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Ich spüre was, was du nicht siehst!

erschienen in Lotta, Ausgabe 1,

Dass die Schere zwischen Arm und Reich auseinandergehe, habe sie schon vor den Hartz-IV-Gesetzen gespürt. »Das widersprach meinem Empfinden, wie eine soziale Gesellschaft auszusehen hat.« Brachte sie, die kein Partei- oder Vereinsmensch sei, in die Wahlalternative Arbeit & Soziale Gerechtigkeit (WASG). Außerdem war Carmen Thiele als Purserette der Lufthansa herumgekommen. Jemen,      Indien – unterschiedliche Gesellschaften, Zustände, Armut selbst in einem reichen Land wie den USA. Hat sie schockiert. Eine Kabinenchefin wird auf Krisensituationen in einem Flugzeug geschult. Krisen in Deutschland? »Ein unsichtbares Damoklesschwert.« Noch, vielleicht. Carmen hat keine Not, auch wenn sie krankheitshalber ihren Beruf ver­lassen musste. Auch wenn der Mann, Iraner und Architekt, arbeitslos ist. Auch im Freundes- und Bekanntenkreis; »gut situierte Leute, die meisten mit einer ähnlichen Erwerbsbiografie wie ich, also langjährige Jobs«, heiße es eher: Okay, die Rente wird nicht der Brüller, aber man kann damit leben.
»Es macht mir Angst, dass die Leute keine Angst haben«
»Dass Leute, die wirklich gearbeitet haben, plötzlich in die Armut fallen oder an den Rand der Gesellschaft gedrängt werden« – das hat Carmen in die Politik gebracht, erst in die WASG, dann in DIE LINKE.  
Carmen Thiele (58)

Angst? Heute gibt es in der »Kaffeestube« Kohlroulade mit Püree. Für 2,50 Euro. Gleicher Preis, jeden Tag. Christel Willing schmeißt den Laden seit zwanzig Jahren. Erst ehrenamtlich, seit sieben Jahren bekommt sie ein Gehalt. Sie und der Koch werden für ihre Arbeit von der Gutleut-Gemeinde bezahlt. Christel hat Friseurin gelernt, wurde arbeitslos. Wie ihr Mann, ein Maurer, seit Jahren jetzt. Er hat sich angeboten. »Unter Preis, auch unter Preis!« Aber nichts. »Macht er eben Haushalt und geht Gassi mit dem Hund.« Kratziges Lachen. »Krise, Krise …?« Früher hat sie 50 Essen ausgegeben, heute sind es 70,80 pro Tag. Die meisten sind Stammgäste. Und Angst? »Wovor soll ich Angst haben? Ich bin jetzt 63. Wenn von heute auf morgen was passiert. Mit der Tochter, mit dem Enkelkind – das wäre …« Oder wenn plötzlich ein Rentenbescheid käme, der … »Man weiß nie, was dem Staat einfällt.«
»Wir wollen nicht zwischen Arm und Reich unterscheiden«
Christel Willing (63)

»Das macht uns nachhaltig kaputt«
Claudia Keth ist mittlerweile eines der Gesichter von  Occupy Frankfurt. Obwohl die Bewegung Wert darauf legt, nicht hierarchisch und ohne die üblichen Repräsentanten und Rundumerklärer zu agieren und jeden aufnimmt, der »Schutz gegen die Kälte des Kapitalismus« sucht. Solidarität, Empathie, Aufmerksamkeit – gäbe es ein Statut, solche Begriffe ständen darin. Claudia, pathetisch und trotzdem nicht peinlich: »Ich will eine Welt, in der alle glücklich sind. Ich glaube, dass es niemanden gibt, der von Leid und Schmerz in diesem System verschont ist. Entweder man erfährt’s direkt am eigenen Leib An der eigenen Seele. Oder man muss sich nur die Elendsgeschichten der Welt angucken. Wenn wir diese Empathie ausblenden, dann funktionieren wir im      System. Das macht uns menschlich nachhaltig kaputt. Wir wollen die Demütigungen, die Ängste, die Schmerzen nicht länger ertragen. Deswegen hat sich dieses Camp  gebildet. Hier wird täglich gelebt, was im Kapitalismus fehlt. Wie ich es noch nirgendwo auf der Welt gesehen habe. Wir haben angefangen, gegen die Banken zu demonstrieren. Aber es geht um viel mehr. Jeden Tag leben wir das Miteinander. Jeden Tag reden Menschen miteinander, die ihre Päckchen an Leid und Schmerzen tragen. Täglich, stündlich erleben wir Mitgefühl, Solidarität und Liebe. So viel Glück wie in diesem Camp habe ich noch nie in meinem Leben empfunden.«

»Wovor soll ich Angst haben?«
Nadine (18)
Sie ist 18, im sechsten Monat schwanger und leistet gerade Sozialstunden ab. Dazu verdonnert, weil sie beim Schwarzfahren erwischt wurde. Sie hat einen Freund und keine Angst vor der Zukunft. »Wieso Angst?« Mit 14 ist sie von der Mutter weg. Hat vier Jahre auf der Straße gelebt. »Wenn du wissen willst, wie das ist – ich kann dir sagen, wo du welche triffst.« Nadine ist höflich und hilfsbereit. Eine Brücke über dem Main, darunter, ein Treff. »Welche? Solche wie mich.« Sie rechnet mit einer Zukunft. Sie will die Schule abschließen und aus dem Betreuten Wohnen für Erwachsene raus. Nadine ist nicht das Kind einer besonderen Krise. Sie ist Vollmitglied des Sozialstaats und lebt an seinem Rand.
 

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