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In Memoriam: Wohnungen für Frauen und Studentinnen

erschienen in Lotta, Ausgabe 10,

Emilie Winkelmann war Deutschlands erste freie Architektin. Sie setzte Maßstäbe für gemeinschaftliches Wohnen von Frauen.

Emilie Winkelmann war Tochter eines Lehrers. Doch statt dem Vater und den Vorstellungen ihrer Zeit zu folgen und Lehrerin zu werden, wählte sie einen völlig anderen Lebensweg. Sie erlernte – für Mädchen Ende des 19. Jahrhunderts mehr als ungewöhnlich – das Zimmermannshandwerk und arbeitete im Baubetrieb ihres Großvaters. Im Jahr 1902 gelang ihr die Aufnahme eines Architekturstudiums an der Universität Hannover – ebenfalls ungewöhnlich, weil Frauen zu dieser Zeit keinen offiziellen Zutritt zu Universitäte hatten. Ihr Gesuch hatte sie mit „E. Winkelmann“ unterzeichnet. Im Jahr1906 wurde ihr dann allerdings die Zulassung zum Staatsexamen verweigert.

Daraufhin ging Emilie Winkelmann nach Berlin und eröffnete als erste freie Architektin ein eigenes Büro. Sie arbeitete so erfolgreich, dass sie bis zu 15 Zeichner beschäftigte. Im Jahr 1907 erhielt sie den 1. Preis in einem Architekturwettbewerb für ein Berliner Theatergebäude. In den folgenden Jahren entwarf sie Villen, Land- und Gutshäuser für Leute, die das Geld dafür hatten. Aber es gab auch Aufträge für den Bau von Mietshäusern und Fabriken.

Ab 1912 betreute sie einen außergewöhnlichen Bau in Neubabelsberg. Auftraggeberin war die Genossenschaft der Wohnstätten für Frauen. Diese Genossenschaft wollte gesunde und preiswerte Unterkünfte für pensionierte, gebildete, aber nicht sehr bemittelte Frauen errichten. Dabei ging es nicht um gemeinnützige Einrichtungen wie Stiftungen oder Altersheime. Die Zielgruppe waren Frauen, die durch eigene Arbeit wirtschaftlich unabhängig waren, und die sich diese Unabhängigkeit in einem hohen Maße im Alter bewahren wollten. Diese Unabhängigkeit und Eigenständigkeit sollte jedoch im Alter nicht zur Isolation führen, sondern die Möglichkeit bieten, in einer selbst gewählten Gemeinschaft mit anderen Frauen zu leben, die ähnliche Interessen und Lebenserfahrungen hatten. Eine ausgesprochen moderne Idee weit vor unserer Zeit. In den Jahren 1913 bis 1914 entstand nach den Plänen von Emilie Winkelmann eine Art Modellprojekt, denn die Genossenschaft hatte vor, weitere Häuser zu errichten. Das erste Winkelmann-Haus bestand aus drei Stockwerken mit insgesamt 14 Wohnungen. Die wiederum zählten ein bis drei Räume. Jede hatte einen eigenen Eingangsbereich, eine Küche, Loggia und Toilette, die größeren Wohnungen hatten sogar ein eigenes Bad, die anderen mussten sich Etagenbäder teilen. Das Haus verfügte über eine Zentralheizung, Heißwasser und elektrischen Strom. Jede Bewohnerin hatte somit ihren eigenen abgeschlossenen Lebensbereich. Im Erdgeschoss befand sich ein Speisesaal. Er bot den Frauen die Möglichkeit für gemeinsames Essen und Gespräche. Schon lange bevor das Haus fertig war, waren die Wohnungen vergeben. Nach diesem ersten Frauenwohnprojekt gerieten die weiteren Pläne ins Stocken. Der Erste Weltkrieg zerstörte die Wohnträume, danach die Inflation das gesammelte Kapital. Erst 1927 entstand eine zweite Einrichtung.

Gleichzeitig arbeitete Emilie Winkelmann an einem neuem Projekt, das unter der Schirmherrschaft von Kaiserin Auguste Viktoria stand. Sie entwickelte das Viktoria Studienhaus, eine Wohn- und Bildungsstätte für Berliner Studentinnen. Unterstützt wurde das Projekt von der Frauenrechtlerin Ottilie von Hansemann, die sich für die Zulassung von Frauen zu allen Studiengängen einsetzte. Von ihr kam auch der entscheidende Kapitalbeitrag für den Gebäudekomplex, bestehend aus Klassenräumen und Wohnheim für die Studentinnen. Auch hier gab es elektrischen Strom und Warmwasser, sogar Fahrstühle. Außerdem befanden sich im Erdgeschoss ein großer Saal, eine Bibliothek und im Hof gab es einen eigenen Garten.

Heute steht dieses Haus unter Denkmalschutz und trägt den Name „Ottilie von Hansemann“. 1928 erhielt Emilie Winkelmann endlich auch eine offizielle Würdigung: Sie wurde in den Bund der Architekten aufgenommen. Da war sie bereits chronisch erkrankt, seit 1916 litt die Architektin an einem Ohrleiden, das später zu Schwerhörigkeit führen sollte. Trotzdem arbeitete sie weiter. Sie modernisierte Guts- und Herrenhäuser, baut neue Gebäude. Beispielsweis das Schloss Nieden der Familie von Winterfeld in der Nähe von Pasewalk im Land Brandenburg.

In den letzten Jahren des Zweite Weltkriegs wurde sie von einer Familie ihrer Bauherren auf Gut Hovedissen bei Bielefeld aufgenommen. Nach Ende des Kriegs kümmerte sie sich um den Wiederaufbau des Guts und um die Unterbringung von Flüchtlingen und Vertriebenen. Emilie Winkelmann starb im August 1951 und wurde im Familiengrab in Aken, Sachsen-Anhalt, beigesetzt.