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In Zukunft suchen

erschienen in Clara, Ausgabe 11,

Gunter Schreyer ist ein einfacher Mensch. Jahrgang 49, in der DDR aufgewachsen und gelebt, Facharbeiter für Qualitätskontrolle geworden, nach der Wende in Chemnitz als Getränkehändler gearbeitet, seit zwölf Jahren arbeitslos. Geht man mit ihm durch Chemnitz, wo er lebt, sagt er: »Ich kenne mich hier nicht mehr so gut aus mit den Geschäften und so. Komme kaum in die Stadt und was soll ich mit Läden und Kneipen, in die ich nicht reingehen kann?«

Aber von Armut soll hier nicht die Rede sein. Auch nicht davon, dass der 61-Jährige vermutlich in den Augen vieler ein Störenfried ist. Einer, der bei vielen Gelegenheiten Briefe schreibt und damit andere zwingt, sich zu verhalten. Abgeordnete, Minister, Bürgermeister, Unternehmer, selbst Florian Silbereisen bekam schon solche Post. Wenn Gunter Schreyer etwas als ungerecht empfindet oder der Meinung ist, dass ihm Unrecht widerfahren ist, schickt er seinen Unmut oder seine Meinung oder beides mit der Post weg. Oft bekommt er Antwort.

Vor zehn Jahren las Gunter Schreyer einen Artikel in der »Super ILLU«, in dem 1000 freie Lehrstellen im Osten angeboten wurden. Man konnte sich melden, per Fax über eine 0190-Nummer. Schreyer machte den Test. Die Lehrstellen waren zum großen Teil Ausbildungsangebote, für die man bezahlen sollte. Was für eine Schweinerei, dachte sich Gunter Schreyer. Bezahl-Kontaktnummer und Lehrstellen, für die man blechen muss.

Trotz Abitur
keine Ausbildung

Nicole, 22 Jahre, wohnt im Elternhaus in Fürstenwalde bei Berlin und arbeitet in der Hauptstadt in einem mittelständischen Unternehmen: »Ich habe 2006 an einem Oberstufenzentrum in Fürstenwalde das Abitur gemacht und mich danach bei vielen Unternehmen um eine Ausbildung beworben. Ich wollte etwas im Bereich Grafik, Design, Mediengestaltung machen. Nur Absagen habe ich bekommen. Manchmal dachte ich: Da hast du nun 13 Jahre die Schulbank gedrückt, ein ganz gutes Abitur gemacht und willst unbedingt eine Ausbildung und es klappt nicht. Man weiß nicht mal genau, warum es nicht klappt, weil die Absagen immer gleichlautend sind. Dann erfuhr ich von der Beruflichen Schule Hangelsberg, eine staatlich anerkannte Ersatzschule, in der man eine Ausbildung zur gestaltungstechnischen Assistentin für Grafik und Design machen kann. 60 Euro monatlich Schulgeld, aber mein Wunschberuf. Also ging ich darauf ein. Nach zwei Jahren hatte ich meinen Abschluss. Danach machte ich freiwillig ein mehrmonatiges Praktikum in einer kleinen Agentur in Berlin-Weißensee. Sonst wäre ich erst einmal arbeitslos gewesen. Ich dachte mir, lieber ein Praktikum, bezahlt oder unbezahlt, da sammle ich wenigstens noch praktische Erfahrungen.

Später fand ich Arbeit, in einem Berliner Unternehmen. Darüber bin ich froh. Es hat sich gelohnt. Ich will vorankommen, am schönsten wäre, wenn ich irgendwann einmal eine eigene Agentur habe. Das traue ich mir zu, mir liegt diese Arbeit, ich kann was. Ob ich das richtig finde, dass man für seine Ausbildung bezahlen muss? Es scheint ja oft keine andere Möglichkeit zu geben.«

Gunter Schreyer begann, in Tageszeitungen zu recherchieren, welche Unternehmen Ausbildungsstellen anbieten. Und er las die Anzeigen von denen, die eine Ausbildung suchen. Er kopierte die Angebote der einen und schickte sie an die anderen. So fing es an. Ganz einfach. Und es fühlte sich richtig an. Seine Briefe und Anfragen verhalfen dem Mann zu einem Computer. Jetzt konnte er im Internet auf die Suche nach Betrieben gehen, die ausbilden, und anfangen, diese Informationen zusammenzufassen. Er stellte die Angebote, nach Postleitzahlen geordnet, ins Internet. Seit vergangenem Jahr gibt es die Webseite www.lehrstellenservice.info. Beim Programmieren half der Sohn der Ehefrau. Inzwischen gibt es auch kleine weiße Taschenbücher, für jede Postleitzahl von 0 bis 9 eines. Manchmal sagten Betreuer beim Jobcenter Gunter Schreyer, er solle sich mal lieber um Arbeit kümmern, statt so etwas zu ma-chen. Als sei dies kein nützliches Tun. Das ärgerte ihn. Jedes Mal. Er schrieb Beschwerdebriefe, besuchte Ausbildungsmessen, Schulen, Stadtteilfeste, Gewerbeschauen. Wahrscheinlich ging er einigen Leuten auf die Nerven, wenn er ihnen schrieb, er wolle auf die Ausbildungsmesse, könne sich aber die Fahrkarten nicht leisten. Hin und wieder sponserte jemand das Fahrgeld und um nichts anderes ging es ja. Das Lehrstellenverzeichnis wuchs, Kontakte wurden geknüpft, Gunter Schreyer stellte sich und seine Initiative anderen vor. Und nicht wenige fanden es gut. Müntefering schrieb einen Dankesbrief. »Davon kann ich mir nüscht kaufen«, sagt Schreyer. Aber den Brief hat er noch.

Schlaflos
wegen Schulden

Christian, 22 Jahre, begann 2008 eine Lehre als Automobilkaufmann, nachdem er zuvor eine Ausbildung zum Straßenbauer abgeschlossen und seinen Zivildienst geleistet hatte: »Seit Januar 2005 habe ich eine eigene Wohnung, 245 Euro Warmmiete. Ich habe eine Berufsunfähigkeits- und eine Hausratsversicherung, ein Telefon. Meine Festkosten betragen monatlich 342 Euro. Die Ausbildungsvergütung beträgt 350 Euro brutto, auf die Hand 280 Euro. Ich habe bei der ARGE einen Antrag zur Sicherung des Lebensunterhalts gestellt, der wurde abgelehnt. Ich solle mich ans BAföG-Amt wenden. Das habe ich getan und die sagten, die ARGE sei zuständig. Inzwischen ist die zweite Mahnung von meinem Vermieter da. Ich lerne meinen Traumberuf, aber ich werde bald auf der Straße sitzen. Ich kann nicht mehr ruhig schlafen, wegen der Schulden. Wenn ich meine Lehre abbreche, übernimmt die ARGE die Wohnungskosten, dann würde ich hier nicht rausfliegen. Ist das nicht toll?« (aus einem Brief an Abgeordnete des Deutschen Bundestages)

Gunter Schreyer tut etwas, was der DGB wahrscheinlich nur gutheißen kann. Er versucht, zu helfen. Der DGB hat in einer Studie zur Jugendarbeitslosigkeit beschrieben, wie sehr das Ausmaß der Jugendarbeitslosigkeit unterschätzt würde. Klar sei: Je höher der Abschluss, desto geringer die Gefahr, arbeitslos zu werden. 2007 waren in Deutschland 17,7 Prozent der 25- bis 64-Jährigen ohne Berufsabschluss arbeitslos. Aber auch mit abgeschlossener Ausbildung ist es schwierig für junge Menschen, eine Beschäftigung zu finden. Zähle man die Zahl der arbeitslos gemeldeten Jugendlichen und der unversorgten Bewerber für Berufsbildungsstellen zusammen, so die Studie, nähere man sich den Zahlen der internationalen Statistiken. Im Juni 2008 zählte man in Deutschland 304022 15- bis 25-Jährige als arbeitslos und 233822 unversorgte Bewerber für
Berufsausbildungsstellen. Für den Abgeordneten Klaus Ernst ist dies nicht überraschend: »Seit Jahren stehlen sich die Unternehmen aus der Verantwortung. Einerseits wird über Fachkräftemangel geklagt - andererseits bildet nur jeder vierte Betrieb aus. Gegen diese Weigerung hilft auch alles Bitten und Betteln der Bundesregierung nichts - der
sogenannte »Ausbildungspakt« ist eine Farce. Da die Verantwortung für ausreichend Ausbildungsplätze immer noch bei der Wirtschaft liegt, ist es schon lange Zeit für eine Umlagefinanzierung zwischen den Betrieben.«

Es gilt als erwiesen, dass Jugendliche ein doppelt so hohes Risiko haben, arbeitslos zu werden. Sie würden sehr schnell Opfer einer schlechten Konjunkturentwicklung, so der DGB. Viele erlebten ihre Situation als persönliches Versagen, auch, weil sie teilweise so behandelt werden, als sei es ihre Schuld.

Was die Politik zur Verbesserung der Situation für junge Menschen tun kann oder besser muss, liegt für Klaus Ernst auf der Hand. DIE LINKE fordert seit langem die massive Einschränkung von Leiharbeit, unbezahlten Praktika und befristeter Beschäftigung. »Junge Menschen gehören zu den Verlierern am Arbeitsmarkt«, so Ernst, »sie sind zu über 60 Prozent von prekärer Beschäftigung - wie Minijobs, Befristungen und niedrigen Löhnen - betroffen. Dem setzen wir die Forderung nach mehr Mitbestimmung der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer im Betrieb und mehr Schutzrechten entgegen.«

Oliver Gromann, 23 Jahre, macht eine Ausbildung zum Fachangestellten für Bürokommunikation im Bundestag: »Im ersten Anlauf habe ich nur den Hauptschulabschluss und dann an einem Oberstufenzentrum den Realschulabschluss geschafft. Warum? Ich wollte unbedingt Krankenpfleger werden. Das liegt ein bisschen in der Familie, so etwas machen zu wollen. Ich habe ungefähr fünfzig Bewerbungen geschrieben, an alle Krankenhäuser in Berlin und bun-desweit. Meine Zeugnisnoten waren ja nicht so besonders, aber wirklich, ich wollte unbedingt diesen Beruf lernen. Keine Chance, also begann ich eine Ausbildung zum Trockenbauer. Und musste aus gesundheitlichen Gründen bald wieder aufhören. Der einzige Vorteil war, dass ich nun auch nicht zum Bund musste. Ich wurde arbeitslos, mit 19, hatte Stress zu Hause und zog zu meiner Freundin. Bekam eine ABM für acht Monate. Machte Spaß, die Arbeit. Dann war ich wieder arbeitslos und hatte noch immer keine Ausbildung. Ich bewarb mich um eine Lehrstelle als Koch. Die Absagen lauteten meist: ›Sie passen nicht ins Bewerberprofil‹.

Irgendwann war ich so verzweifelt, dass ich einen Job in einer Drückerkolonne annahm. Zeitungsabos in Bayern und Baden-Württemberg verkaufen, untergebracht in irgendwelchen Abrisshäusern. Hielt ich nicht aus. In den folgenden Monaten schlug ich mich mit Gelegenheitsjobs durch, mal hier, mal da. Dann vermittelte mich das Arbeitsamt zur Zeitarbeit. Ich hatte immer noch keine Ausbildung, sollte aber in einem Callcenter Leuten irgendwelche Sachen andrehen. Also wieder Drü-ckerkolonne. Ne, hab ich gesagt, das mach ich nicht noch einmal.

Und dann sah ich in der Berliner Morgenpost die Anzeige der Linksfraktion im Bundestag. Ausbildung zum Verwaltungsfachangestellten. Ich wurde zum Vorstellungsgespräch eingeladen. Ich war unglaublich aufgeregt und dann so ein tolles Gespräch.

Ich bin so froh und es macht mir Spaß. Ich mache jetzt diese Ausbildung und danach entwickle ich mich weiter. Da ist viel möglich. Und im Sommer fahre ich vielleicht nach Barcelona. Da will ich hin. Ich habe von Enzensberger ›Der kurze Sommer der Anarchie‹ gelesen. Deshalb.«

Die besondere Situation von Auszubildenden und jungen Beschäftigten steht auch im Mittelpunkt einer Konferenz der Fraktion DIE LINKE mit Jugend- und Auszu-bildendenvertreterInnen, die am 6. und
7. April 2009 in Berlin stattfindet. »Ich hoffe auf eine rege Beteiligung«, so Klaus Ernst »und viele Hinweise darauf, wie wir die politischen Rahmenbedingungen für gute Arbeit für junge Menschen verbessern können.«

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