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»Heute muss man nicht mehr heiraten, nur weil ein Kind unterwegs ist«

erschienen in Querblick, Ausgabe 19,

Die 80-jährige Frauenforscherin Herta Kuhrig spricht über Gleichberechtigung, die Erfolge der Frauenbewegung und ihre Wut angesichts von Bedarfsgemeinschaften bei Hartz IV.

Ihr Leben zieht fast den Jahrhundertweg nach:1930 geboren, gehören Krieg, Flucht, Neuanfang, dann der gesellschaftliche Zusammenbruch1989 zu ihren Lebenserfahrungen. Welches dieser Ereignisse hat Sie besonders geprägt?

Herta Kuhrig: Der Krieg! Ich denke, dass wir eine veränderte Welt haben, wenn die Zeitzeugen von damals alle weg sind, also diejenigen, die den Krieg noch persönlich erlebt haben. Denn das Ziel, in Frieden zu leben, das sehen die, die immer in Frieden gelebt haben, nicht mehr als vorrangig an. Einfach, weil es so selbstverständlich geworden ist.

Sie haben noch studiert, als Ihre erste Tochter auf die Welt kam. Das war 1952. Zwei Jahre später wurde die zweite Tochter geboren. Studium, Familie, Arbeit – alles auf einmal?

Der Gedanke, dass ich nur ein Mädchen bin und deshalb etwas nicht kann oder darf, stellte sich mir nicht. Ich fühlte mich als Mensch. Ich wollte studieren, Kinder haben, einen Mann, den ich liebe, der mich braucht und den ich brauche. Ja, und plötzlich merkte ich, dass das nicht so einfach ist: Wissenschaftlich arbeiten mit zwei kleinen Kindern, das war ganz schön kompliziert. Aber ich wollte beides, Beruf und Familie.

Sie hatten damals gerade an der Hochschule für Ökonomie in Berlin-Karlshorst angefangen.

Aus dieser Zeit resultiert eines meiner Schlüsselerlebnisse. Mein Instituts­direktor war beim Weltkongress für Soziologie gewesen und erzählte danach, dass dort vor allem die westlichen Kollegen darüber debattiert hatten, dass es nicht nur spannend ist, die Makroprozesse zu beleuchten, die durch die Verän­derung der Eigentumsverhältnisse entstanden sind. Sondern auch genau hinzuschauen, wie sich der Aufbau einer neuen Gesellschaft auf einzelne Gruppen auswirkt, zum Beispiel auf die Stellung der Frau und auf die Familie. Das war umwerfend für mich: Alles, was ich als Konflikte und Widersprüche erlebte, konnte nun auch Gegenstand der Forschung sein. Dabei bin ich geblieben.

Darüber, ob die Frauen in der DDR gleichberechtigt waren oder nicht, wird bis heute gestritten. Sie waren mittendrin. Als Frauenforscherin, als Ehefrau und Mutter. Wie definieren Sie Gleichberechtigung?

Man lernt im Laufe eines langen Lebens zu fragen, was verstehst du darunter, bevor man anfängt über Begriffe zu streiten. In Bezug auf Gleichstellung, Gleichberechtigung, Gleichheit herrscht viel Unexaktheit. Es diskutieren schließlich nicht nur Frauen darüber, die das studiert haben, sondern auch diejenigen, deren Leben das ist. Der Mindest­konsens lautet: Mann und Frau haben gleiche Rechte.

In dem Wort Gleichberechtigung kommt das Wörtchen Recht vor.

Es ist fast vergessen, dass die Frauen in der Bundesrepublik bis in die 1970er Jahre die Genehmigung ihrer Ehemänner brauchten, wenn sie berufstätig sein wollten. Bei all meiner Kritik an der DDR-Frauen­politik hat sie die Gleichberechtigung von Mann und Frau in der ersten Verfassung von1949 festgeschrieben. Sie hat auch festgeschrieben, dass alle Gesetze und Bestimmungen, die der Gleichberechtigung der Frau entgegenstehen, aufzuheben sind.

Vor zwanzig Jahren stießen die bewegten Frauen des Ostens und des Westens aufeinander. Voller Hoffnung – und am Ende voller Enttäuschung. Was ist falschgelaufen?

Vielleicht fing es mit zu vielen Illusionen an. Vierzig Jahre lang herrschten eine jeweils völlig andere Politik, ein völlig anderes Denken auch über die Geschlechterfrage. Dass das nicht spurlos an den Menschen vorbeigeht, hätte uns klar sein müssen, da prallen die Meinungen aufeinander. Ein Beginn wäre es gewesen, dass wir uns gegenseitig erzählen, wie wir was erlebt haben, und erst dann bewerten. Wir haben genau das Gegenteil getan.

Sind die Frauen von heute sich nähergekommen, weil sie mittlerweile ähnliche Probleme haben?

Die jungen Frauen heute sind eine andere Generation, sie haben andere Probleme, aber auch neue Chancen. Viel mehr Frauen haben eine Univer­sitätsausbildung, abgeschlossene Berufsausbildungen. Natürlich benennt man gern, was noch fehlt. Mir ist wichtig, gerade wenn ich auf hundert Jahre Frauentag schaue, dass es so viele positive Ergebnisse gibt, auf die die Frauen von vor hundert Jahren stolz wären.

Was zum Beispiel?

Ich denke an die Selbstverständlichkeit, mit der Mädchen heute einen Beruf erlernen. Trotzdem aber immer noch schlechter bezahlt werden. Dann an die rechtliche Akzeptanz von gleichgeschlechtlichen Partnerschaften. Ich denke daran, dass man heute nicht heiraten muss, nur weil ein Kind unterwegs ist. Das alles war unvorstellbar vor fünfzig oder hundert Jahren. Gleichzeitig entsetzt mich so etwas wie die Bedarfsgemeinschaft bei Hartz IV.

Warum?

Ich war ein Leben lang stolz, mein eigenes Geld zu verdienen, weil Emanzipation ohne ökonomische Unabhängigkeit nicht möglich ist. Und plötzlich wird man per Gesetz Teil einer Bedarfsgemeinschaft, ein anderer muss mich miternähren. Also, ein Blick zurück und zwei nach vorn: die Kämpfe waren nicht erfolglos, aber es bleibt noch viel zu tun.

Das Interview führte Gisela Zimmer
 

Zur Person
Herta Kuhrig, geboren1930 im heutigen Tschechien. Flucht mit 15 Jahren. Ankunft in der Silvesternacht1945/46 in Mecklenburg. Besuch der Handelsschule in Schwerin und der Fachhochschule für Wirtschaft und Verwaltung. Danach Studium in Leipzig. Nach der Geburt von zwei Töchtern promoviert Herta Kuhrig, wird Leiterin der Forschungsgruppe »Die Frau in der sozialistischen Gesellschaft« an der Akademie der Wissenschaften der DDR. Im Jahr1973 erfolgt die Berufung als Professorin.1990, im Jahr der Wiedervereinigung, geht sie im Alter von 60 Jahren in den Ruhestand. Im selben Jahr gründet sie die feministische Frauenorganisation Lisa der PDS. Bis heute hält Herta Kuhrig Vorträge und besucht Konferenzen. Sie ist Vorsitzende der Seniorenver­tretung im Berliner Stadtteil Treptow-Köpenick.

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