Zum Hauptinhalt springen

Jeder Cent zählt

erschienen in Klar, Ausgabe 15,

Flaschensammeln oder gespendete Nahrungsmittel essen - das musste bis vor wenigen Jahren nur eine Minderheit. Inzwischen sind immer mehr Rentnerinnen, Hartz-IV-Empfänger, Alleinerziehende darauf angewiesen.

Micha ist erst 36 Jahre alt, doch kaum einer kennt die Berliner Reviere für Flaschensamm-ler so gut wie er. Seit seinem 16. Lebensjahr sammelt er Pfandflaschen. Aber so eine Konkurrenz wie derzeit hat er noch nie erlebt. Vor wenigen Jahren, sagt Micha, habe es sich noch gelohnt, auf U-Bahnhöfen und Straßen zu suchen. Doch diese Zeiten seien vorbei. „Zu viele alte Menschen, die dort die Mülleimer durchsuchen“, stöhnt er.

Micha hat sich deshalb auf Fußballspiele und Konzerte spezialisiert. Doch selbst da wird es schwieriger. Bei Heimspielen des 1. FC Union Berlin etwa tummeln sich jedes Mal 40 bis 60 Sammler rund um das Stadion - selbst dann, wenn Union abends spielt und weg-geworfene Flaschen in der Dunkelheit nur schwer zu finden sind.

Elfriede Brüning von der Zentralen Beratungsstelle für Menschen in Wohnungsnot kennt die Gründe für diese Entwicklung. Früher hätten in Großstädten wie Berlin fast nur Obdachlose gesammelt. Heute seien es vor allem Rentnerinnen und Rentner sowie Hartz-IV-Empfänger.

Während das Flaschensammeln für alle sichtbar macht, wie stark die Armut im Land zugenommen hat, musste der Bundesverband der Tafeln kürzlich eigens darauf hinweisen, dass er eine Rekordzahl von mehr als einer Million Menschen versorgt. „Seit der Einführung von Hartz IV hat sich die Zahl der Tafeln bundesweit auf 850 verdoppelt“, sagt der Vorsitzende des Verbands, Gerd Häuser. Vor allem Rentner, Arbeitslose und Alleinerzie-hende seien auf das Essen angewiesen.

Steigende Armut macht sich auch in Kleinstädten wie dem Brandenburgischen Strausberg bemerkbar. Längst geht es in der Lebensmittelausgabe der Tafel zu wie an einem Fließband. Am Ende der Theke warten dann die Kunden - an manchen Tagen bis zu 150. Unter ihnen viele, bei denen der Arbeitslohn nicht fürs Leben reicht.

Rentnerin Erika kommt seit anderthalb Jahren hierher. Sie habe ihr Leben lang geschuftet, sagt sie, die Rente reiche dennoch nicht. Die 61-Jährige verkauft Blumen und Obst aus ihrem Garten, um ein paar Euro zu verdienen. Im Herbst sammelt und verkauft sie außer-dem Kastanien für die Züchter von Wildtieren. „Wenn ich zehn Euro dazu verdiene, dann freue ich mich wie eine Königin“, sagt Erika. Allein das Flaschensammeln mache bei ihr keinen Sinn. Erika wohnt auf dem Dorf.

In Berlin dagegen ist Jörg (47) einer der vielen Neuen unter den Flaschensammlern. Jörg ist Frührentner, sein Geld reicht nicht für Miete und Lebensmittel. Drei bis vier Euro pro Abend sind deshalb durch das Sammeln fest eingeplant. Was angesichts der neuen Politik einiger Behörden und Institutionen noch schwieriger werden dürfte: Die Verantwortlichen der Berliner Verkehrsbetriebe sahen sich jüngst veranlasst, das Durchwühlen von Mülleimern auf Bahnsteigen offiziell zu verbieten.

Auch interessant