzten oder geänderten Dienstplänen, schlecht klimatisierten Räumen, fehlenden Pausenzeiten, um sich von der Bildschirmarbeit zu erholen. Sogenannte Mystery Calls, also anonyme Kontrollanrufe, und unangekündigtes Mithören dienen der permanenten Überwachung. Hohe sogenannte Servicelevels – üblich ist die Forderung, dass 80 Prozent aller eingehenden Anrufe innerhalb von zwanzig Sekunden angenommen werden müssen – vergrößern den Druck. „Die Arbeitsbedingungen in Callcentern sind schlecht, die Arbeitszeiten teilweise menschenunwürdig. Zehn Prozent aller Krankheitsfälle sind auf solche Dinge zurückzuführen“, wurde im vergangenen Jahr ein Arbeitnehmervertreter von SNT Potsdam im Tagesspiegel zitiert.

 

Gewinner und Verlierer

Die Bundesregierung spricht trotzdem euphorisch von einer „jungen und dynamischen Branche, die in den letzten Jahren in Deutschland viele neue Arbeitsplätze geschaffen hat“. Das ist richtig. Und richtig ist auch, dass keine andere Branche dermaßen viele prekäre Beschäftigungsverhältnisse geschaffen hat wie diese. „Das Normalarbeitsverhältnis ist Mangelware“, sagt Sabine Zimmermann, „gut die Hälfte arbeitet Vollzeit, der Rest Teilzeit oder in einem Minijob. Drei Viertel aller Beschäftigten arbeiten in den beiden unteren Lohngruppen.“ In Schwerin beispielsweise liegt der Grundstundenlohn im Outbound-Geschäft, also bei denjenigen, die telefonisch Kunden gewinnen und Waren verkaufen müssen, bei 4,10 Euro.

Carsten Buschmann, Betriebsrat bei Walter Services GmbH Ettlingen, Standort Emden, berichtet: „Wir waren mal Quelle und sind mit Cottbus von Walter Services übernommen worden, dem einzigen Unternehmen der Branche mit einem Tarifvertrag. Der gilt aber nicht für uns, weil wir zwar zugekauft wurden, aber ausgegliedert sind. Das ist üblich in der Branche: Lohndrückerei durch Zukauf und Ausgliederung. Hier in Emden arbeiten die Leute für 6,11 Euro die Stunde. An den anderen Standorten kriegen sie 7,60 Euro. Und selbst das ist nicht genug zum Leben.“

 

Schwarze, graue, weiße Schafe

Natürlich besteht nicht die ganze Branche aus Lohndrückern und frühkapitalistischen Ausbeutungsverhältnissen. Es existieren schwarze, graue und auch ein paar weiße Schafe. Seit einigen Jahren gibt es zwei Ausbildungsberufe für Dialogmarketing, und das Niveau dieser Ausbildung kann sich sehen lassen. Außerdem bieten viele Unternehmen Quereinsteigern und auch älteren Menschen Aufstiegs- und Beschäftigungsmöglichkeiten. Im Gros aber ist die Situation der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer nicht gut. Es herrscht ein Klima der Angst, wenn es darum geht, sich gegen schlechte Arbeitsbedingungen und Bezahlung zu wehren. Als die Dienstleistungsgewerkschaft ver.di in Görlitz einen Callcenter-Stammtisch veranstaltete, um über solche Themen zu reden, trauten sich von insgesamt 1500 Callcenter-Mitarbeitern in der Stadt gerade mal 20 zu dem Treffen. ver.di wertete dies trotzdem als Erfolg, denn in Görlitz wie auch an vielen anderen Orten sind befristete Arbeitsverträge die Regel. Da fällt es schwer, den Mund aufzumachen und sich zu wehren.

Aber es regt sich trotz dieser Bedingungen Widerstand. In einigen Callcentern – vor allem in den alten Bundesländern – gibt es inzwischen Betriebsräte. Die Forderung nach tariflichen Regelungen in der Branche wird lauter. Ebenso die Forderung, die Vergabe von Fördergeldern von guten Arbeitsbedingungen und fairen Löhnen abhängig zu machen. So schlägt DIE LINKE vor, die Subventionierung von Billigjobs durch Steuergelder zu beenden. „Wir kämpfen für einen allgemeinen gesetzlichen Mindestlohn, von dem man leben kann. Und dafür, dass die Vergabe von Fördergeldern an soziale Kriterien geknüpft wird. Dazu gehören anständige Arbeitsbedingungen und faire Löhne, aber auch, dass die Arbeit von Gewerkschaft und Betriebsräten nicht behindert wird“, erklärt Sabine Zimmermann.

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