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Judenhass ist nicht Geschichte

erschienen in Clara, Ausgabe 8,

»Wer Yad Vashem besucht, kommt anders raus als rein.« Das sagte Petra Pau nach ihrem Besuch in Israel, Ende Februar dieses Jahres. Als Vize-Präsidentin des Bundestages war sie eingeladen worden, auf einer in-ternationalen Konferenz in Jerusalem über Antisemitismus zu sprechen. Das war ein diplomatischer Auftritt, aber zugleich wussten alle im Saal: Da spricht eine Repräsentantin der Partei DIE LINKE aus Deutschland - ein Novum.
Yad Vashem ist die zentrale Erinnerungsstätte an den Holocaust in Israel. Kein Staatsbesuch kommt an ihr vorbei. Alle erweisen dort den Millionen jüdischen Opfern des Hitler-Regimes ihre Reverenz. Auch Petra Pau tat es. Wie kurz vordem Georg W. Bush, Präsident der USA. Der Unterschied: Bush »flog« durch, Petra Pau traf sich danach mit Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Gedenkstätte. Moderne Formen der Erinnerungskultur waren eines der Gesprächsthemen.
In Yad Vashem werden weltweit verstreute Dokumente gesammelt, um das Unfassbare fassbar zu machen. Zum Beispiel Tagebücher von Schülern, die berichten, wie damals ein Freund nach dem anderen plötzlich verschwand. Oder Briefe aus Konzentrationslagern, die bezeugen, wie jüdische Eltern gezwungen wurden, ihre Kinder in faschistische Todeslager zu locken, weil es da »so schön ist«. Petra Pau: »Im Kopf war mir das alles klar, aber das ging an die Nieren und ans Herz.«

Unfassbar: Hakenkreuze auf Spielzeug

Ein ähnliches Erlebnis hatte sie Anfang 2007. In Berlin wurde eine Jüdische Schule mit Hakenkreuzen geschändet. Selbst auf Kinderspielzeug fanden sich SS-Runen. Ein Rabbiner fragte danach: »Wie soll ich das den Kindern erklären?« Dieselbe Frage treibt Petra Pau immer wieder um. Sie besuchte damals spontan die Schule. Und sie empfing kürzlich Kinder und Jugendliche der Schule demonstrativ als Vizepräsidentin im Bundestag. Diese Visite wurde von einigen Journalisten begleitet und bei »Babel-TV« als politisches Ereignis dokumentiert. Wer Petra Pau ein wenig besser kennt, nahm allerdings noch etwas anderes wahr. Umringt von Kindern, fühlte sie sich nämlich wieder in ihrem Element als studierte und erfahrene Lehrerin. Sie hing sprichwörtlich an den Lippen der Kinder und diese an ihren. Solche und ähnliche Begegnungen sind für Petra Pau keine PR-Übung, denn es gibt ein politisches, ein gesellschaftliches Problem.

»Antisemitismus«, definiert Petra Pau für sich, »ist keine politische Kritik, Antisemitismus ist eine men-schenverachtende Ideologie.« Jahrhundertelang und weltweit wurden Jüdinnen und Juden verfolgt, nur weil sie Jüdinnen und Juden waren. Kein zweites Volk, keine zweite Kultur, keine zweite Religion wurde je so unbarmherzig der Vernichtung preisgegeben wie das jüdische Volk, seine Kultur und seine Religion. Wer von Antisemitismus spricht, meint häufig alte und neue Nazis. »Das greift viel zu kurz«, mahnt Petra Pau. Noch immer bejahen ein Drittel aller Deutschen antisemitische Vorurteile. Im Westen der Bundesrepublik sogar mehr als im Osten, besagen aktuelle Studien. Antisemitismus gibt es von rechts, von links und
militant-islamistisch aufgeladen. Man findet ihn an Stammtischen, in Chefetagen, im Alltag. Auch im Vatikan feiert er unselige Urständ.
Papst Benedikt XVI. hat 2007 ein längst abgeschafftes Karfreitags-Ritual wieder aufleben lassen. Demnach sollen Katholiken wieder für Juden beten, damit diese endlich von ihrer geistigen Verblendung erlöst werden. Die biblische Verketzerung der Juden ist so alt wie haltlos und verlogen. Ausgerechnet ein deutscher Papst hat ihr nunmehr Einlass ins 21. Jahrhundert verschafft. Es ist ein Kreuz mit manchen Bayern.

Am 12. April 2008 war ein Demonstrationszug vom Brandenburger Tor in Richtung Potsdamer Platz unter-wegs. Dort reckt sich die Zentrale der Deutschen Bahn gen Himmel. Hoch droben thront Bahnchef Mehdorn, den es samt Bahn an die Börse drängt. Da ist Glanz gefragt, Geschichte stört nur. Aber es war nun mal die Deutsche Reichsbahn, die Millionen Jüdinnen und Juden in die Gaskammern des Hitler-Regimes transportierte - ein todsicheres Milliarden-Geschäft. Ein »Zug der Erinnerung« soll dieses Verbrechen dem Vergessen entreißen. Auch im Berliner Hauptbahnhof. Von hier aus wurden Tausende, auch Kinder und Jugendliche, ins Verderben deportiert, nur, weil sie Juden waren. Doch die Bahn AG untersagte das Erinnern an diesem historischen Ort. »Noch ist Mehdorn nicht mehr als ein überbezahlter Staatsdiener«, sagte Petra Pau auf der Kundgebung. »Wieso aber schweigt die Kanzlerin zu alledem?«

Anfang Februar dieses Jahres bat ein Journalist der »Jerusalem Post« Petra Pau um ein Gespräch. Es war ein schwieriges. Seine These war sinngemäß: Ihr Deutschen gedenkt zwar der toten Juden, aber ihr lasst die lebenden im Stich. Dahinter steckt die Forderung: Deutschland, die EU, die Welt möge endlich einen Krieg gegen den Iran beginnen. Dessen Präsident, Mahmud Ahmadinedschad, hatte mehrfach dazu aufgerufen, Israel auszulöschen. Petra Paus Haltung ist unmissverständlich: »Wer Israel vernichten will, propagiert Völkermord.« Der aktuelle Streit speist sich aus dem vermeintlichen oder realen Atom-Programm des Iran. »Das lehne ich klipp und klar ab, weil ich alle Atom-Waffen klipp und klar ablehne«, sagt sie dem Journal-isten. Krieg löse ohnehin keine Probleme. Deshalb gäbe es auch keinen Frieden, solange die USA anmaßend entscheiden,wer Atom-Macht sein darf und wer nicht.

Es ist durchaus ein vermintes Feld, auf dem Petra Pau agiert. Denn sie bekommt auch Hiebe von vermeintlich linker Seite. »Ich habe gelesen, dass Sie sich als Botschafterin Deutschlands für 60 Jahre Israel miss-brauchen lassen. Sind Sie endgültig von allen guten Geistern verlassen?«, stand in einer E-mail. In Berlin gibt es zwei aktuelle Ausstellungen. Sie befassen sich mit Antisemitismus in der DDR.

Wortschatz der Nazis noch heute im Gebrauch

»Hat es nie gegeben«, heißt es in Bürgerbriefen.
»Leider doch«, findet Petra Pau heute. Früher mehr, später weniger, aber es gab ihn, auch von Staats wegen. Deshalb blieb Antisemitismus bei vielen Älteren verhaftet und deshalb ist er auch latent präsent - in Ost, in West, bundesweit. »Hören Sie zu, wenn in öffentlich-rechtlichen Nachrichten von Mauscheln die Rede ist. Das war ein Kampfbegriff gegen das Judentum in der Nazi-Zeit.« Diese Sprache hat sich eingenistet, mahnt sie, und sie nennt noch weitere antisemitische
»Floskeln«. In ihrem Wahlkreis wurde 2006 ein Platz nach Viktor Klemperer benannt. Sein bekanntestes Werk dürfte »LTI« (Lingua Tertii Imperii, Sprache des Dritten Reichs) sein. Petra Pau sprach zur Namens-gebung: »Wer genauer hinhört, etwa bei ›durch den Rost fallen‹, wird ohnehin in der Alltagssprache, aber auch im scheinbar gehobenen Politik-Deutsch sehr viel - viel zu viel - finden, was dem Nazi-Jargon entlehnt ist und im Deutschsein überlebt hat.«

Alle jüdischen Einrichtungen in der Bundesrepublik Deutschland, ob Synagogen, Gaststätten oder Kinder-gärten, sie alle werden besonders geschützt, durch Poller, Polizisten, Personenschützer. Das ist anormal-normal, immer noch. Vor kurzem bekam Petra Pau eine Antwort der Bundesregierung. Demnach wird im statistischen Schnitt Woche für Woche in Deutschland ein jüdischer Friedhof geschändet. Petra Pau: »Das Unsägliche erregte die Medien -
einen Tag lang.«

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